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Euronext will Tech-Start-ups den Weg an die Börse ebnen


Pascal Schweizer redet sich leicht in Rage, wenn er über die Gründerszene in Deutschland spricht. In den USA werde pro Kopf zehnmal mehr Risikokapital in Biotech- und Medizintechnik-Unternehmen investiert als in Deutschland, klagt er.

„Das bedeutet: Selbst wenn wir doppelt so schlau wären wie die Amerikaner, was nicht so ist, läge unser Wettbewerbsnachteil immer noch bei Faktor fünf.“ Der 39-Jährige ist CEO und Finanzchef beim Biotech-Unternehmen Thermosome, das 2015 gegründet wurde und an einer neuartigen Krebsbehandlung arbeitet.

Thermosome verpackt hochgiftige Tumorkiller in kleine Kügelchen, sogenannte Nanocarrier, die ihre Wirkstoffe erst ab einer bestimmten Temperatur freisetzen. Der Tumor wird erwärmt, die Kügelchen öffnen sich in seinem Inneren und bringen bis zu 15-mal mehr Wirkstoff in den Tumor als eine Chemotherapie.

Doch selbst ein neues Verfahren gegen die Menschheitsplage Krebs sichert noch lange keine üppige Finanzierung. Bis ein Medikament oder Verfahren marktreif ist und alle Tests sowie klinischen Studien bestanden hat, sind in der Regel 500 Millionen Euro an Investitionen fällig. Und die, so klagen die Gründer der Szene unisono, sind in Deutschland nur sehr schwer zu organisieren.

In den Vereinigten Staaten ist dagegen weit mehr Risikokapital vorhanden. Investoren, Analysten und Investmentbanker in den USA haben für den Biotech- und Medizintechnikbereich zahlreiche Spezialisten. Sie können Geschäftsmodelle schnell bewerten und sind eher bereit, zu investieren und Risiken einzugehen. Auch ein Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq bringt in der Regel höhere Bewertungen als in Europa.

Viele Unternehmen zieht es deshalb in die USA. Im vergangenen Jahr gingen dort 67 Unternehmen der Biotech und Medizintechnik aufs Parkett, neun davon waren Ausländer. In Europa gab es in derselben Zeit elf Börsengänge der Branche. Während die Politik beklagt, dass es keine europäischen Champions in Zukunftstechnologien gibt, machen die Unternehmen dafür das fehlende Kapital verantwortlich, das sie für ihr Wachstum brauchen.


Die Mehrländerbörse Euronext will ihnen nun eine Alternative bieten. Sie hat 2015 das Programm „TechShare“ gestartet. Dabei geht sie gezielt auf Firmen zu und bietet ihnen gratis Schulungen zum Börsengang. In der vergangenen Woche sind auf Einladung von Euronext mehr als 100 Start-ups zur Tagung nach Lissabon gekommen. Erstmals waren auch Teilnehmer aus Deutschland, Spanien, Italien und der Schweiz dabei.

„Es ist wichtig, dass es auch in Europa einen Ort gibt, wo sich Tech-Unternehmen treffen und Finanzierungsoptionen diskutieren können“, erklärt Euronext-Chef Anthony Attia. Um den Gang an die Börse zu erleichtern, fordert er – anders als die Deutsche Börse – keinen Mindestumsatz oder Gewinn als Voraussetzung.

Bei Investoren und Unternehmen kommt die Initiative gut an. „Die Euronext kümmert sich um uns“, sagt Dieter Lingelbach, der für das Münchener Biotech Sirion nach Lissabon gekommen ist. Das Unternehmen ist in der Gentherapie aktiv und entwickelt Viren, die in menschliche Zellen eindringen und ihr Genmaterial dort mit dem der Zelle verschmelzen. Die Lizenzen für solche „Vektoren und Enhancer“ verkauft Sirion an andere Forscher, aber auch bereits an fünf Arzneimittelhersteller und erzielt so mit 35 Mitarbeitern sieben Millionen Euro Umsatz und bereits Gewinn.

