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Warum die gescheiterte Super League ein Schlaglicht auf die finanzielle Lage auch im deutschen Fußball wirft

Robin Wille
·Lesedauer: 7 Min.
Stars vom FC Bayern München und Borussia Dortmund
Stars vom FC Bayern München und Borussia Dortmund

Die sogenannte Super League, das Vorhaben eines Dutzends von Fußballvereinen, ist gescheitert. In der Nacht zum Montag hatten Manchester United, Manchester City, der FC Liverpool, FC Arsenal, FC Chelsea, Tottenham Hotspur, Real und Atletico Madrid, der FC Barcolona, Juventus Turin sowie AC und Inter Mailand die Gründung der neuen Liga angekündigt. Ein Affront: gegenüber den Verbänden, Vereinen und Fans.

Der Aufschrei war gewaltig. Der Verband Uefa drohte mit dem Ausschluss aus der Champions League und einer Sperre der Spieler für die Nationalmannschaften. Zahlreiche Trainer, Spieler und Funktionäre kritisierten das Vorhaben, selbst der britische Premierminister Boris Johnson äußerte sich zu dem „lächerlichen Plan“. Und so kippten die Super-Clubs reihenweise um und zogen ihre Pläne kleinlaut zurück.

Es geht ums Geld

Der Grund für die Gründung der Super League, daraus machten die Verantwortlichen keinen Hehl, ist simpel: Es geht ums Geld - und davon nicht wenig. Der Präsident von Real Madrid und treibende Kraft hinter der Super League, Florentino Pérez, sagte in einer spanischen Talkshow, der Fußball befinde sich im „freien Fall“ und „am Rand des Ruins“, wie der Spiegel berichtete. Bis zur gerade erst beschlossenen Reform der Champions League, die 2024 in Kraft tritt und den großen Clubs mehr Geld einbringen soll, seien die Vereine gestorben.

Perez, als Unternehmer und Milliardär selbst weich gebettet, mag zur Polemik neigen. Doch im Kern hat er einen Punkt: Gerade bei den Top-Clubs ist die wirtschaftliche Lage teils miserabel. Vereine wie Real Madrid oder der FC Barcelona sind hochverschuldet. Zu Beginn des Jahres berichteten spanische Medien, der FC Barcelona hätte 1,17 Milliarden Euro an Schulden, 730 Millionen Euro davon seien kurzfristige Verbindlichkeiten. Andere Top-Clubs hängen am Tropf ausländischer Investoren und sind stets auf deren Gunst angewiesen. Die Super League, die maßgeblich von der US-Großbank JP Morgan finanziert werden sollte, hätte einen bitter nötigen Geldregen für die Gründungsmitglieder bedeutet.

Wie steht es um die wirtschaftliche Situation im Profifußball? Und wie ist die aktuelle Situation in Deutschland? Business Insider hat darüber mit dem Sportökonomen Professor Christoph Breuer gesprochen. Er leitet das Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule Köln.

"Eine langjährige Schuldenkultur"

Breuer sagt, es gebe im südeuropäischen Raum, insbesondere in Spanien, "eine langjährige Schuldenkultur, die sich jetzt nochmal angeheizt hat, weil immer größere Investitionen notwendig waren, um wettbewerbsfähig zu bleiben". Das sei auf sogenannte "Sugar-Daddies" zurückzuführen, womit Breuer arabische oder russische Investoren meint, "die eigentlich kein kommerzielles, sondern ein Geltungsinteresse haben". Auch durch den Einstieg von Private-Equity-Investoren habe sich die Kommerzialisierungsspirale weiter gedreht. "So wurden höhere Investitionen notwendig.“

Niemand habe auf der Ausgabenseite auf die Bremse gedrückt. Wenn man sehe, was ein Weltstar wie Lionel Messi beim FC Barcelona verdienen soll (laut einem Bericht der spanischen Zeitung "El Mundo" jährlich gut 138 Millionen Euro), dann seien das unglaubliche Summen, "die überhaupt nur eine Aussicht auf eine Refinanzierung haben, wenn wirklich alles zusammenkommt: Zuschauer, Merchandising, Prämien aus den Wettbewerben". Nur: Der FC Barcelona hat im "Rattenrennen der Champions League" schon länger nicht mehr gewinnen können. "Wenn da etwas wegfällt, dann bricht das zusammen", sagt Breuer.

"Die Bundesliga wäre tendenziell ausgeglichener geworden"

Die Super League hätte, so Breuer, unmittelbare Auswirkungen auf den europäischen Wettbewerb gehabt. Es sei davon auszugehen, "dass die Medienerlöse für die Uefa-Wettbewerbe zurück gegangen wären, weil ein Großteil des Geldes in die Super League geflossen wäre". Das hätte den Nebeneffekt gehabt, "dass die Bundesliga tendenziell ausgeglichener geworden wäre". Hätten die großen Clubs wie Bayern München oder Borussia Dortmund nicht mehr so viel Geld in der Champions League eingenommen, "dann wäre das für die Spannung innerhalb der Bundesliga durchaus zuträglich gewesen, weil die Spreizung geringer gewesen wäre.“

