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Bei diesen Aktien machen Top-Manager Kasse

Vorstände und Aufsichtsräte nutzen die deutlich gestiegenen Kurse zum Aktienverkauf. Auffällig sind vor allem die Verkäufe bei vier Unternehmen.

Sie gehören zu den großen Profiteuren der Coronakrise, und ihre Aktien sind seit März noch viel deutlicher gestiegen als der breite Markt. Die Aktienkurse des auf Digitalisierung in der Immobilienbranche spezialisierten Zahlungsdienstleisters Hypoport, des Online-Modehändlers Zalando, des Kochboxenversenders Hellofresh und des Softwareunternehmens Teamviewer haben sich in den vergangenen beiden Monaten annähernd verdoppelt.

Das haben im Mai Vorstände der vier Unternehmen genutzt, um Kasse zu machen. Bei Hypoport verkaufte Vorstand Stephan Gawerecki über seine Vermögensverwaltung Aktien für gut 13,5 Millionen Euro, Vorstandschef Ronald Stabke trennte sich ebenfalls über eine Vermögensverwaltung von Aktien für knapp 370.000 Euro.

Bei Zalando schlug Co-Chef Rubin Ritter Aktien für mehr als 12,8 Millionen Euro los, bei Hellofresh verkaufte Co-Chef Thomas Griesel über seine Vermögensverwaltung TWG Ventures Aktien für mehr als zwei Millionen Euro. Bei Teamviewer meldete Aufsichtsrat Jacob Fonnesbech Aqraou einen Aktienverkauf von über 1,7 Millionen Euro.

Olaf Stotz, Professor an der Privatuniversität Frankfurt School of Finance & Management, findet die Verkäufe auffällig: „Firmeninsider gerade bei noch recht jungen Unternehmen nutzen die deutlich gestiegenen Kurse und sichern sich Gewinne.“ Damit nutzen die Insider das antizyklische Prinzip und verkaufen zu hohen Kursen. „Darüber sollten auch Privatanleger nachdenken“, meint Stotz.

Der Hochschullehrer listet für das Handelsblatt regelmäßig die größten Aktientransaktionen von Unternehmen aus den Indizes Dax, MDax und SDax auf. Doch auch außerhalb dieser Indizes haben Unternehmen im Mai mehr Verkäufe an die Finanzaufsicht Bafin gemeldet.

Gleichzeitig kauften Vorstände und Aufsichtsräte im Mai weniger Aktien ihrer eigenen Firmen als im März und Anfang April. Entsprechend ist das Insiderbarometer, das Stotz aus allen Transaktionen berechnet, seit dem vergangenen Monat um gut sieben Punkte auf 134 Zähler gefallen.

Auf diesem Niveau signalisiert das Barometer zwar noch, dass sich Aktien auf Sicht von drei Monaten besser als andere Anlageklassen entwickeln sollten. Das Barometer bildet indes die Durchschnittswerte der vergangenen drei Monate ab. Von daher wird der hohe Stand durch die vielen Käufe im März und April verzerrt. Stotz interpretiert das so: „Der Rückgang im Barometer spiegelt die vorsichtigere Haltung der Unternehmenslenker wider, und deren Skepsis hat sich seit den beiden letzten April-Wochen verstärkt.“

Massiver Dax-Anstieg

Damit sind die Insider viel kritischer, als es die Kursbewegungen am breiten Markt signalisieren. Der Dax hat Anfang der Woche wieder die Marke von 12.000 Punkten überschritten und baute seine Gewinne am Mittwoch weiter aus. Seit Mitte März hat er rund 45 Prozent zugelegt. Damit liegt er zwar immer noch knapp 13 Prozent unter seinem im Februar erreichten Allzeithoch, dem der schnellste Börsencrash in der Geschichte folgte. Aber: Inzwischen notiert der Dax wieder auf dem Niveau von vor einem Jahr.

Das passt nicht zu den wirtschaftlichen Aussichten angesichts der schlimmsten weltweiten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Märkte setzen jedoch mit den zunehmenden Lockerungsmaßnahmen darauf, dass sich die Wirtschaft schnell wieder erholt – vor allem angesichts der billionenschweren Hilfspakete der Staaten und der Notenbanken.

Selbst die Unruhen und nächtlichen Ausgangssperren in den USA scheinen die Investoren kaum zu verunsichern. Max Kettner, Stratege bei der britischen Großbank HSBC, drückt es so aus: „Es gibt an den Märkten einen Kampf zwischen Fundamentaldaten und der Liquidität.“

Unternehmen verdienen weniger

Dennoch werden die Folgen des wegen der Corona-Pandemie verhängten wochenlangen wirtschaftlichen Stillstands die Wirtschaft und die Unternehmen noch lange belasten. Im ersten Quartal haben die 30 Unternehmen aus dem Dax im Schnitt 40 Prozent weniger verdient als im Vorjahresquartal.

Und das war es noch nicht mit den schlechten Nachrichten. Christian Kahler, Chefaktienstratege bei der DZ Bank, ist überzeugt: „Das laufende Quartal dürfte noch schlimmer ausfallen als das erste.“ Für das Gesamtjahr rechnet die DZ Bank mit einem Gewinneinbruch von mehr als 50 Prozent bei den Dax-Konzernen.

