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Indien verbietet Videoportal TikTok und 58 weitere chinesische Apps

Die Spannungen zwischen Asiens Großmächten nehmen weiter zu – Sicherheitsbedenken bei Smartphone-Apps sind nun der Auslöser. Hunderte Millionen Nutzer sind betroffen.

In Indiens größter Moschee, der Jama Masjid in Delhi, hängt die Aufforderung in mehrfacher Ausführung neben den Eingängen: Man möge doch bitte während des Besuchs im Gotteshaus auf die Nutzung der Video-App TikTok verzichten, lassen Hinweistafeln in Großbuchstaben verlauten.

Angesichts der enormen Popularität der chinesischen Smartphone-Anwendung unter indischen Nutzern sah man sich offenbar zu der speziellen Verhaltensanweisung veranlasst. Mit seinen mehr als 200 Millionen indischen Nutzern war TikTok in dem Land zuletzt beinahe allgegenwärtig.

Doch wenn es nach Indiens Regierungschef Narendra Modi geht, soll Chinas erfolgreicher App-Export nun von den Handys seiner 1,3 Milliarden Landsleute verschwinden: In einem bisher beispiellosen Schritt ordnete Modis Regierung an, TikTok und 58 weitere beliebte Smartphone-Anwendungen von großteils chinesischen Entwicklern in Indien zu sperren.

Die Behörden begründeten dies mit dem pauschalen Vorwurf, die Apps würden die Daten der Nutzer ausspähen und damit die nationale Sicherheit des Landes unterminieren. Das Verbot solle der „Sicherheit im indischen Cyberspace“ dienen. Die Entscheidung ist ein weiterer Eskalationsschritt in dem Konflikt zwischen Indien und China, der sich seit Wochen zuspitzt und auf eine zunehmende Abschottung zusteuert.

Die Spannungen zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt gipfelten zuletzt in einer militärischen Auseinandersetzung entlang der umstrittenen Grenze im Himalaja, bei der vor zwei Wochen mindestens 20 indische Soldaten getötet wurden. Nationalistische Stimmungen kochen in Indien seither hoch. Am Wochenende sagte Modi, Indien wisse wie man dem Feind in die Augen blicke und Vergeltung übe.

Rückschlag für TikTok-Mutterkonzern Bytedance

Kurz darauf veröffentlichte sein IT-Ministerium die Liste von knapp fünf Dutzend Apps aus China, die künftig in Indien nicht mehr erlaubt seien und aus den lokalen Appstores von Google und Apple entfernt werden sollen.

Neben der App TikTok des Pekinger IT-Unternehmens Bytedance gilt das Verbot auch für Anwendungen des Internetriesen Tencent und des Smartphone-Herstellers Xiaomi. Auch der in Indien stark genutzte Mobilbrowser UC Browser, der in dem Land fast 700 Millionen Mal heruntergeladen wurde, und der Kurznachrichtendienst Weibo sind betroffen.

TikToks Indienchef Nikhil Gandhi teilte mit, sein Unternehmen sei bereit, der Anordnung der Regierung Folge zu leisten. Die Vorwürfe aus Neu Delhi wies er aber zurück: TikTok habe sich an alle Datenschutzvorschriften in Indien gehalten. „Wir haben keine Informationen unserer indischen Nutzer mit irgendeiner ausländischen Regierung geteilt, inklusive der chinesischen.“

TikTok hat rund 2.000 Mitarbeiter in Indien. Für den Mutterkonzern Bytedance bedeutet der Ausschluss aus dem Land einen signifikanten Rückschlag bei seinen Wachstumsambitionen. Indien – gemessen an der Nutzerzahl der zweitgrößte Internetmarkt der Welt – war bislang auch für TikTok der größte Markt außerhalb Chinas.

Doch wenn es nach Indiens Premier Modi geht, sollen sich die Nutzer in seiner Heimat lieber nach lokalen Alternativen umschauen. Und diesen Wunsch bezieht Modi nicht nur auf Apps: Die Bürger des Landes sollten am besten nur noch lokal hergestellte Produkte einkaufen, um Indien zu stärken, sagte er. Angesichts der Coronavirus-Krise rechnen Ökonomen mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um mehr als sechs Prozent.

Herkunftsland transparent machen

Indiens Behörden forderten vergangene Woche auch die großen E-Commerce-Portale des Landes – allen voran die Marktführer Amazon und das zum US-Konzern Walmart gehörende Flipkart – auf, bei allen Produkten künftig das Herkunftsland anzugeben.

Dies erfolgte auch vor dem Hintergrund lautstarker Boykottaufrufe gegenüber Produkten aus China, zu denen es nach dem tödlichen Zusammenstoß an der Grenze gekommen war. Medienberichten zufolge arbeitet die indische Regierung auch an neuen Zöllen auf chinesische Waren, um heimisch produzierte Alternativen attraktiver zu machen.

In China stößt Indiens Vorgehen auf Kritik. „China ist sehr besorgt“, sagte ein Sprecher des Außenministeriums mit Blick auf das Verbot chinesischer Apps. Indien sei verpflichtet, die Rechte chinesischer Investoren in dem Land zu beachten. Über die Frage nach einer möglichen Vergeltung aus Peking äußerten sich Chinas Propagandamedien zunächst eher belustigt. Der Chefredakteur der Staatszeitung „Global Times“, Hu Xijin, schreibt auf Twitter: „Selbst wenn Chinesen nun indische Produkte boykottieren wollten, können sie kaum welche finden.“