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Razzia beim DFB – Ex-Präsident Grindel unter den Beschuldigten

·Lesedauer: 5 Min.

Die Staatsanwaltschaft hat Geschäftsräume und Wohnungen von aktuellen und Ex-Verantwortlichen durchsucht. Der Verdacht: schwere Steuerhinterziehung.

Der frühere DFB-Präsident zählt zu den Beschuldigten. Foto: dpa
Der frühere DFB-Präsident zählt zu den Beschuldigten. Foto: dpa

Der Deutsche Fußball-Bund hat erneut Ärger in Steuerangelegenheiten. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt durchsuchte am Mittwoch Geschäftsräume des Verbands sowie Privatwohnungen von sechs gegenwärtigen beziehungsweise früheren DFB-Verantwortlichen.

Die Strafverfolger verdächtigen die Funktionäre der schweren Steuerhinterziehung. Sie sollen in den Jahren 2014 und 2015 Einnahmen aus der Bandenwerbung von Heimländerspielen der Fußball-Nationalmannschaft bewusst unrichtig als Einnahmen aus der Vermögensverwaltung erklärt haben, „damit der DFB insoweit einer Besteuerung in Höhe von etwa 4,7 Millionen Euro entging“, teilte die Staatsanwaltschaft Frankfurt mit.

Als eingetragener Verein wird der DFB steuerrechtlich besonders behandelt. Während Einnahmen aus der Vermögensverwaltung steuerfrei sind, sind die Einnahmen aus dem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb steuerpflichtig.

Präsident war in der fraglichen Zeit Wolfang Niersbach. Ob er zu den Beschuldigten gehört, ist nicht bekannt. Sie habe dazu keine Erkenntnisse, gab seine Anwältin an. Bei ihm wurde jedenfalls nicht durchsucht.

Durchsucht wurde aber nach Informationen des Handelsblatts beim früheren DFB-Schatzmeister und Nachfolger Niersbachs als DFB-Präsident, Reinhard Grindel sowie bei Reinhard Rauball, Präsident des Bundesligisten Borussia Dortmund und ehemaliger Vizepräsident des DFB.

Grindel reagierte auf Nachfrage gelassen. Er bestätigte, dass die Fahnder bei ihm zu Hause vor der Tür standen. Er gehe davon aus, dass er beschuldigt ist, weil er in seiner Funktion als Schatzmeister die fragwürdige Steuererklärung unterschrieben hat.

Die Grenzziehung zwischen steuerbegünstigter Vermögensverwaltung und wirtschaftlichem Geschäftsbetrieb sei im DFB schon länger Thema gewesen. Er habe sich aber auf das verlassen, was ihm die Wirtschaftsprüfer und Steuerberater gesagt hätten. „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“, sagte Grindel dem Handelsblatt. Sämtliche Unterlagen aus seiner Zeit beim DFB habe er in Frankfurt gelassen.

Rücktritt nach der Annahme einer Luxusuhr

Grindel war von 2013 bis 2016 Schatzmeister und wurde danach Nachfolger des über die Sommeraffäre gestolperten DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach. Im Frühjahr 2019 trat Grindel zurück, nachdem er wegen der umstrittenen Annahme einer Luxusuhr als Geschenk eines ukrainischen Oligarchen in die Kritik geraten war.

Der ebenfalls von den Durchsuchungen betroffene Anwalt Reinhard Rauball, von 2007 bis 2019 Vizepräsident des DFB, wollte auf Nachfrage keine Stellung zu der Durchsuchung und den Vorwürfen nehmen. Seine Kanzlei verwies an den DFB.

Weitere Verantwortliche aus jener Zeit waren als Generalsekretär Helmut Sandrock, Stefan Hans als Finanzchef, Denny Strich als Marketing-Chef sowie der für Rechtsfragen zuständige Vizepräsident Rainer Koch. Der sich nach wie vor im Amt befindliche Koch reagierte auf Rückfragen bislang nicht, genauso wenig wie ein Sprecher des DFB.

