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„Wir glauben nicht an Märchenprinzen“: Betriebsratschef von Thyssen-Krupp Steel rechnet mit Liberty ab

·Lesedauer: 10 Min.

Nasikkol hält nicht viel vom britischen Interessenten am früheren Thyssen-Kerngeschäft. Er macht sich für eine Fusion mit Salzgitter stark – und fordert den Einstieg des Landes NRW.

Der Stahl-Betriebsratschef ist skeptisch, was den Kaufinteressenten Liberty Steel angeht. Foto: dpa
Der Stahl-Betriebsratschef ist skeptisch, was den Kaufinteressenten Liberty Steel angeht. Foto: dpa

Als Betriebsratschef der Stahlsparte von Thyssen-Krupp führt Tekin Nasikkol rund 27.000 Arbeiter durch die Coronakrise und beaufsichtigt im Aufsichtsrat des Ruhrkonzerns auch den geplanten Verkauf des einstigen Kerngeschäfts. Im Gespräch mit dem Handelsblatt geht Nasikkol hart mit dem einzigen bislang öffentlich bekannten Interessenten ins Gericht: dem britischen Stahlhersteller Liberty Steel.

„Je stärker jemand bei so einem Thema in die Öffentlichkeit drängt, desto unseriöser wirkt er“, kritisierte der Gewerkschafter das Vorgehen des Liberty-Eigners Sanjeev Gupta. „Ich will lieber Zukunftskonzepte und mehr Transparenz bei der eigenen Finanzierung sehen, anstatt öffentlich mit einer Charmeoffensive und Liebesbekundungen erdrückt zu werden.“ An Weiße Ritter oder Märchenprinzen glaube die Belegschaft nicht.

Dabei sei es auch keine vertrauensbildende Maßnahme gewesen, dass Gupta den früheren Vorstandschef von Thyssen-Krupp Steel, Premal Desai, auch bei Liberty Steel ins Führungsgremium befördert habe. So habe Desai vor seinem Abgang bei Thyssen-Krupp an vielen Strategien mitgearbeitet, die am Ende nicht funktionierten. „Dass er dann mit seinem Wissen über unser Geschäft direkt bei einem Wettbewerber anheuert und quasi ein Kaufangebot abgibt – das ist etwas, was die Leute nicht gut finden“, sagte Nasikkol.

Als favorisierte Lösung aus Sicht der Arbeitnehmer nennt der Betriebsratschef die Deutsche Stahl-AG, eine innerdeutsche Fusion der Stahlsparte mit Salzgitter sowie den saarländischen Stahlwerken. Das mache es der Politik am Ende auch leichter, eine finanzielle Unterstützung des Wechsels zu klimaneutralen Produktionsverfahren in der Stahlindustrie vor dem Steuerzahler zu rechtfertigen. „Nehmen wir einfach mal hypothetisch an, ein chinesischer oder russischer Investor würde uns übernehmen. Da würden sich doch viele fragen, warum wir die Transformation öffentlich fördern sollen. Das ist dem Wähler doch viel schwieriger zu erklären.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Nasikkol, am Donnerstag legt der Thyssen-Krupp-Konzern sein Jahresergebnis vor. Geben Sie uns einen Einblick ins Stahlgeschäft: Wie schlimm ist die Lage?
Zum Geschäft darf ich mich als Mitglied des Aufsichtsrats nicht im Detail äußern. So viel kann ich sagen: Die Situation ist sehr angespannt. Die Coronakrise wirkt in unserer Produktion, aber auch im gesamten Markt wie ein Brandbeschleuniger. Schnelle Entscheidungen sind nötig. In den Betrieben herrscht schon viel zu lange eine große Unsicherheit. Das ärgert mich, weil wir für uns mit dem Tarifvertrag Zukunftspakt Stahl im Frühjahr eigentlich einen Weg nach vorn entwickelt hatten.

Nach der geplatzten Tata-Fusion sollte der Stahl wieder Kerngeschäft werden, nun steht er erneut zum Verkauf. Wie fühlt sich das an?
Wir waren von Anfang an skeptisch. Wir sind lange Zeit im Konzern wie Schmuddelkinder behandelt worden, das hat auch zu einem erheblichen Investitionsstau geführt. Für kurze Zeit wurden wir wieder zum Kerngeschäft erklärt – das haben wir nicht wirklich ernst genommen.

