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Es geht ums nackte Überleben: Luftfahrtindustrie sendet Hilferuf in Richtung Staat

·Lesedauer: 6 Min.

Die Corona-Politik zerstört das Geschäft der Luftfahrtindustrie. Regierung und Branche wollen die Technologieführerschaft in dem strategischen Markt sichern.

Die Luftfahrt-Branche kämpft ums Überleben. Foto: dpa
Die Luftfahrt-Branche kämpft ums Überleben. Foto: dpa

Wenn sich an diesem Mittwoch Flugzeughersteller, Zulieferer, Airlines, Flughäfen, Vertreter der Bundesländer, der Gewerkschaften und der Betriebsräte im Bundeswirtschaftsministerium treffen, geht es nicht nur um die Zukunft der Branche – es geht ums nackte Überleben.

Eingeladen hat der Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek. Hatte der Bund im Konjunkturprogramm eine Milliarde Euro zur Flottenerneuerung bereitgestellt, so soll es bald schon weiteres Geld geben, damit die Hightech-Branche mit ihrer strategischen Bedeutung die Folgen der Coronakrise überlebt. „Wir wissen um die aktuellen Probleme der Branche und die Überkapazitäten“, sagte der CDU-Politiker dem Handelsblatt.

Deshalb soll Geld vor allem in Forschung und Entwicklung fließen. „Wir wollen zum Beispiel signifikante Mittel aus dem Etattitel zur Förderung von Wasserstoff einsetzen, um die Forschung an Wasserstofftechnologien für die Luftfahrt voranzutreiben“, kündigte er an. „Es ist wichtig, dass die Unternehmen mit ihrem Know-how die Krise überstehen und danach in der Lage sind, mit innovativen und klimafreundlichen Produkten Marktanteile zu sichern und auszubauen.“

Ob dies gelingen wird? Angesichts neuer Reisebeschränkungen sinkt die Fluglust wieder, wie Zahlen des Branchenverbands BDL zeigen, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen. Das Minus zum Vorjahr lag im September demnach bei 81 Prozent.

Die Branche warnt vor einem „erneuten Lockdown des Reisegeschehens“. Die mahnenden Worte stammen von Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. Er wird an diesem Mittwoch die Lage von Fluggesellschaften und Flughäfen skizzieren.

„Erneuter Lockdown des Reisegeschehens“

Demnach sind die Passagierzahlen an deutschen Flughäfen im Juli um 80 und im August um 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen. War die Hoffnung groß, dass es wieder aufwärtsgehen würde, so folgte im September Woche für Woche die Ernüchterung – Ende des Monats stand sogar ein Minus von 81 Prozent da.

„Mit der Ankündigung von Bund und Ländern, die Teststrategie durch eine pauschale Quarantänepflicht für Reisende aus Risikoländern zu ersetzen, verschlechtert sich die ohnehin schwierige Buchungslage nun weiter“, sagte Randow dem Handelsblatt. Für das laufende Jahr rechnen Flughäfen und Fluggesellschaften mit einem Umsatzrückgang von 70 Prozent.

Ohne Flugbewegungen keine Nachfrage nach Flugzeugen, ohne Flugzeugbau keine Hochtechnologie. „Wir haben im ersten halben Jahr versucht, unsere Branche zu retten und die Lieferketten zu sichern“, hieß es beim Bundesverband der Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI). Dazu seien Staatshilfen via staatliche Kreditbank KfW, Wirtschaftsstabilisierungsfonds und Kurzarbeitergeld hilfreich gewesen. Nun gehe es darum, wie Hersteller und Zulieferer „Treiber und Vorreiter beim grünen Fliegen“ sein können.

Dafür nötig ist viel Geld, das den Unternehmen fehlt. Airbus etwa arbeitet intensiv an einem wasserstoffgetriebenen Flugzeug. „Es ist ein ehrgeiziges Ziel, das bis 2035 zu stemmen, aber wir trauen uns das zu, und wir werden die entsprechenden Investitionen tätigen“, sagte Chief Operating Officer Michael Schöllhorn dem Handelsblatt.

Ohne staatliche Hilfe geht es nicht

Klar sei aber, dass es ohne staatliche Unterstützung nicht gelinge: „Wir hoffen auf eine signifikante Förderung durch das Wasserstoffprogramm der Bundesregierung, wir möchten auch die Luftfahrtforschung für die Entwicklung entsprechender Technologien einsetzen.“ Auch sei man mit Bundesländern wie Hamburg im Gespräch über regionale Förderprogramme.

200 Millionen Euro sind für die Förderung von Wasserstoffantrieben im Gespräch. Doch dabei will es der Bund nicht belassen, wie das Handelsblatt aus Regierungskreisen erfuhr. Schließlich benötigen auch die Zulieferer Hilfen. Triebwerkshersteller wie Rolls-Royce etwa verdienen ihr Geld weniger mit dem Verkauf ihrer Produkte als mit der Wartung. Die aber hängt von den Flugstunden ab.

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  • Airlines, Flugzeughersteller, Flughäfen – sie alle leiden massiv unter der Corona-Pandemie. Wie stark sich die Branche verändern wird – Jetzt im Handelsblatt Today Podcast!