Der aktuelle DFB-Präsident Fritz Keller gab unterdessen zu Protokoll, dass er die Ermittlungen unterstützen wolle. „Ich kann nur sagen, dass wir in der Angelegenheit vollumfänglich kooperieren werden“, so Keller im Rahmen der Bundespressekonferenz, zu der er zu einem anderen Thema zugeschaltet war: „Ich bin angetreten für eine Öffnung und Transparenz“, sagte der 63-Jährige, der seit Herbst 2018 amtiert. In dieser Sache müsse er sich aber erst einmal einen Überblick verschaffen.

An den Durchsuchungsmaßnahmen in vier Bundesländern waren rund 200 Beamte der Steuerfahndung, des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei beteiligt. „Die Durchsuchungen laufen seit heute Morgen. Aufgrund der Vielzahl von Objekten, die durchsucht werden, ist ein Ende der Maßnahme noch nicht absehbar“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Vormittag auf Nachfrage.

Die Aktion beschränke sich auf Deutschland. Keine Durchsuchungen gebe es in der Schweiz. Dort hat die Firma Infront ihren Sitz, die viele Jahre die Bandenwerbung für den DFB vermarktete. Namen von Beschuldigten nannte die Sprecherin nicht, so praktiziere es die Staatsanwaltschaft grundsätzlich. Sie bestätigte aber, dass es sich um teils hochrangige Funktionäre handelt.

Streit zwischen DFB und Infront

Der Sportrechtevermarkter Infront und der DFB haben sich vor Kurzem im Streit getrennt. Der Verband teilte Ende Juni mit, die Kooperation mit dem Schweizer Unternehmen zu beenden. Der Verband begründete den Schritt mit dem Bericht einer vom DFB beauftragten Beratungsfirma, die in der Geschäftsbeziehung zu Infront „klare Unregelmäßigkeiten“ und „unrechtmäßige Einflussnahmen auf DFB-Vertreter“ feststellte.

Im Kern steht der Vorwurf, dass zwei Vermarktungsverträge für Bandenwerbung auf fragwürdige Art bei Infront gelandet seien und damalige DFB-Mitarbeiter Gegenleistungen erhalten hätten. Mindestens ein Mitarbeiter aus der Sparte für audiovisuelle Rechte musste den Verband daraufhin verlassen.

Die Kündigung des Vertrags erkannte Infront zunächst nicht an. Mitte September einigten sich die Parteien dann. In einer gemeinsamen Erklärung hieß es, die 40 Jahre andauernde Zusammenarbeit sei „einvernehmlich“ beendet und noch bestehende finanzielle Verpflichtungen abgewickelt worden.

Teil der Auseinandersetzung zwischen dem DFB und Infront war aber noch ein anderer Punkt: 2019 war bekannt geworden, dass bei mehreren Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft statt der vereinbarten 30 Sekunden Werbung nur 29 Sekunden über die Bande liefen. Auf eine Gesamtspieldauer von 90 Minuten wären dadurch theoretisch sechs weitere Werbeslots möglich gewesen.

Infront sah sich selbst als Geschädigter eines einzelnen Ex-Mitarbeiters, der die gewonnenen Sekunden weiterverkauft und sich daran bereichert habe. Diese Darstellung wirft allerdings Fragen auf, da bei der technischen Umsetzung der Bandenwerbung im Stadion nie nur eine Person beteiligt ist und der Betrug hätte auffallen müssen. Der DFB wies jede Schuld von sich.

Der DFB hatte in den vergangenen Jahren wiederholt rechtlichen und steuerlichen Ärger. Der bis dato wohl folgenschwerste: 2017 forderte der Fiskus vom weltgrößten Sportverband eine Steuernachzahlung in Höhe von mindestens 19,2 Millionen Euro. Diese war Folge der Aufarbeitung um die Austragung der Fußball-WM 2006, die unter Verdacht steht, gekauft worden zu sein.

Das Finanzamt hatte dem DFB für das Jahr 2006 die Gemeinnützigkeit aberkannt. Hintergrund war die Rückzahlung eines ominösen Darlehens über 6,7 Millionen Euro, die der DFB 2005 über den Weltverband Fifa an den Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus leistete und von dem bis heute nicht klar ist, wofür das Geld wirklich floss. In seiner Steuererklärung verbuchte der DFB die Zahlung als Kostenbeitrag zu einer WM-Gala, die aber nie stattfand. Der DFB sieht die Ausgabe bis heute als Betriebsausgabe an.