Finden Sie die Entscheidung, die Stahlsparte nun auszulagern, richtig?
Das ist am Ende eine strategische Frage, die man unterschiedlich beantworten kann und die auch noch nicht final beantwortet ist. Der frühere Vorstandschef Heinrich Hiesinger wollte einen Technologiekonzern bauen, da war die geplante Fusion mit Tata sicher ein möglicher Weg – der hat aber nicht funktioniert. Dann gab es den Plan, Thyssen-Krupp in ein Werkstoffunternehmen und einen Technologiekonzern zu teilen. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass dabei zwei tragfähige Unternehmen entstanden wären. Die gesamte Stahlindustrie steht vor so großen Herausforderungen. Auf keinen Fall besteht die Lösung darin, den Stahl im Konzern zu behalten und einfach nur mitzuschleifen, wie es bisher gelaufen ist. Der Eigentümer muss das Geschäft weiterentwickeln wollen und können.

Thyssen-Krupp spricht mit verschiedenen Konkurrenten, die an einer Fusion oder gar Komplettübernahme interessiert sind. Wie beurteilen Sie die vorliegenden Optionen?
Der Vorstand will einen möglichst großen Optionsraum offenhalten, zu dem auch eine Weiterentwicklung der Stahlsparte im eigenen Konzern gehört. Mit unseren Anlagen, hochqualifiziertem Personal und einem exzellenten Kundenportfolio sind wir eigentlich für viele Partner interessant. Doch in den vergangenen Jahren wurden wir schlecht gemanagt. Das hat uns zurückgeworfen, das müssen wir korrigieren. Aber Stahl ist als Werkstoff unverzichtbar für die Wirtschaft, unser Geschäftsmodell funktioniert. Zwischen der letzten und aktuellen Krise haben wir unterm Strich einen Gewinn von circa vier Milliarden Euro erwirtschaftet. Was hätten wir für noch bessere Ergebnisse, wenn der Konzern sich in den vergangenen Jahren eindeutiger zu uns bekannt, die nötigen Investitionen getätigt und uns weiterentwickelt hätte. Eigentlich müssten die Interessenten Schlange stehen. Duisburg als größter integrierter Stahlstandort gilt als Sahneteilchen.

Das tun sie aber nicht. Tata und SSAB werden genannt, verhandeln gleichzeitig gemeinsam über einen Zusammenschluss. Als einziger ernsthafter Interessent hat sich bislang der britische Stahlhersteller Liberty gemeldet.
Ich denke, viele Interessenten fürchten sich vor einem Bieterwettbewerb, wie wir ihn beispielsweise schon bei der Aufzugsparte gesehen haben. So funktioniert der Kapitalismus, keiner will einen zu hohen Preis bezahlen. Deshalb bewegen sich die Gespräche in der nicht öffentlichen Sphäre. Der Einzige, der sich öffentlich gemeldet hat, war Liberty. Und da muss ich sagen: Das Geld für den Kauf aufzutreiben ist die eine Sache – unsere Standorte weiterzubetreiben und zu entwickeln, ist die wesentlich wichtigere für uns. Je stärker jemand bei so einem Thema in die Öffentlichkeit drängt, desto unseriöser wirkt er. Ich will lieber Zukunftskonzepte und mehr Transparenz bei der eigenen Finanzierung sehen, anstatt öffentlich mit einer Charmeoffensive und Liebesbekundungen erdrückt zu werden. Das brauchen wir nicht. An Weiße Ritter oder Märchenprinzen glauben wir auch nicht.