Das weiß auch Luftfahrtkoordinator Jarzombek. So ist im Gespräch, die eine Milliarde Euro, die der Branche für den Kauf emissionsarmer Flugzeuge im Konjunkturpaket zugesichert wurde, umzuwidmen. Darüber werde an diesem Mittwoch geredet, hieß es im Vorfeld des Treffens.

„Die Nachfrage nach neuen Flugzeugen ist dramatisch eingebrochen“, attestierte Jarzombek. „Das setzt die ganze Zulieferkette unter Druck. Die große Gefahr ist, dass gerade die hochinnovativen Zulieferbetriebe ihre Forschungsmittel kürzen, um ihre Liquidität in der Krise zu erhöhen.“

Milliarden für grünes Fliegen

Allerdings lehnt die Luftverkehrswirtschaft die Umwidmung ab. Vielmehr solle das Förderprogramm Anreize geben, „trotz der wirtschaftlichen Lage alte Flugzeuge durch neue, energieeffizientere zu ersetzen“, sagte Randow. Die Flottenerneuerung „würde auch den Herstellern und Zulieferern zugutekommen“, versuchte er zu beschwichtigen.

Von Zuschüssen von bis zu 80 Prozent ist die Rede, wie sie etwa bei Buserneuerungsprogrammen im Nahverkehr gewährt werden. Ob dies allerdings im international hart umkämpften Luftverkehrsmarkt erlaubt ist? Die EU-Kommission muss die Beihilfen genehmigen.

Darüber hinaus ist in der Branche im Gespräch, dass Unternehmen, die am Luftfahrtforschungsprogramm des Bundes teilnehmen, Mitarbeiter aus ihren Forschungsabteilungen beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) abstellen und damit Lohnkosten sparen. Vertreter des DLR werden auch am runden Tisch teilnehmen.

Noch lieber wäre es den Unternehmen der Branche, wenn sie „wieder aus eigener Kraft Einnahmen für notwendige Investitionen erzielen können“, sagte Randow. Dazu müssten die Regierenden Risikogebiete aber differenziert ausweisen.

Es fehlt die Perspektive

Die Luftverkehrsindustrie fühlt sich nicht nur in Deutschland in Geiselhaft genommen. Der Verband Airlines for Europe (A4E) rechnet vor: Von 1,2 Milliarden transportierten Passagieren seit Beginn der Pandemie hätten sich nur 44 Fluggäste mit Covid-19 angesteckt, twitterte die Lobbyorganisation vor wenigen Tagen. „Das ist ein Fall pro 27 Millionen Reisende.“ Gleichzeitig dürfte die Zahl der Flüge im europäischen Flugverkehr in den kommenden Monaten um bis zu 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einbrechen, prognostiziert die Europäische Organisation zur Sicherung der Luftfahrt (Eurocontrol).

Doch in der Politik verhallen solche Daten bisher. Die Vorstellung, dass reisende Menschen das Virus rund um den Globus verteilen könnten, ist für viele Regierenden ein Graus. So gibt es etwa in Australien Regierungsvertreter, die ihr Land bis Ende 2021 weitgehend isolieren wollen. Internationale Reisen zu touristischen oder Studienzwecken seien bis dahin sehr unwahrscheinlich, wird etwa Finanzminister Josh Frydenberg in Medien zitiert.

Damit fehlt der Branche die Perspektive. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat seine Mitarbeiter kürzlich auf weitere Einschnitte eingestimmt. Bis zu 27.000 Vollzeitstellen sind bei der Airline-Gruppe bedroht. Das Management geht davon aus, in diesem Winter maximal 20 Prozent der eigentlich geplanten Sitzplatzkapazität füllen können.

Das bedeutet: Es werden auch deutlich weniger Flugzeuge benötigt. Wenn neue Jets abgenommen werden, dann höchstens, um die Flotte zu modernisieren und dem nach wie vor existierenden Druck zu begegnen, emissionsärmeres Gerät einzusetzen. Lufthansa-Chef Spohr etwa hat wiederholt betont, trotz der schweren Krise in modernere Jets wie den Airbus A350 investieren zu wollen.

Doch diese Order werden bei Weitem nicht ausreichen, um die Fertigung beim europäischen Hersteller auszulasten. Airbus hat seine Fertigungskapazitäten bereits um 40 Prozent zurückgefahren. Das trifft die gesamte Zulieferindustrie. Viele Betriebe sind Mittelständler mit begrenzten Ressourcen und einem eher überschaubaren finanziellen Polster.

In einer Umfrage der Unternehmensberatung h & z aus München für den BDLI haben viele Zulieferbetriebe berichtet, dass sich die Banken zunehmend in Zurückhaltung üben. Gleichzeitig sieht ein Drittel der befragten Zulieferer dringenden Bedarf, das Eigenkapital wegen der Krise stärken zu müssen. Weil das aber schwierig werden wird, geht ein Fünftel der Betriebe davon aus, um ein Schutzschirmverfahren, eine Sonderform der Insolvenz, oder auch um eine reguläre Insolvenz nicht herumzukommen.