Zwei Drittel des Umsatzes stammen von US-Kunden. Sirion hat in Boston jüngst ein Vertriebsbüro eröffnet und ist auch in den USA auf Investorensuche gegangen – aber nicht fündig geworden. „US-Investoren wollen ihre Beteiligungen möglichst eng begleiten“, erklärt Lingelbach. „Bei einer deutschen Firma erscheint ihnen das entsprechend kompliziert.“

Für kleine und mittlere Firmen wie Sirion ist der Weg in die USA oft keine Lösung. Bei einem Listing an der Nasdaq etwa drohen sie im Vergleich mit den US-Riesen unterzugehen.


Sirion liebäugelt nun mit einem Börsengang an der Euronext – wenn Investoren und Gründungsgesellschafter mitziehen. Risikokapitalgeber haben in der Regel einen Anlagehorizont von zehn Jahren, innerhalb derer sie mit Gewinn wieder aussteigen wollen. Ein Börsengang aber dauert. Verlieren die Aktien an Wert oder ist nicht genug Liquidität im Markt, erschwert das ihre Lage.

Investoren sehen einen Börsengang deshalb oft skeptisch. Dahinter steht eine Haltung, die viele Unternehmer in Lissabon beklagen: Die vermeintlich deutsche Aversion gegen Risiken. „Die Gespräche mit Risikokapitalgebern in Deutschland sind manchmal schon frustrierend“, sagt Philipp Bell vom Biotech-Start-up iThera. Der 44-Jährige hat früher in den USA mehrere Unternehmen der Hightech-Branche mitgegründet und beraten. „In den USA fragen dich die Venture-Capital-Geber: Wenn ich dir zehn Millionen Dollar mehr gebe, was kannst du damit alles erreichen? In Deutschland heißt es: Geht dasselbe nicht auch mit weniger Geld?“

Die Firma iThera, die 2014 den deutschen Innovationspreis gewann, hat ein Gerät entwickelt, das Lichtwellen in das menschliche Gewebe schickt. Das dehnt sich daraufhin leicht aus und erzeugt dabei je nach Gewebe verschiedene Ultraschallwellen, die iThera in 3D-Bilder übersetzt. Mit dem Verfahren lassen sich verschiedene Gewebearten identifizieren und Diagnosen erstellen, die bisher nur durch Eingriffe wie eine Biopsie oder eine Darmspiegelung möglich waren.

iThera hat überlegt, den Firmensitz in die USA zu verlegen. Dagegen sprach aber der größere Talentpool in Europa. „In den USA könnten wir nur Amerikaner beschäftigen“, sagt Bell. „In Europa ist es kein Problem, Visa für Mitarbeiter aus aller Welt zu organisieren.“ iThera beschäftigt 35 Angestellte aus 20 Nationen – darunter aus dem Iran, Dubai oder Venezuela. „Das sind vor allem Ingenieure, die man in Deutschland kaum mehr findet“, sagt Bell.


Der Start war für iThera vergleichsweise einfach. Allein vier EU-Förderprojekte sowie Gelder aus Bayern und vom Bund hat das Unternehmen erhalten. „Es gibt hier jede Menge Fördertöpfe für Unternehmensgründungen“, sagt Bell. Aber sobald es an die Wachstumsfinanzierung gehe, werde es schwierig. „Wir werden in Europa durch die mangelnde Finanzierung gebremst.“

Die EU hat das Problem erkannt und fördert Risikokapital (siehe Interview rechts). Doch just Deutschland hinkt Nachbarn wie Frankreich hinterher, wo es steuerliche Anreize für Venture Capital gibt. Immerhin hat Kanzlerin Merkel jüngst erklärt, die Bundesregierung werde sich bald auf eine steuerliche Forschungsförderung einigen.

Karl Nägler von der europäischen Investmentgesellschaft Gimv, einer der wenigen Großen in Europa, sieht Europa auf dem richtigen Weg und verweist darauf, dass hierzulande die Venture-Capital-Investitionen seit einigen Jahren steigen. Er geht zwar davon aus, dass die USA mit ihrem Spezialistentum für Branchen wie Biotech global führend bleiben.

Doch für ein Segment sieht er in Europa gute Chancen: die Medizintechnik. „Die Geschäftsmodelle dort erklären sich leichter als bei Biotech. Das ist in Europa wichtiger als in den USA, weil hierzulande immer viele Generalisten und Privatanleger bei einem Börsengang investieren. Vielleicht gelingt es Euronext, das entsprechende Umfeld dafür zu schaffen, dann kann die europäische Medizintechnik sich weltweit vorne positionieren.“