War es eine kluge Entscheidung von Liberty-Eigner Sanjeev Gupta, den Verhandlungsprozess mit der Berufung des früheren Thyssen-Krupp-Stahlchefs Premal Desai in den Vorstand der Muttergesellschaft zu verbinden?
Diese Frage muss Herr Gupta für sich selbst beantworten. Aus unserer Sicht war das keine vertrauensbildende Maßnahme. Wir haben hier einen geschassten Manager, der vor seinem Abgang viele Jahre dabei war und unter anderem auch damals an der Expansion in Brasilien und den USA mitgewirkt hat, bei der viele Milliarden verloren gingen und die uns letztlich in diese Situation gebracht hat. Auch danach hat Herr Desai an vielen Strategien mitgearbeitet, die am Ende nicht funktioniert haben. Dass er dann mit seinem Wissen über unser Geschäft direkt bei einem Wettbewerber anheuert und quasi ein Kaufangebot abgibt – das ist etwas, was die Leute nicht gut finden. Wie gesagt, sie glauben nicht an einen Märchenprinzen.

Bei der jetzigen Strategie 20-30, auf der auch der Tarifvertrag basiert, ist ein Abbau von 3000 Stellen vorgesehen, aber auch Investitionen. Wird es trotz Corona und Verkaufsverhandlungen umgesetzt?
Wir kommen wie geplant voran. Dabei hält sich der Konzern auch an die Investitionsvereinbarungen. Auch wenn die Pandemie vieles natürlich nicht einfacher macht. Ich habe aber überhaupt keinen Zweifel daran, dass der Konzernvorstand hier seine Verpflichtungen einhält. Ich sehe eher im Gegenteil Anzeichen dafür, dass verstanden wird, dass die Fehler früherer Manager dringend behoben werden müssen. Auch eine mögliche Partnersuche wird natürlich leichter, wenn man vorher seine eigenen Probleme in den Griff bekommen hat.

Welchen Partner hätten Sie am liebsten?
Stahl ist die DNS von Thyssen-Krupp. Deswegen wäre für mich die beste Lösung, wenn der Stahl eine Zukunft im Konzern hätte. Lassen Sie uns nach vorn schauen. Wo wollen wir hin? Die Situation ist doch folgende: Alle deutschen Stahlunternehmen stehen vor der gleichen großen Herausforderung: erstens die aktuelle Krise zu bewältigen und dem Wandel zu klimaneutralem Stahl. Kein Hersteller kann die dafür notwendigen Investitionen aus eigener Kraft aufbringen. Das weiß die Bundesregierung, deshalb will sie die Branche dabei unterstützen. Die deutschen Stahlhersteller sitzen alle im selben Boot, ein deutscher Stahl-Champion könnte eine gute Antwort sein.

Sie meinen eine Deutsche Stahl-AG, unter Beteiligung von Thyssen-Krupp, Salzgitter und den saarländischen Stahlwerken?
Genau das, verbunden mit der Nationalen Wasserstoffstrategie, wäre die beste Lösung für die deutsche Stahlindustrie. Stellen Sie sich das Gezerre vor, wenn jedes Unternehmen für die Transformation zu klimaneutralem Stahl einzeln bei der öffentlichen Hand um Förderung bittet. Das macht es für die Politik am Ende auch leichter, die hohen Zuwendungen zu rechtfertigen. Nehmen wir einfach mal hypothetisch an, ein chinesischer oder russischer Investor würde uns übernehmen. Da würden sich doch viele fragen, warum wir die Transformation öffentlich fördern sollen. Das ist dem Wähler doch viel schwieriger zu erklären. Corona erhöht den Druck, das zu tun, was als nächster Schritt notwendig ist: Wir brauchen eine Deutsche Stahl-AG, mit öffentlicher Unterstützung für die Transformation. So kann man gleichzeitig einen Zukunftsmarkt schaffen, industrielle Arbeitsplätze in Deutschland sicherstellen und die Dekarbonisierung hinkriegen. Damit würde Deutschland den Beweis antreten für eine erfolgreiche Dekarbonisierung ohne Deindustrialisierung.

Warum soll der Steuerzahler überhaupt einspringen? Beim Verkauf der Aufzugsparte konnte Thyssen-Krupp im Frühjahr doch 17,2 Milliarden Euro erlösen. Reicht das nicht?
Über die Mittelverwendung wird am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz berichtet. Aber so viel vorab: Wenn wir ein gesundes Unternehmen wären, keine Probleme gehabt hätten, dann hätten wir mit 17,2 Milliarden Euro bestimmt mehrere Jahre gut fahren können. Aber wir alle wissen, dass die finanzielle Situation alles andere als solide war. Das war überhaupt erst der Grund, die Aufzugsparte zu verkaufen. Dann kam Corona – und hat noch einmal alles verschlechtert.

