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Das kleine Gallien des Ruhrgebiets muckt auf

Ben Redelings
·Lesedauer: 6 Min.

"VfL-Fan zu sein, ist, wie wenn dich jedes Wochenende deine Frau verlässt." Das ist ein geflügeltes Wort in Bochum.

Momentan jedoch reiben sich alle Anhänger des Vereins für Leibesübungen 1848 e.V. verwundert vor den TV-Bildschirmen die Augen. Das Lebensgefühl so vieler Jahre ist von einer zarten Schicht blau-weißem Puderzucker-Schnee überdeckt. Noch trauen nicht alle diesen neuen schönen Zeiten so recht über den Weg. Zu ungewohnt fühlt sich die Erfolgsserie für die Fans des Klubs von der Castroper Straße an – denn sie sind Rückschläge gewohnt. (Tabelle der 2. Liga)

Eigentlich reicht ein einziges Spiel aus, um die Seele dieses kleinen, sympathischen Vereins aus dem Ruhrgebiet zu beschreiben. Damals, am 18. September 1976, war der große FC Bayern München zu Gast im Bochumer Ruhrstadion, als Unglaubliches geschah.

Jahrhundertspiel des VfL Bochum ist eine Niederlage

Nach 53 Minuten führte der VfL sensationell mit 4:0 gegen Beckenbauer, Schwarzenbeck, Müller, Rummenigge und Co. Das Stadion kochte. Fünf Jahre nach dem Aufstieg der Bochumer wähnte man sich endlich angekommen in der Beletage des deutschen Fußballs. Doch dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Binnen zwanzig Minuten schossen die Münchener fünf Tore und damit eine 5:4-Führung heraus. Eine einzige Katastrophe!

Was war es da für eine Freude, als Jupp Kaczor in der 80. Minute das 5:5 erzielte. Doch das Happy-End blieb aus: Eine Minute vor Schluss der Partie netzte der spätere Bayern-Manager Uli Hoeneß zum endgültigen 5:6 ein. Viele Bochumer saßen noch minutenlang fassungslos und Tränen überströmt auf ihren Plätzen. Die Partie hat eine tiefe Kerbe in die Geschichte des Vereins geschlagen.

Denn aller Voraussicht nach wird es keinen anderen Klub auf dieser Welt geben, der bei einer offiziellen Wahl von Fans eine Niederlage zum "Jahrhundertspiel" des eigenen Vereins erkoren hat. In Bochum ist das so. Die Schlappe nach einer 4:0-Führung gegen die Bayern ist die symbolische DNA des Klubs von der Castroper Straße.

Eine andere Sache beschäftigt die VfL-Fans seit jeher – ob sie wollen oder nicht. Der ehemalige Bundesligaspieler und gebürtige Bochumer Frank Benatelli – sein Sohn Rico spielt mittlerweile für den FC St. Pauli – hat es einmal so ausgedrückt: "Ich kann heute noch nicht verstehen, wenn man in Bochum Autos sieht, von Leuten, die hier in Bochum wohnen und die haben da hinten ein Abzeichen von Schalke 04 drauf oder Borussia Dortmund. Tut mir Leid, kann ich nicht nachvollziehen. Man wohnt hier in Bochum, ist Bochumer und Fan von Schalke oder Dortmund. Ist das gleiche, als wenn Holland gegen Deutschland spielt und die Leute halten zu Holland."

Bochum: Das Gallien des Ruhrpotts

Viele Jahre lang hatte man in Bochum Sorge, von den beiden Klubs in der unmittelbaren Nachbarschaft eines Tages erdrückt zu werden. Doch das letzte Jahrzehnt in der Zweitklassigkeit hat diese Gedanken in weite Ferne gerückt. Die alte Rivalität ist zwar noch vorhanden – doch sie konnte durch den Ligaunterschied schon lange nicht mehr gelebt werden. (Spielplan der 2. Liga)

Vielleicht ist das auch gut so. Denn so hat sich unbewusst wieder eine Chance herauskristallisiert, die der Bochumer Fanbeauftragte Dirk "Moppel" Michalowski schon vor vielen Jahren einmal so beschrieb: "Warum sollen wir nicht dieses kleine Gallien sein wie bei Asterix und Obelix? Ein kleines aufständiges Dorf, was plötzlich für Furore sorgt. Das mit diesem kleinen, familiären Charme gegen die Großen aufmotzt und dabei sagt, wird sind auch noch da und egal wie groß ihr seid, wir bleiben auch noch da."

