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Keine Lockerungen - Berliner müssen auf mehr Freiheiten warten

·Lesedauer: 4 Min.

BERLIN (dpa-AFX) - Wieder einmal ruhen die Hoffnungen der deutschen Politik auf einer Behörde in einem schmucklosen Bürogebäude in Amsterdams Süden. Hier, bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, soll das Signal gegeben werden, ob der Impfstoff von Astrazeneca <GB0009895292> weiterverwendet wird. Sagt die EMA Stopp, müsste der Impfplan umgeschrieben werden. Die Regierung sieht unerwartete Probleme auf sich zurollen. Ein dauerhaftes Aus würde "neue Herausforderungen" bedeuten, meint Vizekanzler Olaf Scholz (SPD). Wie geht es weiter?

Was sagt die EMA?

Dass sie am Donnerstag eine Einschätzung zu möglichen Risiken und zur weiteren Verwendung des Impfstoffs abgeben will. Bis dahin gibt sie schon einmal etwas Entwarnung: Stand heute seien die Vorteile zur Verhinderung von Covid-19 größer als das Risiko, sagt EMA-Chefin Emer Cooke. Die 59-jährige Pharmazeutin aus Irland versucht, die Wogen zu glätten: Unerwartet kämen Erkrankungen nach einer Impfung nicht, wenn man Millionen Menschen impfe. Aber: Sind das Nebenwirkungen oder ist es Zufall? Die entscheidende Frage prüft die EMA noch.

Was sind die nächsten Schritte in Deutschland?

Schon bisher war der genaue Fortgang der Impfkampagne unklar - sollen wirklich die Hausärzte spätestens in der Woche vom 19. April groß einsteigen? Das hatten die Gesundheitsminister von Bund und Ländern vergangene Woche empfohlen. Eine für diesen Mittwoch geplante Telefonschalte zum Impfen sagten Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länder-Regierungschefs kurzerhand ab. Möglicherweise findet sie nun am Freitag statt. Heikel werden die kommenden Beratungen von Bund und Ländern zu Corona so oder so: Wegen der steigenden Infektionszahlen stehen gerade alle Öffnungsschritte wieder in Frage.

War der vorläufige Impfstopp in Deutschland nötig?

Die einen sagen: Nein, das zerstört Vertrauen. Grüne und FDP schlagen vor, dass man sich freiwillig mit Astrazeneca impfen lassen kann. Das Bundesgesundheitsministerium verteidigt den Stopp, der ebenfalls für Vertrauen sorgen solle. Seit Freitag seien nun drei neue Fälle von Hirnvenen-Thrombosen nach einer Impfung gemeldet worden - also jetzt insgesamt acht. Drei verliefen tödlich. Trotz der hohen Zahl von 1,6 Millionen Astrazeneca-Impfungen sei das "überdurchschnittlich". Für Experten sei ein Zusammenhang mit der Impfung "nicht unplausibel", erklärte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). So oder so wäre nun eine Impfpause nötig, heißt es aus dem Ministerium: Um Aufklärungsbögen mit Informationen zu Risiken zu aktualisieren.

Wer ist nach der Impfung erkrankt?

Nach bisherigem Kenntnisstand Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren, darunter sechs Frauen. Bei dieser Art von Thrombose kommt es zu einem Verschluss bestimmter Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel. Die Folge: Kopfschmerzen. Zudem können epileptische Anfälle, Lähmungen, Sprachstörungen oder Blutungen an der Haut auftreten.

Gibt es sonst weniger Hirnvenen-Thrombosen?

Ja. Bei 1,6 Millionen Menschen sind in 14 Tagen statistisch gesehen nur 1 bis 1,4 solche Thrombosen zu erwarten. Auch bei Anti-Baby-Pillen sind Thrombosen, auch mit tödlichem Verlauf, bekannt

- aber nur als sehr seltene Nebenwirkung. Doch als Argument gegen den

Astrazeneca-Stopp will das Gesundheitsministerium das nicht gelten lassen, weil eine Impfung von Gesunden ganz besondere Anforderungen an die Sicherheit stelle. Dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach zufolge sind die Risiken von Pille und Impfung nicht vergleichbar.

Was ist mit Menschen, die schon eine Astrazeneca-Impfung haben?

Nur wer 4 bis 14 Tage danach anhaltende Kopfschmerzen oder Hautblutungen entwickelt, soll zum Arzt. Impfschutz wiederum gibt es bereits nach der ersten Spritze, wenn auch in abgeschwächter Form. Gegen schwere Verläufe einer Covid-19-Infektion ist man dann schon geschützt - und zwar rund sechs Monate lang.

Wie weit sind die Impfungen inzwischen überhaupt?

Derzeit gibt es dem Ministerium zufolge 244 400 Impfungen pro Tag. Von 12,5 Millionen gelieferten Dosen sind 9,7 Millionen Dosen gespritzt. Mindestens eine erste Impfung haben 8,1 Prozent der deutschen Bevölkerung, beide Impfungen haben 3,5 Prozent. Bis April sollten die Lieferungen von Astrazeneca auf insgesamt 5,6 Millionen Dosen wachsen, die von Biontech <US09075V1026>/Pfizer auf 12 Millionen und die von Moderna <US60770K1079> auf 1,8 Millionen.

Wie sollte die Impfkampagne mit Astrazeneca weitergehen?

Die Probleme knapper Dosen und überlasteter Termin-Hotlines sollten von April an allmählich schwinden. "Bereits zu Ostern wird der große Impfstoffmangel vorüber sein", frohlockte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vor drei Wochen. Der Löwenanteil soll von Biontech/Pfizer kommen - 40,2 Millionen Dosen im zweiten Quartal, dazu 6,4 Millionen Dosen von Moderna. Astrazeneca sollte mit 16,9 Millionen Dosen dabei sein. Zudem wird in der zweiten Aprilhälfte der Lieferbeginn des Johnson-&-Johnson-Stoffs erwartet.

Ist der ganze Impfplan jetzt Makulatur?

Wenn die EMA bei ihrem bisher positivem Votum für den Astrazeneca-Stoff bleibt, ohnehin nicht. Aber auch sonst nicht komplett. Beispiel Hamburg: Nun werden Reserven anderer Impfstoffe genutzt und der mögliche Zeitabstand zwischen den zwei Impfdosen ausgeschöpft. Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung unter dem Dach der KBV rechnet für den Fall eines dauerhaften Stopps dem "Handelsblatt" zufolge mit einer Verzögerung um rund einen Monat. Nach ihren bisherigen Modellrechnungen im Auftrag der Regierung könnten mit dem Astrazeneca-Stoff alle bis Ende August zwei Impfungen erhalten haben. Ansonsten würde es Ende September.