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"Haben Sie es schwerer als männliche, weiße Gründer?" Vier Frauen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen erzählen über Vorurteile und Vorbildfunktion

Von links nach rechts: Sophie Chung, Serap Güler, Sara Nuru und Minu Barati-Fischer - Copyright: Combo / picture-alliance / Qunomedical
Von links nach rechts: Sophie Chung, Serap Güler, Sara Nuru und Minu Barati-Fischer - Copyright: Combo / picture-alliance / Qunomedical

Seit Jahren wird in Deutschland über mehr Diversität in der Wirtschaft, Politik und den Medien diskutiert. In vielen Unternehmen gehört Diversität nunmehr zur Strategie. Trotzdem sind Menschen mit Migrationshintergrund in den Führungsebenen der deutschen Wirtschaft immer noch unterrepräsentiert. Jede vierte Person in Deutschland hat nach Angaben des Statistischen Bundesamts eine Einwanderungsgeschichte. Ihr Anteil in Führungspositionen ist allerdings deutlich niedriger: Nur 3,3 Prozent aller Vorstandsmitglieder der DAX40-Unternehmen haben einen ausländischen Pass aus einem Land außerhalb Europas und den USA. Das geht aus einer Simon-Kucher-Studie aus dem Jahr 2021 hervor.

Die Kommunikationsberatung FGS Global (Finsbury Glover Hering and Sard Verbinnen & Company) hat mit zwölf Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Medien darüber gesprochen, wie Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen, in den Medien dargestellt werden, was sie über Vorurteile und Vorbildfunktion denken. Business Insider stellt vier Frauen vor, die FGS in der Publikation interviewt hat.

Minu Barati-Fischer, Filmproduzentin

Die 1975 geborene Berlinerin Minu Barati-Fischer ist Filmproduzentin und gründete 2009 mit dem Unternehmen Jooyaa ihre eigene Produktionsfirma. Barati-Fischer wuchs mit einer deutschen Mutter und ihrem iranischen Vater, dem Exilpolitiker Mehran Barati-Novbari, in Berlin auf. In den 2000er Jahren wurde über Barati-Fischer aber vor allem als Ehefrau des damaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer (Grüne) berichtet.

Minu Barati-Fischer. - Copyright: picture-alliance/dpa-Zentralbild-Jens-Kalaene
Minu Barati-Fischer. - Copyright: picture-alliance/dpa-Zentralbild-Jens-Kalaene

Im Gespräch für die FGS-Publikation erzählt sie von der oft rassistischen und sexistischen Berichterstattung. "Da tauchten immer wieder Begriffe wie 'sinnlich-orientalisch', 'glutäugig' oder 'exotisch' auf. Auch von 'Karamellhaut' sei schon die Rede gewesen. Wahnsinn, was eine Frau offenbar für Fantasien auslösen kann, wenn sie schwarze Haare hat und nicht wie aus einem Heimatfilm aussieht. Wichtig für mich ist dabei: Solche Zuschreibungen sind nicht weniger rassistisch, wenn man sie als eine Art seltsames Kompliment verpackt", sagte sie.

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In Interviews werde Barati-Fischer, auch wenn es um einen neuen Film gehe, trotzdem immer wieder zu ihrem Privatleben und ihrem Hintergrund befragt. "Ich habe den Eindruck, dass Journalist:innen auf der Suche nach einer Art coolen 'Ghetto-Erfolgsgeschichte' sind – dabei komme ich aus einem sehr akademischen Elternhaus. Oder sie antizipieren eine Art muslimische Befreiungs-Story. Auch meine deutsche Mutter scheint in diesem Narrativ eher zu stören – über sie wird nämlich nie berichtet. Manches kann ich mit Humor nehmen", sagte die Filmproduzentin. Trotzdem sei dieser mit Vorurteilen behaftete Umgang mit ihr alles andere als lustig. "Wenn man seit frühester Jugend immer wieder gefragt wird, wo man denn eigentlich herkommt, fühlt sich das nach Ausgrenzung an", sagte sie.

Allerdings betont sie auch: "In meiner Jugend gab es in Hauptrollen im deutschen Film- und Fernsehen niemanden, der aussah wie wir. Ich freue mich, wenn ich etwas dazu beitragen kann, dass sich das ändert und aus meiner Position heraus die Vielfalt der Möglichkeiten aufzuzeigen."

