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"Diese Spiele finden einfach am falschen Ort statt"

·Lesedauer: 12 Min.
Felix Neureuther (37) ist ein großer Olympia-Fan. Aber so manche Entwicklung bereitet dem ehemaligen Slalom-Star und heutigen ARD-Experten große Sorgen. Vor den Olympischen Spielen in Peking spricht er im Interview Klartext. (Bild: ARD / BR / Lisa Hinder)
Felix Neureuther (37) ist ein großer Olympia-Fan. Aber so manche Entwicklung bereitet dem ehemaligen Slalom-Star und heutigen ARD-Experten große Sorgen. Vor den Olympischen Spielen in Peking spricht er im Interview Klartext. (Bild: ARD / BR / Lisa Hinder)

"Wenn es nur noch ums Geld geht, gehen die Werte und letztlich die Einzigartigkeit der ursprünglichen Olympischen Idee verloren": Ski-Star und TV-Experte Felix Neureuther spricht vor den Spielen in Peking Klartext.

Nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Felix Neureuther ist immer noch der Vollblutsportler, der er war. Seine Liebe zum Skifahren ist ungebrochen. Der ehemalige Slalomstar ist auch nach wie vor ein Fan von Olympia. Doch mit so mancher Entwicklung, vor allem den Vergaberichtlinien, geht der 37-Jährige nun scharf ins Gericht. Auch das geringe Mitspracherecht der Athleten ist ihm ein Dorn im Auge. Er findet, die Sportler stehen im Mittelpunkt von Olympischen Spielen und sollten daher in alle Bereiche einbezogen werden. Der Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther ist normalerweise als Skiexperte für die ARD im Einsatz. In der sehenswerten BR-Dokumentation "Spiel mit dem Feuer - Wer braucht noch dieses Olympia?" von Nick Golüke und Robert Grantner, die am Montag, 31. Januar, um 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt wird, betrachtet er das komplexe Olympia-Thema aus der Sicht des Sportlers. Felix Neureuther führt kritische Interviews, trifft Uiguren, die gegen Menschenrechtsverletzungen demonstrieren und erörtert Lösungsansätze.

teleschau: Als Sie unlängst in der ARD-Unterhaltungssendung "Inas Nacht" zu Gast waren, haben Sie für einen Lacher gesorgt, als Sie erklärten: "Es ist ein Unterschied, ob du Hochleistungssportler bist oder Skifahrer!" Was war gemeint?

Felix Neureuther: Das war nur eine spaßige Anspielung auf unser Image: Viele verbinden mit uns einfach noch diese Skilehrer-Attitüde. Da wird Breitensport mit Hochleistungssport vermischt. Unser Sport ist einer der professionellsten überhaupt, ähnlich wie im Automobilrennsport geht es auch um technische Weiterentwicklungen, die fast bis zum Gehtnichtmehr ausgereizt werden. Skirennsport ist äußerst komplex und extrem aufwendig in der Trainings- und Wettkampfgestaltung. Die Eigenart dieser Spezies ist aber, dass wir auch mal eine Currywurst mit Pommes essen oder gerne mal feiern gehen, ohne dass unser kompletter Trainingsplan zusammenbricht. Wir sind ein cooler Haufen, und es ist einfach ein geniales Gefühl, ein Teil davon zu sein. (lacht)!

teleschau: Was macht für Sie die Faszination am Slalom aus?

Neureuther: Dass dieser Sport so individuell ist: ein einzigartiges Zusammenspiel von Körper, Material, Kopf und der Traummaterie "Schnee". Und: Wir brauchen kein Doping, das würde dir am Skihang nichts bringen.

Den Skisport wird es auch in Jahrzehnten noch geben, glaubt Felix Neureuther: "In 30 Jahren wird sich die Welt gewaltig verändert haben, der Skisport wird sich anpassen, aber nie seinen Reiz verlieren, dafür ist er ein zu schönes Lebensgefühl." (Bild: ARD / BR / Oliver Schramm)
Den Skisport wird es auch in Jahrzehnten noch geben, glaubt Felix Neureuther: "In 30 Jahren wird sich die Welt gewaltig verändert haben, der Skisport wird sich anpassen, aber nie seinen Reiz verlieren, dafür ist er ein zu schönes Lebensgefühl." (Bild: ARD / BR / Oliver Schramm)

"Wir müssen alle gut aufpassen in diesen Zeiten"

teleschau: Wenn Sie für die ARD als Experte im Einsatz sind, spürt man auch als Zuschauer vor dem TV-Gerät Ihre Leidenschaft. Fehlt es Ihnen nicht manchmal, am Starthäuschen zu stehen?