Diesen Zahlen stehen jedoch die massiven Fiskalimpulse gegenüber. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Bantleon, sagt dazu: „Unter den Staaten findet ein wahrer Wettbewerb um das größte Konjunkturprogramm statt.“ In den USA sind bereits Hilfspakete im Umfang von knapp drei Billionen Dollar geschnürt. Die EU hat erstmals ein riesiges supranationales Paket angekündigt, das sich zusammen mit den nationalen Hilfen zu mehreren Billionen Euro aufaddiert.

Die Wirtschaftspolitik hat damit laut Hartmann „die Basis für eine konjunkturelle Wiederbelebung gelegt“. Die aktuelle Erholung bei Risikoanlagen wie Aktien sei daher „nicht völlig aus der Luft gegriffen und sollte sich in den nächsten Wochen unter Schwankungen fortsetzen“. Dabei gibt es aber viele Störfaktoren – wie der neu aufflammende Konflikt zwischen den USA und China, die Ängste vor einer zweiten Viruswelle oder die erneut hochkochende Brexit-Debatte.

Hohe Bewertungen

Dazu kommen die angesichts der höheren Kurse deutlich gestiegenen Bewertungen vieler Aktien. Im Dax liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei rund 19. Das bedeutet, dass die 30 Dax-Konzerne mit dem 19-Fachen ihrer im Schnitt für das laufende Jahr erwarteten Gewinne bewertet werden. Damit ist der Dax höher bewertet als zu Zeiten seines Allzeithochs im Februar. Damals wurden die Dax-Konzerne im Schnitt mit dem 16-Fachen des erwarteten Nettogewinns für das laufende Jahr bewertet.

Bei den Aktien, die Firmeninsider jetzt verkauft haben, sind die Bewertungen noch viel höher, weil die Unternehmen bis auf Hypoport noch nicht lange profitabel wirtschaften. Zalando verbuchte im ersten Quartal sogar erneut einen Verlust, weil sich die Kunden zu Beginn der Coronakrise mit Mode-Einkäufen zurückhielten. Im April stieg jedoch die Zahl der Neukunden um 40 Prozent.

Großer Kauf bei Hugo Boss

Ganz anders ist es beim größten Insiderkauf des vergangenen Monats. Beim Luxusmodekonzern Hugo Boss kaufte Aufsichtsrat Luca Marzotto über das Investmentvehikel Lumar S.r.l. Aktien für mehr als fünf Millionen Euro. Im ersten Quartal sackte der Umsatz von Hugo Boss um 17 Prozent ab, und der Luxusmodehersteller verbuchte einen operativen Verlust von 14 Millionen Euro.

Vorstandschef Mark Langer rechnet auch in den nächsten Monaten nicht mit einer Erholung, im Gegenteil: Er erwartet, dass sich der „Umsatz in den Monaten von April bis Juni mindestens halbieren wird“.

Die Hugo-Boss-Aktie ist seit Mitte März zwar wieder gestiegen, hat sich aber noch lange nicht vom Absturz erholt und liegt weiter fast 40 Prozent unter dem Stand von Mitte Februar. Die meisten Analysten raten lediglich zum Halten der Aktie. Die Marzotto-Familie ist indes ein langfristiger Großaktionär bei Hugo Boss und hat schon im Februar ihre Beteiligung auf über 15 Prozent aufgestockt.

Wirecard im Visier

Noch schlagzeilenträchtiger war im Mai der Insiderkauf eines anderen Großaktionärs: Wirecard-Chef Markus Braun, der rund sieben Prozent der Anteile an dem Zahlungsdienstleister hält, kaufte über seine MB Beteiligungsgesellschaft Aktien für knapp 2,5 Millionen Euro. Die Bafin untersucht den Kauf wegen eines möglichen Verstoßes gegen Insiderhandelsvorschriften.

Eigentlich dürfen Führungskräfte 30 Tage vor der Veröffentlichung von Geschäftsberichten keine Aktien der eigenen Unternehmen handeln. Es gibt jedoch Ausnahmen. Wirecard präsentiert seinen mehrfach verschobenen Geschäftsbericht am 18. Juni.

Der Kauf stützte die seit über zwei Jahren extrem schwankende Aktie etwas. Sie liegt aber immer noch rund ein Drittel unter ihrem Stand von Ende April. Damals hatte ein Sonderprüfungsbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG den Kurs massiv einbrechen lassen. Der Bericht schaffte es nicht, die Zweifel der Investoren an der Bilanz des Zahlungsdienstleisters auszuräumen.

Dauerkäufe bei Krones

Den zweitgrößten Insiderkauf gab es zuletzt erneut beim Abfüllanlagenhersteller Krones. Hier erwarb Aufsichtsrätin Petra Schadeberg-Herrmann seit Monaten immer wieder Aktien in Millionenhöhe. Bei der Deutschen Telekom – der Nummer vier auf der Liste der größten Käufe im Mai – sind Vorstände dazu verpflichtet, einen Teil ihres Gehalts in T-Aktien anzulegen, dabei kommt es im Frühjahr regelmäßig zu Käufen.

Bei „Dauerkäufern“ gibt es laut Stotz von der Frankfurt School nur ein eingeschränktes Kaufsignal. Das heißt: Privatanleger sollten es den Führungskräften nicht unbedingt nachmachen.