Sara Nuru, Unternehmerin

Sara Nuru ist Model und Unternehmerin. Vor sechs Jahren hat sie mit ihrer Schwester Sali das Unternehmen nuruCoffee gegründet. Gerade in der Wirtschaftspresse habe sie häufig mit Klischees zu tun, erzählte sie. "Ich wurde zum ersten Mal von einem Redakteur gefragt, wie es denn ist, als Schwarzes Model in Deutschland zu leben", sagte Nuru im Interview.

Model und Unternehmerin Sara Nuru spricht als Laudatorin bei den German Startup Awards des Bundesverbands Deutsche Startups im Tipi am Kanzleramt. - Copyright: picture-alliance/dpa-Annette-Riedl
Model und Unternehmerin Sara Nuru spricht als Laudatorin bei den German Startup Awards des Bundesverbands Deutsche Startups im Tipi am Kanzleramt. - Copyright: picture-alliance/dpa-Annette-Riedl

Als sie mit 19 Jahren, nachdem sie "Germany’s Next Topmodel" wurde, plötzlich in der Öffentlichkeit stand, wollte sie nicht die Verantwortung übernehmen für alle People of Color zu sprechen. Mittlerweile ist die Unternehmerin 33 Jahre alt uns wisse, dass das auch gar nicht zu schaffen sei. "Nur weil man selbst einen Migrationshintergrund hat, ist man noch kein:e Expert:in für Migration. Aber ich möchte sichtbar sein und damit anderen zeigen, was auch für sie möglich ist. Ich möchte, dass andere sich in mir wiedererkennen. Ich möchte dem kleinen Mädchen mit Migrationshintergrund Hoffnung geben", sagte Nuru.

Wenn in Interviews über Diversität gesprochen werde, falle häufig der Begriff "Migrationshintergrund". Für sich selbst benutzt sie lieber gar keinen Begriff. "Ich bin ich, ich bin ein Mensch, ich bin eine Frau. Ich möchte nicht über meine Hautfarbe definiert werden. Am wichtigsten ist es, dem Gegenüber Respekt entgegenzubringen und ein Bewusstsein für die politische Debatte zu haben", sagte sie.

Im Umgang mit Medien zieht die Unternehmerin klare Grenzen. Bei ihren Auftritten auf Panels achte sie besonders darauf, nicht die "Integrationsbeauftragte" zu spielen. "Ich finde, es ist schon Statement genug, als Schwarze Frau auf der Bühne zu sitzen. Da muss ich das nicht noch betonen", sagte sie.

Serap Güler, Politikerin

Seit 2021 sitzt Serap Güler für die CDU im Deutschen Bundestag. Davor war sie Staatssekretärin im Familien- und Integrationsministerium in Nordrhein-Westfalen. Die Politikerin wuchs als Kind eines türkischen Gastarbeiterpaares im Ruhrgebiet auf. 1999 machte sie ihr Abitur, danach eine Ausbildung zur Hotelfachfrau und studierte im Anschluss Kommunikationswissenschaft und Germanistik.

Seit 2021 sitzt Serap Güler für die CDU im Deutschen Bundestag. - Copyright: picture alliance / photothek | Florian Gaertner
Seit 2021 sitzt Serap Güler für die CDU im Deutschen Bundestag. - Copyright: picture alliance / photothek | Florian Gaertner

Obwohl sich Güler heute vorrangig mit Verteidigungspolitik beschäftigt, komme es dennoch vor, dass ihre "Einwanderungsgeschichte in unpassenden Momenten ins Spiel gebracht" werde. So zum Beispiel bei ihrem kürzlichen Besuch in der Ukraine, als sie sich zusammen mit mehreren Fraktionskollegen ein Bild von der Lage vor Ort gemacht hatte, wo auch Medienteams vor Ort waren. "Inmitten einer zerstörten Stadt stand ein zur Suppenküche umgebauter Bus, geschmückt mit türkischen Flaggen, betrieben von einer türkischen Vertretung. Ein Reporter steuerte gleich auf mich zu und fragte, ob ich mich vor der Kamera über Erdogans Propaganda äußern möchte. Das hat mich irritiert", sagte Güler.

