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Kampf gegen Corona: Darum sind mRNA-basierte Impfstoffe so relevant

·Lesedauer: 5 Min.

Im Kampf gegen Corona bieten auf Boten-Nukleinsäuren basierte Impfstoffe das größte Potenzial. Aber dabei sind auch viele Fragen noch ungeklärt.

Mit der Veröffentlichung von überraschend guten Zwischenergebnissen für ihren Covid-19-Impfstoff sorgten Biontech und Pfizer am Montag rund um den Globus für Erleichterung. Doch der erste wichtige Teilerfolg auf dem Weg zu einem Corona-Impfstoff beantwortet längst nicht alle Fragen – und wirft zugleich neue auf.

Zwiespältig etwa ist das Signal für Konkurrenten in der Forschung. Einerseits spricht der Biontech-Erfolg grundsätzlich dafür, dass ein Impfstoff offenbar tatsächlich gewissen Schutz gegen Sars-CoV-2-Infektionen bieten kann.

Er bestätigt indirekt auch, dass die Grundstrategie der meisten Impfstoffentwickler – eine Immunreaktion gegen das Spike-Protein zu generieren, das das Virus zum Eindringen in die Zellen benötigt – augenscheinlich am richtigen Hebel ansetzt.

Denn sowohl der Biontech-Impfstoff wie auch die Mehrzahl der insgesamt rund 200 Impfstoffprojekte, die global inzwischen verfolgt werden, zielen spezifisch darauf, Immunzellen gegen dieses Oberflächen-Protein des Virus zu aktivieren und die Bildung entsprechender Antikörper auszulösen. Die bisherigen Resultate von Biontech und Pfizer sprechen insofern dafür, dass auch andere Projekte erfolgreich sein könnten.

Die beiden Unternehmen legen aber auch einen sehr hohen Erfolgsmaßstab vor, sollte sich die bisher ermittelte Wirksamkeitsquote von über 90 Prozent in den weiteren Auswertungen bestätigen. Sowohl die Mindestanforderung der US-Arzneimittelbehörde FDA, die nur 50 Prozent Wirksamkeit für eine Zulassung verlangt, als auch die Erwartungen von Experten werden damit weit übertroffen.

Das wiederum wirft die Frage auf, ob und inwieweit sich damit eine Art Mindeststandard etabliert und wie die Zulassungsbehörden und Gesundheitssysteme künftig mit Impfstoffen umgehen, die vielleicht nur 60 Prozent Wirksamkeit bieten?

Angesichts des riesigen Bedarfs an Impfstoffen werden zunächst im Prinzip alle Impfstoffe gefragt sein, die einen gewissen Schutz bieten. Vontobel-Analyst Stefan Schneider verweist darauf, dass die Ziellinie mit dem ersten Impfstoff noch längst nicht erreicht sein wird.

Die von Pfizer und Biontech geplante Produktionsmenge von 1,3 Milliarden Einheiten für 2021 werde bei Weitem nicht ausreichen, um eine Weltbevölkerung von acht Milliarden hinreichend stark zu immunisieren. Zudem bleibt auch die Frage, wie groß die Impfbereitschaft mit Blick auf weniger effiziente Vakzine sein wird.

Studien müssten deutlich größer sein

Die künftige Konstellation im Covid-Impfstoffgeschäft wird darüber hinaus aber auch stark von Details geprägt werden, die bisher noch völlig ungeklärt sind. Dazu gehört etwa die Frage nach der Dauer der Immunität und der Wirksamkeit bei bestimmten Personengruppen, insbesondere älteren Menschen und Personen mit schwerwiegenden Vorerkrankungen. Offen bleibt zudem, inwieweit die Impfstoffe, darunter auch der von Biontech, speziell die Risiken für schwere Krankheitsverläufe senken können und nicht nur das Infektionsrisiko generell.

Die Grundannahme besteht zwar darin, dass ein geringeres Infektionsrisiko auch die Zahl solcher schweren Verläufe reduziert. Im Prinzip ist aber keine der bisherigen Studien darauf ausgelegt, darauf eine klare Antwort zu geben. Die Reduktion der schweren Covid-Fälle gehört vielmehr nur zu den sekundären Aspekten der Studien.

Das hat nicht zuletzt mit der Herausforderung der Statistik zu tun. Das Auftreten solcher Fälle ist schlicht zu selten. Geht man zum Beispiel von den Daten des Robert Koch-Instituts aus, infizierten sich in Deutschland in den Monaten von Ende Juli bis Ende Oktober rund 244.000 Menschen neu mit dem Sars-Cov-2. Das entspricht gerade mal 0,3 Prozent der Bevölkerung.

Wenn davon wiederum nur fünf Prozent einen schweren Verlauf nehmen, entspricht das einem Anteil von 0,15 Promille. In einer Studiengruppe mit 40.000 Teilnehmern ist danach im Schnitt allenfalls mit fünf oder sechs solcher Fälle zu rechnen. Das heißt, um aussagefähige Daten zur Vermeidung schwerer Covid-Fälle zu generieren, müssten alle Studien eigentlich noch deutlich größer sein.

Dessen ungeachtet werden letztlich die Detaildaten der großen klinischen Studien in den nächsten Wochen und Monaten auch darüber entscheiden, ob sich bestimmte Impftechnologien überlegen gegenüber anderen zeigen.

Gemessen an den bisherigen Daten deutet sich an, dass die auf Boten-Nukleinsäuren (mRNA) basierten Impfstoffe, auf die neben Biontech insbesondere auch die US-Firma Moderna und die Tübinger Curevac setzen, tatsächlich vorn liegen könnten.

„Unserer Ansicht nach spricht das klar für die Leistungsfähigkeit der mRNA-Technologie, die gute Chancen hat, eine disruptive Technologie zu werden“, sagt Olga Smolentseva, Analystin bei Brian, Garnier & Co, mit Blick auf die Daten von Biontech.

Für ihre Chancen sprechen nicht nur die sehr guten Zwischenresultate von Biontech, sondern auch die bisher besseren Sicherheitsdaten und letztlich die spezifischen Eigenschaften des Biomoleküls mRNA: Es übersetzt die genetischen Informationen, die im Erbmolekül DNA gespeichert sind, und fungiert damit als Glied zwischen Genen und Proteinen (Eiweißsubstanzen), den Arbeitspferden des molekularen Stoffwechsels.

Manche Experten beschreiben mRNA daher auch als eine Art „Software des Lebens“, die Daten aus dem Speicher (DNA) abliest und damit die Applikationen (Proteine) steuert. Mit ihrer Hilfe lassen sich Zellen im Prinzip zu Pharmafabriken umfunktionieren.

Dass das bisher in der Praxis noch nicht gelang, lag weniger an den Eigenschaften der mRNA selbst als vielmehr an der Schwierigkeit, sie von außen in die Zellen zu bringen. Moderna, Curevac und Biontech sind überzeugt, dass sie dieses Hindernis durch spezielle Aufbereitungen der mRNA überwunden haben, und stehen nun im Kampf gegen Covid-19 kurz davor, das mit konkreten Produkten zu belegen.