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Ifo-Geschäftsklima stürzt ab: stärkster Rückgang seit 1991

Deutschlands wichtigster Frühindikator zeigt: Die Corona-Rezession wird tief. Und das IfW senkt seine Jahresprognose auf minus 4,5 bis minus neun Prozent.

Durch die Auswirkungen des Coronavirus gerät die Konjunktur in Deutschland stark unter Druck. Foto: dpa

Die Coronakrise schürt in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft Sorgen vor einer kräftigen Rezession. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stürzte von 96,0 auf 87,7 Punkte, wie das Münchner Ifo-Institut am Donnerstag mitteilte.

Die Unternehmen beurteilten dabei bereits ihre aktuelle Geschäftslage schlechter. Aber ihre Geschäftserwartungen sehen sie als Katastrophe: Dieser Teilindex stürzte von 93,2 auf 82,0 Punkte ab. Das ist der niedrigste Wert seit der Finanzkrisenrezession im August 2009 und der stärkste Rückgang seit 1991.

„Die deutsche Wirtschaft stürzt in die Rezession. Die Erwartungen verschlechterten sich so schnell wie nie zuvor“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Der Einbruch betraf in der Industrie alle Branchen. Der Dienstleistungssektor stürzte demnach ab wie noch nie. Er wird seit 2005 erhoben. Ebenso brachen die Geschäftserwartungen im Handel ein. Lediglich in der Bauwirtschaft schätzten die Unternehmen ihre Lage noch gut ein.

Das Geschäftsklima basiert auf monatlichen Meldungen von 9000 Unternehmen. Für diese vorläufigen Ergebnisse wurden 90 Prozent der Meldungen ausgewertet. Sie wurden zwischen dem 2. und 18. März erhoben.

Dass angesichts von Geschäftsschließungen und der Einstellung der deutschen Autoproduktion der Index abstürzen würde, war zu erwarten. Wie dramatisch die Ifo-Ökonomen die Lage inzwischen einschätzen, zeigt aber auch die Tatsache, dass das Institut erstmals seit 70 Jahren vorläufige Ergebnisse seiner regelmäßigen Unternehmerumfrage veröffentlichte.

Das Geschäftsklima zieht auch deshalb in dieser Woche die Augen von Unternehmern und Finanzmarktprofis auf sich, weil es die ersten relativ zuverlässigen Daten zur tatsächlichen Lage in der Wirtschaft in Echtzeit liefert.

Negativ-Szenario: Schrumpfen des BIP von sechs Prozent

Das Ifo hat die Umfragedaten in seine Frühjahrsprognose eingebaut, die es ebenfalls am Donnerstag veröffentlichte. Demnach wird das Jahr 2020 ein Rezessionsjahr.

Das Bruttoinlandsprodukt wird um 1,5 Prozent schrumpfen – wenn der wirtschaftliche Stillstand bis Ende April dauert und ab Mai die Wirtschaft Schritt für Schritt wieder hochgefahren wird. Dies sei das positive Szenario.

Wenn der Stillstand der Wirtschaft länger dauert und die Pandemie länger anhält, womöglich mit vielen Toten, dann rechnet Fuest mit einem Schrumpfen des BIP von sechs Prozent. Der Einbruch wäre damit so stark wie nach der Finanzkrise im Jahr 2009.

Tag der Frühjahrsprognosen

An diesem Donnerstag veröffentlichten neben dem Ifo-Institut auch zwei weitere große Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Frühjahrsprognosen, das DIW und das RWI. Sie blieben in ihren Einschätzungen vorsichtiger als Ifo-Präsident Fuest. 

Konjunkturforschern bleibe zurzeit „nur die Daumenpeilung“, sagte etwa DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen. Und eigentlich, so DIW-Präsident Marcel Fratzscher, lege sein Institut diesmal keine echte datenbasierte Prognose vor, sondern die Beschreibung von zwei Szenarien.

Nach dem ersten Szenario – das man laut Michelsen noch berechnen kann – bricht die Wirtschaft vor allem im zweiten Quartal stark ein. Aber schon zweiten Halbjahr kommt es zu einer ebenso kräftigen Erholung, und die meisten Umsatzausfälle, vor allem in der Industrie, können nachgeholt werden.

Am Ende des Jahres wäre dann das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent geschrumpft. „Aus heutiger Sicht nähern wir uns aber rasant einem viel schlechteren Szenario“, sagte Michelsen. Er nennt es das „L-Szenario“. Wie beim Zeichnen des Buchstabens geht es erst steil bergab, und dann bleibt die Linie zunächst auf dem niedrigen Niveau, ein Aufschwung findet also vorerst nicht statt – im Gegensatz zum „V-Szenario“, bei dem nach dem steilen Absturz ein ebenso steiler Wiederaufstieg folgt.

Das RWI scheute ebenfalls vor drastischen Zahlen zurück. Es beschränkte sich angesichts der Corona-Epidemie auf ein „V-Szenario“: Unter der Annahme, dass die Wirtschaft im ersten Halbjahr stark schrumpft und im zweiten wieder wächst, erwartet es einen BIP-Verlust von 0,8 Prozent und im nächsten Jahr wegen des Nachholeffektes ein Wachstum von 2,3 Prozent.

Wie wenig sicher Prognosen für 2020 sind, zeigt in der RWI-Prognose auch die Streubreite der Einschätzungen für das V-Szenario: Sie reicht von minus 2,3 Prozent bis plus 0,8 Prozent. 

„Je länger es dauert, desto tiefer die Rezession“

DIW-Chef Fratzscher wollte für das L-Szenario seines Instituts keine Zahl für das Schrumpfen des BIP in diesem Jahr nennen. „Je länger es dauert, desto tiefer wird die Rezession“, sagte er lediglich. Und: „Es kommt alles darauf an, wie schnell die Erholung einsetzen kann.“

Ein anderer Institutschef, IfW-Präsident Gabriel Felbermayr, blieb bereits am Dienstag gegenüber dem Handelsblatt weniger zurückhaltend. „Ich fürchte, diese Rezession wird die Mutter aller Rezessionen“, sagte er. Am Donnerstag aktualisierte sein Institut die erst in der vergangenen Woche vorgelegte Frühjahrsprognose. Im V-Szenario, bei dem eine Erholung im Laufe des Mai langsam einsetzt, erwartet das IfW nun ein Schrumpfen des BIP um 4,5 Prozent. 

Für das pessimistischere Szenario wählt IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths nicht den Buchstaben L, sondern ein U: Das steht dafür, dass nach dem Absturz das niedrige Niveau eine Weile bleibt, und es dann im August wieder aufwärts geht: Sollte also der Stillstand bis zum Ende des Sommers andauern, rechnet Kooths mit einem Jahres-Minus beim BIP von neun Prozent. Sollte es so kommen, dann wäre dies die tiefste Nachkriegsrezession in Deutschland. 

DIW-Chef Fratzscher sind derartige Zahlen zu pessimistisch. „Wir haben nach Naturkatastrophen jedes Mal nach ihrem Ende eine sehr kräftige Erholung gesehen“, sagte er.