Mittlerweile hat sich der VfL Bochum in dieser Nische ganz ordentlich zurecht gefunden. Immer noch gilt das ehemals als "Schmuckkästchen der Liga" gefeierte Ruhrstadion als Pilgerort für Auswärtsfans. Ein Pfund, mit dem man als kleiner Underdog-Verein, der mit wenig Geld möglichst viel auf die Beine stellen muss, auch bei jungen Fußballanhängern fernab der großen Fleischtöpfe und glitzernden Arenen punkten kann.

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Denn egal wie die Entwicklung des Klubs in den nächsten Jahren auch verlaufen wird, der alte Fangesang - "Wir steigen auf, wir steigen ab, und zwischendurch UEFA-Cup!" – wird vermutlich nie wieder ohne sentimentale Ironie an der Castroper Straße zu hören sein. Wer in seinem Leben mal einen Titel mit seinem Verein gewinnen will, der sollte sein Herz besser nicht an die Blau-Weißen verlieren – oder wie viele alte Bochumer wie zuletzt Leon Goretzka oder Hermann Gerland irgendwann in die Ferne ziehen.

"Tiger" (oder wie ihn die alten Recken nennen "Eiche") Gerland war es auch, der 2010, als er als Co-Trainer unter Louis van Gaal mit den Bayern deutscher Meister wurde, nicht vergaß, wo er herkommt.

Seine damaligen Worte waren auch eine Hommage an seinen alten Klub und seine Heimatstadt - und beschreiben anschaulich die tiefen Wurzeln, die der VfL bei ihm hinterlassen hat: "Wissen Sie, ich bin ein besessener Fußballer, aber ich hatte noch nie einen Titel gewonnen. Und nun war ich dabei, wenn der renommierteste Verein Deutschlands einen Triumph feiert.

Hermann Gerland: Bochum- und Bayern-Legende

Da habe ich an meine Bochumer Zeiten als Profi gedacht, wo Mutter meine Trainingsklamotten waschen musste, und wir Spieler, wir durften uns beim Mittagessen entweder für Suppe oder Nachtisch entscheiden. Da gab es nur Entweder-oder, beides kriegte keiner. In mir war immer der Wunsch, einmal sagen zu können: Einer aus Bochum war ein bisschen am Gewinn der deutschen Meisterschaft beteiligt. Und jetzt stand ich da auf dem Balkon und war überwältigt von dem Gefühl: Junge, du hier oben – es hat sich alles gelohnt!"

Damals am 18. September 1976, als die DNA des Klubs von der Castroper Straße maßgeblich geprägt wurde, stand Hermann Gerland in der Abwehr des VfL, die am Ende noch sechs Tore gegen die Bayern kassierte. Mittlerweile ist Gerland eine VfL-Legende. Auch er wird momentan mit Verwunderung und viel Wohlwollen die Erfolgsserie des VfL aus der Ferne begleiten.

Denn eines Tages, so war es immer sein Wunsch, möchte er mit seiner Frau Gudrun nach Bochum zurückkehren. Wie schön wäre es da doch, wenn sie an einem Wochenende gemeinsam den VfL im alt-ehrwürdigen Ruhrstadion siegen sehen würden.

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Vielleicht dann ja auch in der ersten Liga gegen seine zweite Liebe, die Bayern. Eigentlich wäre es doch mal an der Zeit für ein neues Jahrhundertspiel und eine Korrektur der DNA, oder? Jetzt, wo die Anhänger des VfL doch gerade ohnehin schon so intensiv beim Augenreiben sind, dürfen sie ruhig auch einmal ein wenig träumen.

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktueller Bestseller "Das neue Buch der Fußballsprüche" verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".