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Der Einbruch des VW-Absatzes offenbart das Drama der Autobranche

Die weltweiten Absatzzahlen des VW-Konzerns sind im April wegen der Coronakrise fast um die Hälfte eingebrochen. Für die Pkw-Marken kommt der Lichtblick aus China.

Weltweit hat Volkswagen im April fast 50 Prozent weniger Autos verkauft als im Vorjahr. Nur in China ist der Abschwung schon wieder vergessen. Foto: dpa

Der Frühling ist eigentlich die beste Zeit für den Autohandel. Die Händler decken sich früh mit zusätzlichen Autos ein, um der erwartet hohen Nachfrage gerecht zu werden. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Die Corona-Epidemie hat aus dem gewohnten Boom-Monat April Horror-Wochen für den Handel und die Autohersteller gemacht. „Für uns ist das eine Vollbremsung aus dem Frühjahrshoch“, sagt Jürgen Stackmann, Vertriebsvorstand der Marke Volkswagen.

Die Autoindustrie hat die weltweiten Beschränkungen des öffentlichen Lebens im April mit voller Wucht zu spüren bekommen. Es dürfte in diesem Jahr der schlechteste Monat für die Fahrzeugbranche werden – weil die Geschäfte, von einigen Ausnahmen in Asien abgesehen, fast weitgehend ruhten.

Der VW-Konzern hat am Freitag seine Verkaufszahlen für April veröffentlicht. Auch in Wolfsburg zeigt sich das Drama der vergangenen Wochen. Einen vergleichbaren Einbruch der weltweiten Autonachfrage in solch kurzer Zeit hatte es bislang nicht gegeben.

Der Wolfsburger Konzern hat im April rund um den Globus gut 470.000 Fahrzeuge verkauft. Im Vorjahresmonat waren es hingegen noch mehr als 866.000 Autos, was einem Minus von etwa 45 Prozent entspricht. Besonders problematisch haben sich die Geschäfte für Volkswagen in Westeuropa und in Südamerika entwickelt (beide mit minus 77 Prozent). Darin spiegelt sich vor allem die wochenlange Schließung der Autohändler wider.

Bei allen Negativrekorden: Auf seinem Heimatmarkt in Deutschland hat Volkswagen nicht ganz so schlecht abgeschnitten. VW-Markenvorstand Stackmann bezifferte das Minus in der Bundesrepublik auf 67 Prozent.

Viel dramatischer sei die Entwicklung jedoch in den anderen europäischen Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien, die wesentlich stärker von der Corona-Pandemie getroffen wurden. Ablesbar ist das etwa an den Verkaufszahlen der spanischen VW-Tochter Seat, die im April um 80 Prozent zurückgegangen sind – vor allem auf dem Heimatmarkt in Spanien.

An den deutschen Verkaufszahlen zeigt sich, dass die Beschränkungen des öffentlichen Lebens nicht ganz so weitreichend wie in Südeuropa waren und deshalb mehr wirtschaftliche Aktivitäten möglich waren. Problematisch ist die Lage auch in Großbritannien, wo im April fast überhaupt keine neuen Autos verkauft wurden. In der Bundesrepublik sind die Aussichten aus VW-Sicht noch am besten. „Deutschland hat eine gute Chance zurückzukommen“, so Jürgen Stackmann.

Echter einziger Lichtblick ist für Volkswagen derzeit der chinesische Automarkt. In der Volksrepublik hatte die Coronakrise ihren Höhepunkt bereits im Februar erreicht, die wirtschaftliche Erholung konnte dort also schon früher einsetzen. Ablesbar ist das an den Absatzzahlen des VW-Konzerns, der in China im April mit 306.000 verkauften Autos sogar ein kleines Plus von einem Prozent erreicht hat.

Volkswagen profitiert dabei von einer guten Entwicklung bei den Premiummarken Audi und Porsche. Außerdem hat sich die neue Einsteigermarke Jetta am chinesischen Automarkt schnell etablieren können. Diese Autos werden ausschließlich in der Volksrepublik produziert und verkauft.

