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Russland hält die Opec hin – Ölpreise drehen ins Minus

Durch die Ausbreitung des Coronavirus ist die Ölnachfrage in China eingebrochen. Das setzt die Ölproduzenten unter Druck. Dennoch ringen sie um eine gemeinsame Linie.

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg am Donnerstag berichtet, erbittet sich Russland Bedenkzeit in den Verhandlungen um neue Förderkürzungen des Opec+-Verbunds. Foto: dpa

Die Ölallianz Opec+ um Saudi-Arabien und Russland ringt um eine gemeinsame Reaktion auf die schwindende Ölnachfrage. Doch Russland hält die übrigen Mitglieder der Allianz hin. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg am Donnerstag berichtet, erbittet sich Russland Bedenkzeit in den Verhandlungen um neue Förderkürzungen des Opec+-Verbunds.

Delegierte des Ölförderkartells Opec sowie verbündeter Staaten beraten seit Dienstag in Wien über die Auswirkungen des Coronavirus für die weltweiten Ölmärkte. Einem Bericht der britischen Finanzzeitung „Financial Times“ zufolge erwarten chinesische Energieexperten einen Rückgang des Ölverbrauchs in der Volksrepublik um 25 Prozent.

Kurzfristig könnte die Ölnachfrage demnach um mehr als drei Millionen Barrel täglich einbrechen – ein Rückgang, der mehr als drei Prozent des weltweiten Verbrauchs entspricht. Im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung des Coronavirus ist der Flugverkehr in China teilweise zum Erliegen gekommen, Millionenstädte sind unter Quarantäne gestellt, Stahlwerke und Ölraffinerien haben ihre Produktion heruntergefahren.

Wie schwer die chinesische Ölwirtschaft durch das Virus getroffen wird, haben einige Manager gegenüber der „FT“ beschrieben: „Die Epidemie hat unserem Unternehmen einen gewaltigen Schlag versetzt“, sagte ein leitender Angestellter einer chinesischen Raffinerie der Zeitung. Der Geschäftsführer einer der unabhängigen chinesischen Raffinerien sagte, sein Unternehmen habe die Rohölverarbeitung um mindestens die Hälfte reduziert. Der tägliche Verkauf von Produkten wie Heizöl und Asphalt sei seit Ende Januar um 90 Prozent zurückgegangen, die Lagerbestände seien um mehr als 50 Prozent gestiegen.

China ist der weltgrößte Ölimporteur. Laut der Internationalen Energieagentur betrug die chinesische Ölnachfrage im Februar 2019 knapp 13 Millionen Barrel pro Tag. Die Coronakrise dürfte daher Auswirkungen auf den gesamten Ölmarkt haben. Aufs Jahr gerechnet beziffern Analysten den Rückgang der globalen Ölnachfrage auf durchschnittlich 500.000 bis eine Million Barrel pro Tag.

Damit wächst die Gefahr eines Überangebots am globalen Ölmarkt. Die Preise haben darauf bereits deutlich reagiert: Seit Mitte Januar ist der wichtigste Referenzpreis, die Nordseesorte Brent, um knapp 20 Prozent eingebrochen. Ein Expertengremium der Opec+-Allianz, das sogenannte Joint Technical Committee, hatte daher am Donnerstag empfohlen, die Ölproduktion der Allianz weiter zu drosseln.

Hinhaltetaktik sorgt für Unsicherheit

Um ein Überangebot zu verhindern, müssten die Opec+-Staaten demnach weitere 600.000 Barrel Tagesproduktion vom Markt nehmen. Der aktuell gültige Opec+-Deal sieht vor, dass die insgesamt 24 Staaten ihre Ölproduktion um 1,7 Millionen Barrel täglich gegenüber der Fördermenge von Oktober 2018 reduzieren.

Die Opec trifft der jüngste Ölpreisverfall doppelt. Bei vielen Mitgliedstaaten des Ölkartells ist die staatliche Ölgesellschaft ein Monopolist – und die Staatshaushalte sind dringend auf die Einnahmen der Staatskonzerne angewiesen. Saudi-Arabien beispielsweise, der größte Ölproduzent der Opec, soll Schätzungen zufolge einen Ölpreis von 80 Dollar für einen ausgeglichenen Staatshaushalt benötigen.

Gleichzeitig ist China ein wichtiger Abnehmer für Öl der sogenannten Opec+-Allianz. Sie besteht aus 24 Ländern, darunter die 14 Opec-Mitglieder und zehn weitere verbündete Ölexportstaaten, allen voran Russland. Die Allianz steht für rund die Hälfte der weltweiten Ölproduktion.

Doch noch ist unklar, ob sich Russland auf neue Förderkürzungen einlassen wird. Die staatlichen und halbstaatlichen russischen Ölkonzerne sind auch bei einem Preisniveau zwischen 50 und 60 Dollar pro Barrel profitabel. Neue Förderkürzungen bedeuten für sie weniger Umsatz und Gewinn – daher hat Russland bislang zurückhaltend auf neue Forderungen der Saudis regiert, die Produktion zu drosseln.

Die Hinhaltetaktik sorgt jedoch für neue Unsicherheit an den Ölmärkten. Am Donnerstag gab der Ölpreis anfängliche Gewinne im Tagesverlauf ab. Die Nordseesorte Brent rutschte am Donnerstag erneut unter die Marke von 55 Dollar pro Barrel.

Ein Ende der Preisschwäche ist bislang nicht in Sicht: Einige Experten fürchten gar den größten Preisschock seit der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009. Agnes Horvath, Chefökonomin des Öl- und Gaskonzerns MOL, sagt: „Der weitere Einfluss wird sich am Ende daran entscheiden, wie sich das Virus ausbreitet und entwickelt.“ Kurzfristig hält sie eine Verschlechterung der Nachrichtenlage und noch größeren Druck auf die Ölpreise für wahrscheinlich.

„Wir sehen die Preise leicht unter 50 Dollar“, sagt die Chefökonomin. Ähnlich schätzt auch Ölexperte David Wech, Chef der Wiener Energieagentur JBC Energy, die Lage ein. „Brent-Preise unter 50 Dollar pro Fass können derzeit nicht mehr ausgeschlossen werden, unter 40 halte ich aber für sehr unwahrscheinlich.“