Während Gülers Zeit als Integrationspolitikerin habe sie hingegen gerne über ihre Familiengeschichte gesprochen. "Genau diese unmittelbaren Erfahrungen spielten eine wichtige Rolle in meiner Funktion als Brückenbauerin. Und um zu zeigen: Man kann auch ohne perfekte Startbedingungen in Deutschland seinen Weg gehen. Wenn ich also etwa gefragt wurde, 'wie türkisch ich mich noch fühle' oder 'ob meine Wurzeln ein Vorteil sind, um in meinem Kölner Wahlkreis anzukommen', fand ich das legitim", sagte sie. Sie rät im Umgang mit dem Thema ohnehin zu mehr Offenheit und Entspanntheit. "Aber ich glaube, dass meine Generation das eher mitbringt als die der jüngeren Menschen mit Einwanderungsgeschichte."

Den Jüngeren rät die CDU-Politikerin, sich weniger "in Metathemen über sprachlichen Nuancen zu verbeißen". Die Gefahr bestehe, aus allem eine Rassismusdebatte zu konstruieren und dabei den "wahren Rassismus gar nicht mehr zu erkennen". Ihr Appell: "Veröffentlicht lieber Artikel dazu, dass es für Menschen mit türkischen Namen oft immer noch schwierig ist, eine Wohnung oder einen Job zu bekommen, als über möglicherweise problematische Phrasen."

Sophie Chung, Gründerin

Sophie Chung ist Gründerin und CEO des Berliner E-Health-Startups Qunomedical. Der Hinweis, dass Chungs Eltern vor ihrer Geburt aus Kambodscha nach Österreich geflüchtet sind, bleibe in kaum einem Artikel unerwähnt, sagte sie.

Sophie Chung - Copyright: Qunomedical
Sophie Chung - Copyright: Qunomedical

In Interviews sei Chung von Journalisten immer auch auf ihre Herkunft und ihre Erfahrungen als Frau in der Gründerszene angesprochen worden. Stattdessen wolle sie aber ihre Arbeit in den Mittelpunkt stellen. "Ich bin Unternehmerin im digitalen Gesundheitsbereich, ich will eine bessere Gesundheitsversorgung für möglichst viele Menschen schaffen: Das ist meine Mission, darüber will ich sprechen", sagte sie.

Gerade zu Beginn habe sie nicht gewollt, über ihren Hintergrund definiert zu werden. "Andererseits ist meine Herkunft Teil meiner Identität und nichts, das ich verstecke. Und ich sehe auch, dass es gerade für Menschen wie mich wichtig ist, in der Startup-Szene repräsentiert und sichtbar zu sein. Als ich jünger war, hätte ich mir gewünscht, mehr Menschen wie mich selbstbewusst in der Öffentlichkeit vorne stehen zu sehen, als Unternehmerinnen, als Vorbilder. Also dachte ich mir irgendwann: Ok, dann stelle ich mich eben selbst hin und mache das", sagte Chung.

Chung wäge ab, wann sie ihre Herkunft zum Thema mache. Weder sollte der Beitrag reißerisch sein, noch wolle sie in die "Opferrolle" gedrängt werden. Letzteres passiere aber in Interviews sehr oft. Dann werde sie zum Beispiel gefragt, ob sie sich im Fundraising benachteiligt fühle, ob sie als Gründerin schon mal diskriminiert worden sei oder ob sie es schwerer habe, als ein weißer, männlicher Gründer. "Journalist:innen suggerieren damit von Anfang an eine Opferrolle für mich. Und sie zwingen mich in meiner Antwort zu starken Verallgemeinerungen – die Journalist:innen wollen ja nicht, dass ich zwei Stunden lang aushole über strukturelle Diskriminierung. Sie wollen am liebsten hören: Ja, dieses eine Mal, da hat mir der Investor an den Po gepackt. Oder: Dort wurde ich rassistisch beschimpft", sagte Chung. Aber das sei ja nicht das, was passiere. Impliziter und expliziter Rassismus sei in der Regel viel subtiler.

Zu ihrem Umgang mit Medien erklärt sie: "Wenn ich mich entscheide, dass Diversity-Themen Teil meiner öffentlichen Persona sein sollen, dann muss ich bereit sein, dazu auch klar Stellung zu beziehen. Auch wenn ich die Frage vielleicht unpassend finde, muss ich eine klare Antwort darauf formulieren können, an der man sich reiben kann. Meine Erfahrung ist: Deutsche Medien schätzen es, wenn man eine starke Meinung vertritt. Und sie gehen sehr respektvoll damit um, wenn man Grenzen setzt."

Hier lest ihr die komplette Publikation von FGS Global.