Nutzfahrzeuggeschäft wird zum Problembereich

In Wolfsburg wächst der Optimismus, dass die coronabedingten Einbrüche aus dem Februar und März im weiteren Verlauf dieses Jahres wieder ausgeglichen werden können. Volkswagen hat sich in den vergangenen Wochen besser als der gesamte Markt entwickelt: Der Marktanteil ist in diesem Jahr von 20 auf 21 Prozent gestiegen. Die Wolfsburger sind damit weiter unangefochten Marktführer.

In den ersten vier Monaten dieses Jahres liegt der VW-Konzern aktuell um gut 25 Prozent unter dem Vorjahresergebnis. „China macht Hoffnung und zeigt möglicherweise den Weg aus der Coronakrise auf“, glaubt auch Frank Schwope, Automobilanalyst bei der NordLB in Hannover. Der chinesische Automarkt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zum wichtigsten Verkaufsgebiet für Volkswagen entwickelt. Der Konzern verkauft dort jährlich etwa vier Millionen Fahrzeuge, was etwa 40 Prozent des weltweiten Absatzes entspricht.

VW ist in der Volksrepublik auch hochprofitabel. Die chinesischen Tochtergesellschaften überweisen in jedem Jahr umgerechnet mehr als drei Milliarden Euro an Dividende nach Deutschland. Trotz der Coronakrise sind auch in diesem Jahr wieder ähnliche Beträge erreichbar, hofft Volkswagen.

Die wichtigsten Pkw-Marken des VW-Konzerns haben im April rund um den Globus durchgehend mit hohen Raten bei den Absatzzahlen verloren. Am besten hat noch Porsche mit minus 35 Prozent abgeschnitten, dann folgen Volkswagen-Pkw (minus 38 Prozent) und Audi (minus 41 Prozent). Bei Skoda liegt das Minus bei fast 57 Prozent.

Bei den Nutzfahrzeugmarken sind die Rückgänge noch etwas größer. Die hannoversche Tochter VW Nutzfahrzeuge (VWN), Hersteller des Bulli und anderer leichter Transporter vor allem für den gewerblichen Bereich, hat im April 14.400 Fahrzeuge verkaufen können, ein Minus von fast 68 Prozent. Bei VWN fehlt als Ausgleich der chinesische Markt, mit dem die Pkw-Marken vor allem die Schwäche aus dem europäischen Geschäft zumindest teilweise abfedern können. VWN ist sehr stark auf Europa konzentriert.

Ähnlich schwach war die Entwicklung bei den beiden konzerneigenen Lkw-Marken Scania und MAN. Auch dort gibt es keinen Ausgleich aus China. Beim schwedischen Lastwagen-Hersteller beträgt das Minus knapp 67 Prozent, bei der Münchener Lkw-Tochter sind es fast 63 Prozent weniger verkaufte Lastwagen. In diesen Zahlen schlägt sich die fallende Investitionsbereitschaft aus dem gewerblichen Bereich nieder. Unabhängig von der Coronakrise war bei Nutzfahrzeugen in diesem Jahr sowieso schon mit konjunkturell bedingten Rückgängen kalkuliert worden.

Der MAN-Betriebsratsvorsitzende Saki Stimoniaris forderte schon am Donnerstag ein staatliches Förderprogramm für neue und junge gebrauchte Lkw. Der Markt für schwere Lastwagen werde sich in diesem Jahr halbieren. Auf dem Höhepunkt der Coronakrise habe sich gezeigt, wie wichtig die Lkw-Branche für die Versorgung der Bevölkerung sei. „Seit Corona weiß jeder, dass die Nutzfahrzeug-Industrie systemrelevant ist. Ohne uns bewegt sich im Güterverkehr fast nichts“, so Stimoniaris.