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Ihr wurde oft Unrecht getan - nun das Happy End

Als sich Yasemin Can nach der Hälfte des 5000-Meter-Rennens auf den Weg machte, wurden böse Erinnerungen wach.

Konstanze Klosterhalfen wirkte genau so überrascht wie drei Tage zuvor über die 10.000 Meter und musste an der Seite von Eilish McColgan abreißen lassen - doch das war es dann mit dem Flashback.

Für die beste deutsche Mittel- und Langstreckenläuferin gab‘s ein goldenes Happy End bei der Heim-EM in München: Im Gegensatz zu Montag wurde die Lücke dieses Mal nicht größer, sondern blieb zunächst konstant bei etwa zehn bis 15 Metern.

Angetrieben durch die immer lauter werden Zuschauer verringerte Klosterhalfen ihren Rückstand Meter um Meter, Zentimeter um Zentimeter. Gut eineinhalb Runden vor dem Ziel hatte sie dann die türkische 10.000-Meter-Siegerin geschnappt und flog unter ohrenbetäubendem Lärm ihrer Fans über die Tartanbahn Richtung Ziellinie.

Klosterhalfen zahlte früh Lehrgeld

„Ich habe keine Sekunde über so ein Rennen nachgedacht, das ist unbeschreiblich schön“, sprudelte es aus der 25-Jährigen heraus. „Ein Europameistertitel ist etwas ganz Besonderes, vor allem vor den eigenen Fans.“

In der Tat war es ein unverhofftes Highlight für Klosterhalfen, die alle nur „Koko“ nennen. Blickt man auf die Umstände, kann man sogar von einem Wunder sprechen.

Die 25 Jahre alte Klosterhalfen blickt mittlerweile auf eine schon recht bewegte sportliche Geschichte zurück: Als Ausnahmetalent war sie bereits 2016 als 19-Jährige bei den Spielen in Rio dabei, schied aber nach einem taktischen Fehler über 1500 Meter, als sie zu früh losspurtete, schon im Vorlauf aus.

Vor der EM in Berlin 2018 war Klosterhalfen nach einer langen Verletzungspause zu spät ins Training zurückgekehrt und belegte am Ende über 5000 Meter nur den fünften Platz.

Als sie in dieser Zeit ins Nike Oregon Project (NOP) wechselte, folgte viel Kritik am Umfeld mit belasteter Vorgeschichte, das unter dem damaligen Leiter Alberto Salazar mit fragwürdigen Methoden arbeitete.

Kurz bevor Klosterhalfen bei der WM in Doha über 5000 Meter zur Bronzemedaille stürmte, wurde Salazar wegen Dopingvergehen gesperrt und das NOP aufgelöst. Die junge Deutsche blieb ihrer Trainingsgruppe unter Coach Pete Julian dennoch treu, was ihr weiteren Gegenwind einbrachte.

Zu dünn, zu unnahbar? Klosterhalfen zog öfters Kritik auf sich

„Koko“ wirkte stets unbeirrt und knackte einen deutschen Rekord nach dem anderen - bis sie wieder von Verletzungen ausgebremst wurde. Bei den Olympischen Spielen in Tokio musste sie sich über 10.000 Meter mit Platz 7 zufriedengeben, weil sie wieder (zu) spät ins Training eingestiegen war.

Dass sie anschließend bei brütender Hitze am ganzen Körper zitterte, führte zu einer von vielen oft oberflächlich geführten Diskussionen, ob ihr Untergewicht gefährlich für ihre Gesundheit sei. Tatsächlich zitterte sie in Tokio, weil ihr Kreislauf versagt hatte.

Klosterhalfen und Deutschland - das ist schon seit Jahren keine einfache Beziehung. Weil sie sich hierzulande längere Zeit nicht mehr blicken ließ, handelte sie sich einen Ruf als schwer greifbares Mysterium ein, was immer einen negativen Beiklang hatte. Als „Phantom“ titulierten sie verschiedene deutsche Medien in den vergangenen Jahren..

Interview-Anfragen seien stets unbeantwortet geblieben, hieß es in dem Zusammenhang, was von Klosterhalfens Management vehement abgestritten wird. In der Tat gab sie zwar selten Interviews - doch vor Großveranstaltungen konnte man immer mit ihr sprechen.

Diesmal bremst Corona Klosterhalfen aus

Nachdem es also in den Jahren davor nicht recht klappen wollte, schien 2022 die beste Gelegenheit, um wieder sportliche Schlagzeilen zu schreiben. Erst die WM in Eugene, nur eine Autostunde von ihrem Trainingscamp entfernt, und dann die Heim-EM in München - es sollte Klosterhalfens Jahr werden.

Doch dann warf sie wenige Wochen vor WM-Start eine Corona-Infektion aus der Bahn - und wieder musste sie Tribut zollen. Im 5000-Meter-Vorlauf erlebte sie ihre schlimmste (letzte) Runde und konnte erneut nicht ihr eigentliches Potenzial zeigen.

„Als ich das Wasser auf der Gegengerade gesehen habe, schoss mir durch den Kopf, wie schön jetzt ein Schluck Wasser wäre, aber ich wollte den Lauf unbedingt ins Ziel bringen“, erzählte sie bei SPORT1. „Es war kein schönes Gefühl, denn ich habe nur daran gedacht, wie ich die Runde schaffe.“

Klosterhalfen muss ihren Trainer überreden.

Dass sie auch in München noch immer nicht im vollen Besitz ihrer Kräfte ist, ahnte man beim 10.000-Meter-Rennen am Montag. Dort wurde musste sie zwar nicht mehr so leiden wie in Eugene, doch Platz 4 war weniger als sie sich vorher ausgemalt hatte.

Wie würde es also über 5000 Meter werden? Zwischen den beiden geplanten Rennen lagen nur zwei Tage - alles andere als günstige Voraussetzungen. Sogar ihren Trainer musste sie von einem zweiten EM-Start überzeugen.

„Ich habe ihn (Pete Julian, Anm. d. Red.) angerufen und gesagt: ‚Ich würde schon echt gerne laufen‘“, sagte Klosterhalfen auf SPORT1-Nachfrage. „Dann hatte ich heute Morgen ein bisschen Bammel. Ich habe mich nochmal in den Lymphomaten gelegt und dachte: ‚Hm, ich hoffe, ich laufe nicht hinterher. Aber egal, das Publikum wird mich auch so anfeuern‘.“

Allen Widerständen zum Trotz stand sie also an diesem verregneten Donnerstagabend an der Startlinie und nahm den Kampf an. Am Ende eines atemberaubenden Rennens waren, so schien es jedenfalls, die Qualen und Rückschläge der letzten Jahre mit einem Schlag vergessen.

„Ich habe noch nie einen Titel gewonnen, ich habe vorher noch nicht einmal dran geglaubt, eine Medaille zu gewinnen. Ich bin unfassbar glücklich“, sagte sie noch - und entschwand in die schwüle Münchner Nacht.