Vor gut einem Jahr, als die Pandemie erstmals so richtig in Deutschland wütete und die Bundesliga den Spielbetrieb unterbrach, machte die Sorge vor Insolvenzen die Runde. Breuer sagte damals dem Spiegel: "Es besteht eine reale Insolvenzgefahr." Heute sagt er: "Die Vereine hat gerettet, dass Spiele stattgefunden haben. Das ist die zentrale Vertragsleistung für die Medienerlöse und das ist die wichtigste Quelle." Viel wichtiger als Zuschauereinnahmen, die laut dem aktuellen Wirtschaftsbericht der Deutschen Fußball Liga (DFL) gerade einmal zehn Prozent der Erlöse ausmachen. Dass die DFL während der Krise den nächsten TV-Rechte-Deal abschließen konnte, "für die Corona-Umstände recht erfolgreich", sagt Breuer, gebe Planungssicherheit. Den Clubs blühen insgesamt jährliche Einnahmen in Höhe von durchschnittlich 1,1 Milliarden Euro.

"Ein guter Indikator, dass sich etwas zusammenbraut"

Aber: "Nur weil die Liga insgesamt einigermaßen über die Runden kommt, heißt das nicht, dass dies für alle Clubs gilt." Mehrere Clubs (SV Werder Bremen, 1. FC Köln, FC Schalke 04) haben Landesbürgschaften beantragt. Eine Insolvenzgefahr sieht Breuer heute nicht als Massenproblem der Liga an, aber als ein Individualproblem. "Wenn sich ein Club um eine Landesbürgschaft bemüht, dann ist das ein guter Indikator, dass sich etwas zusammenbraut." Die Clubs schafften es nicht, "ihre Ausgabenseite den geringeren Einnahmen anzupassen".

Deshalb greifen Clubs auch auf das Instrument der Anleihe zurück. Werder Bremen verkündete am Dienstag, eine Mittelstandsanleihe mit einem Volumen von bis zu 30 Millionen Euro auszugeben. Die Anleihe richte sich an private und institutionelle Anleger, vorgesehen sei ein Zinssatz von mindestens sechs Prozent bei einer Stückelung von 1000 Euro. Breuer sagt: "Die Anleihen gibt es, weil ein Finanzierungsbedarf besteht, der gar nicht oder nur zu höheren Zinssätzen von der Bank bedient werden kann.“

Wenn offenbar selbst die Banken Vorsicht walten lassen, sollte man da als Fan oder Kleinanleger investieren? Breuer sagt, das Risiko sei marginal, dass ein prominenter Fußballclub wirklich insolvent geht, bislang habe sich so gut wie immer jemand gefunden, der einen Club aus dem Gröbsten herausgeholt hätte. "Die Frage ist nur, ob diese Logik in Pandemiezeiten noch Gültigkeit hat.“ Sechs Prozent seien deutlich mehr als das, was man vor der Pandemie für Fananleihen bekommen habe. Der 1. FC Köln lag bei seiner letzten Fananleihe bei 3,5 Prozent. "Insofern ist das ein Zinssatz, der die Krise abbildet.“

"Fahrlässig, wenn man den Profibetrieb eines Vereins nicht ausgliedert"

Zum Einstieg von Investoren hat der Sportökonom eine klare Meinung: "In der aktuellen Situation ist es fahrlässig, wenn man den Profibetrieb eines Vereins nicht in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert hat." In der Bundesliga gibt es aktuell nur noch vier Vereine, die ihren Spielbetrieb nicht ausgegliedert haben und nach wie vor als eingetragener Verein agieren: der 1. FC Union Berlin, 1. FSV Mainz 05, Sport-Club Freiburg und FC Schalke 04. In letzter Instanz könnten diese Vereine nicht "zu dem Mittel greifen kann, Anteile zu veräußern und sich durch einen Investor Liquidität zu verschaffen". Ob ein Verein allerdings schon vor einer akuten Notsituation ausgliedern sollte, hänge davon ab, wie er mit seinem Geld umgehe.

Dass der Einstieg eines Investors aber kein Allheilmittel ist, veranschaulicht der Berliner Verein Hertha BSC. Dort hat sich der schillernde Unternehmer Lars Windhorst eingekauft, 374 Millionen Euro sind als Investment vereinbart, fast 300 Millionen Euro seien seit seinem Einstieg 2019 bereits überwiesen, berichtete die FAZ. Im Vergleich zum Ausland sind Einstiege von Investoren in der Bundesliga nicht so weit verbreitet. Das hängt mit der sogenannten 50+1-Regel zusammen, die besagt, dass die Mehrheit der Stimmen stets beim Verein und damit bei seinen Mitgliedern bleiben müssen. So kann ein Investor wie Windhorst zwar fleißig Anteile kaufen, das alleinige Sagen hat er dadurch aber nicht.

Sportlich hat sich das Investment bislang nicht ausgezahlt. Hertha BSC, aktuell in Corona-Quarantäne und mit zwei Spielen weniger als die Konkurrenz, steht auf dem 16. Platz der Bundesliga. Der Abstieg droht. "Das Beispiel Hertha zeigt gut, dass es entscheidend ist, wie ein Klub mit den Mitteln des Investors wirtschaftet", sagt Breuer. Ein großer Teil des Geldes sei direkt in Spieler investiert worden. Doch angesichts der sportlichen Leistung "stellt sich schon die Frage, ob da nicht ein Teil der Einnahmen einfach verbrannt wurde".