Die Vision einer Deutschen Stahl-AG hatten schon viele, bislang ist sie aber am Widerstand vor allem von Salzgitter gescheitert. Wie wollen Sie die überzeugen?
Die Arbeitnehmervertreter von Salzgitter und Thyssen-Krupp teilen dieselben Sorgen und Ängste, ich bin persönlich mit dem dortigen Betriebsratsvorsitzenden Hasan Cakir seit meiner Zeit als Jugendvertreter befreundet. Nun sind wir deutlich größer als Salzgitter – aber das sollte nicht das Thema sein, wenn man sich von Vernunft leiten lässt. Niemand will den anderen übernehmen, es geht hier um die Zukunft der deutschen Stahlindustrie. Der europäische Stahlmarkt wird sich weiter konsolidieren, und das hat dann auch Auswirkungen auf uns alle. Deshalb ist es wichtig, dass wir schnell alle Beteiligten an einen Tisch bekommen. Auch dabei könnte ein Einstieg des Landes Nordrhein-Westfalen helfen. Niedersachsen ist bereits an Salzgitter beteiligt.

Bislang haben Sie gefordert, dass Thyssen-Krupp bei einer Konsolidierung die Federführung behält. Gilt das nicht mehr?
Die Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist nicht die wichtigste für uns Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Darüber sollen sich das Management und die Eigentümer selbst einig werden. Wichtig ist mir, dass die beiden Belegschaften im Geiste verbunden sind – und auch darin, was wir wollen. Wir wollen alle sichere Arbeitsplätze und ein Konzept für die Zukunft. Die Politik kann dabei helfen, Hürden abzubauen, und eine ordnende Funktion einnehmen, sodass keiner den anderen dominiert.

Wie schätzen Sie die Chancen auf eine Staatsbeteiligung ein?
Ich denke, dass in die Verhandlungen Bewegung kommen wird. Das Risiko, dass das Thema Herrn Laschet im kommenden Jahr ohne Staatseinstieg auf die Füße fällt, ist viel größer als die Debatte, die vielleicht im neoliberalen oder konservativen Lager losbricht, wenn der Staat einsteigt.

Es gibt doch einen interessierten Investor: Liberty Steel.
Wir lassen uns von der ganzen Publicity und der PR-Kampagne nicht blenden. Außer blumigen Ankündigungen haben wir keine nachhaltigen Konzepte gesehen. Und was wir am wenigsten brauchen, ist ein Schnäppchenjäger, der uns billig kauft und am Ende abwickelt. Die Kontrolle und die Souveränität über die deutsche Stahlindustrie sollte das Land nicht aus der Hand geben. Mit einem ausländischen Eigentümer verliert das Land Nordrhein-Westfalen jeglichen Einfluss auf die weiteren Transformationsschritte. Für so ein Vorhaben braucht man verlässliche Partner. Dem Ministerpräsidenten des Landes NRW darf es nicht egal sein, wer Herr über die systemrelevante Stahlindustrie mit 27.000 Beschäftigten in NRW ist. Deswegen fordern wir die Staatsbeteiligung. Wenn das Land hier keine Verantwortung übernimmt, werden die Leute nicht nach Berlin marschieren, sondern nach Düsseldorf.

Setzen Sie ein Ultimatum?
Wir brauchen eigentlich schon heute eine Antwort. Bis Ende des Jahres muss die Grundsatzentscheidung fallen. Der Nationale Stahlgipfel wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, leider findet er aus verschiedenen Gründen nun nicht statt. Ich erwarte mir bei dem stattdessen geplanten Spitzengespräch klare Botschaften. Wir erwarten konkrete Signale. Die Erwartungshaltung gegenüber Herrn Laschet ist enorm, die Stahlarbeiter zählen auf ihn.

Herr Nasikkol, vielen Dank für das Gespräch.