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Immer wieder ist Stephan Ernst zum Haus von Walter Lübcke gefahren

·Lesedauer: 4 Min.

Bisher schweigen die beiden Angeklagten im Prozess um den Mordfall Lübcke. Nun wird ein Videogeständnis des Hauptverdächtigen vom Juni 2019 zum Beweismittel.

„Mein Name ist Stephan Ernst.“ Das ist einer der ersten Sätze, die der Hauptverdächtige im Mordprozess um den erschossenen nordhessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Saal des Oberlandesgerichts Frankfurt laut ausspricht.

Doch sie kommen nicht aus dem Mund des 46-Jährigen, der am Donnerstag wieder auf der Anklagebank sitzt. Sie stammen aus einer Videoaufzeichnung vom Juni 2019.

Darin gesteht Ernst den Mord an dem CDU-Politiker. Das Geständnis hat er inzwischen widerrufen. Doch die darin geschilderte Version der Tat ist bis heute maßgeblich für die Anklage.

Regelrecht besessen war Ernst danach von Lübcke, der nach einer Bürgerversammlung über eine Flüchtlingsunterkunft für ihn zur Symbolfigur für „die Regierenden“ wurde, die verantwortlich seien für Vorfälle wie die Kölner Silvesternacht 2015.

Immer wieder sei er zu dem Haus des Politikers gefahren, habe ihn einmal im Gespräch mit einem Nachbarn gesehen: „Ich war sehr überrascht, dass ich ihn hier vor mir sehe“, sagt er in der Videoaufnahme, sichtlich aufgewühlt. „Ich habe gebetet: Gott, gib ihn in meine Hand.“

Das Video wird als Beweis eingeführt. Es zeigt Ernst in rotem T-Shirt. Zwei Polizisten sind offenbar mit im Raum. Ernst beginnt nicht mit dem Mord, sondern erzählt, wie er in die rechtsextreme Szene kommt, erst über die NPD, dann über freie Kameradschaften. Er habe das Gefühl gehabt, dass Deutschland unfrei sei. Von rassistischem Gedankengut habe er wenig gehalten.

Doch nach einer Teilnahme an einem Angriff auf eine DGB-Demo in Dortmund sei Schluss gewesen: 2010 wendet sich Ernst angeblich von der rechten Szene ab. Er habe Teil der Gesellschaft sein wollen.

„Ich habe das auch gemacht, ich habe das abgestreift“, sagt er. „Ich wollte, dass meine Kinder Teil dieser Gesellschaft sind.“ Dabei fängt der Ernst im Video an zu schluchzen, auch im Gerichtssaal werden ihm Taschentücher gereicht.

Doch eine angebliche Überfremdung und Ausländerkriminalität seien für ihn immer wieder Thema gewesen: „Da hat sich diese Tür wieder geöffnet.“ Ein alter Bekannter aus der rechten Szene wurde sein Arbeitskollege – der wegen Beihilfe zum Mord mitangeklagte Markus H.

Über ihn sagt Ernst in dem Video aber auch: „Man kann dieser Person nicht den Vorwurf machen, dass sie mich zu irgendetwas angestiftet hat. Was ich tat, habe ich aus eigenem Antrieb gemacht.“

Ernst baute sich ein Waffenarsenal auf

H. und Ernst beschlossen demnach, sich zu bewaffnen. Grund sei die Angst vor „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ durch eine als sehr stark empfundene Einwanderung. H. habe den Kontakt zu Waffenverkäufern vermittelt, Ernst baute sich ein Waffenarsenal auf. Sie übten Schießen im Wald.

Lübcke geriet erst während einer Bürgerversammlung ins Augenmerk von Ernst. Doch seine Äußerungen, die später im Internet kursierten und die auf einem Video des wegen Beihilfe angeklagten Markus H. basierten, machten den Politiker für Ernst zu einer Symbolfigur.

Immer wieder habe er Videos von Terroranschlägen gesehen, die ihn bestärkt hätten in seiner Auffassung, „dass man da etwas machen muss“.

Schon zweimal sei er dem Regierungspräsidenten auf dessen Grundstück mit einer Waffe nahe gekommen, erzählt Ernst, immer wieder um Fassung ringend, während der Vernehmung. „Ich habe gezittert. Ich wollte es machen“, sagt er über eine Nacht im Sommer 2018, als er Lübcke im Garten seines Wohnhauses beobachtet habe.

Eine Situation ganz ähnlich wie in der Mordnacht, in der er seine Aussage zufolge nicht „in erster Linie“ vorgehabt habe, Lübcke zu erschießen. „Ich habe mich selber betrogen, ich habe mir selber was vorgemacht“, sagt er zu den beiden vernehmenden Polizeibeamten.

Während er auf dem Video immer wieder schwer atmet, Pausen macht und um Fassung ringt, verfolgt Ernst die Schilderungen im Gerichtssaal nunmehr ruhig.

Mehrere Stunden habe er auf einem Parkplatz an Lübckes Wohnort an jenem Samstagabend im Juni 2019 auf die Dunkelheit gewartet. „Diese letzten Minuten, Stunden – ich kann es nicht beschreiben“, sagt er in dem Video.

„Ich habe dagesessen und an nichts gedacht.“ Gegen 23.00 Uhr sei er aus dem Auto gestiegen und zum Wohnhaus Lübckes gegangen, etwa 20 Minuten lang: „Da hatte ich mir eigentlich schon gewünscht, dass er nicht erscheint. Ich wollte schon zum Auto gehen.“

Dann habe er gesehen, dass Lübcke in den Garten gekommen sei, wurde durch das leuchtende Display des Smartphones auf ihn aufmerksam. Nach Momenten der Unentschlossenheit habe er dann gedacht: „Du machst das jetzt“, schildert Ernst in dem Video den Tatverlauf.

Er sei auf Lübcke zugegangen, habe seine Waffe auf Kopfhöhe gehalten und abgedrückt. „Er hat mich noch gesehen, er hat meinen Schatten gesehen – und da ist der Schuss gefallen.“

Emotional zeigt sich Ernst am Ende der Vernehmung, als er gefragt wird, ob er noch etwas zu der Tat sagen will. „Es tut mir unendlich leid, es tut mir so leid“, sagt er stockend. „Es ist unverzeihlich.“

Kein Mensch solle wegen seiner Worte sterben müssen, sagt er. „Es tut mir unendlich leid, dass ich dieser Familie einen lieben Menschen genommen habe, der nicht zurückkehrt.“