Neureuther: Eigentlich nicht. Alles hat seine Zeit. Es war ja eine klare Entscheidung. Ich durfte meinen Traum so lange leben, bis mein Körper sich meldete und sagte: Jetzt reicht's! - Jetzt und heute haben sich meine Träume und Ambitionen in Richtung Familie verlagert. Der Skirennsport verlangt so viel Training und Aufwand, um auf Weltcupniveau konkurrenzfähig zu sein - das würde ich mir nicht mehr antun wollen. Aber da gibt es immer wieder die Momente, in denen es kribbelt. Den Slalom am 9. Januar in Adelboden wäre ich zum Beispiel gerne gefahren. Aber sonst ist da keine Wehmut. Das Gute ist, dass ich als TV-Experte immer noch nah dran bin am Weltcupzirkus. Ohne den nach wie vor engen Kontakt zu den Athleten, Trainern und Betreuern würde ich den Job nicht machen wollen. Sicherlich wird auch mir diese Nähe zum Sport aus Altersgründen eines Tages verloren gehen - dann ist eine neue Generation dran, dann dürfen andere diesen spannenden Job übernehmen.

teleschau: Beim Rennen in Adelboden in der Schweiz waren 15.000 Fans vor Ort. Wie fühlte sich das in Zeiten der Pandemie für Sie an?

Neureuther: Es war schon sehr speziell: ganz anders als alles, was wir im Weltcup unter Corona-Bedingungen inzwischen gewohnt sind. Obwohl ich doppelt geimpft und geboostert bin, hatte ich gemischte Gefühle. Einerseits erlebte ich ein tolles Rennen und dieses faszinierende Fest rund um den Sport, den ich so liebe; andererseits macht man sich so seine Gedanken: Was ist mit der Ansteckungsgefahr für die Sportler - und für mich selbst? Ich habe zwei kleine Kinder, meine Eltern wohnen neben uns. Ich will meinen Job machen und nicht durch Quarantäne ausfallen ... Ich habe auf jeden Fall sehr achtgegeben und versucht, Kontakte, so gut es geht, zu vermeiden. Bevor ich nach Hause kam, habe ich mich auch noch mal testen lassen. Wir müssen alle gut aufpassen in diesen Zeiten.

teleschau: Es scheint so, als wäre es Ihnen nicht wirklich schwergefallen, auf die Seite der TV-Experten zu wechseln ...

Neureuther: Das stimmt. Ich bin da ganz bei mir. Wichtig ist, authentisch zu bleiben und immer zu sagen, was man denkt. Natürlich muss ich mich auf die Arbeit, auf die Rennen vorbereiten, muss die Athleten-Namen und Resultate draufhaben. Kein Problem. Trotzdem habe ich gestaunt, was für ein Aufwand hinter einer TV-Übertragung steckt. Das ist bei Weitem mehr, als ich in meiner Zeit als Sportler gedacht hätte. Ich gebe zu, dass ich als Aktiver schon auch ab und zu mal genervt war von den Fernsehleuten - aber inzwischen bin ich geläutert.

teleschau: Als Experte steht man genau in der Mitte zwischen den Athleten und den Medien, oder?

Neureuther: Ja, das kommt hin. Für mich geht es vor allem darum, den Zuschauern möglichst authentisch die Faszination unseres Sports zu vermitteln. Ich denke, das kann ich. Auch weil ich jeden Protagonisten persönlich kenne.

teleschau: Sind Sie vor der Kamera nervös?

Neureuther: Nein. Kein Vergleich zu den Adrenalinschüben, die dich als Athlet oben am Starthäuschen durchschütteln. Da oben allein zu stehen und sich die Piste runterzuhauen, das ist mit nichts zu vergleichen, der totale Wahnsinn, die pure Freude - oder auch mal der reine Horror.

"Ich bin da ganz bei mir": ARD-Experte Felix Neureuther kommt gut mit dem TV-Job klar. "Für mich geht es vor allem darum, den Zuschauern möglichst authentisch die Faszination unseres Sports zu vermitteln. Ich denke, das kann ich." Die Nervosität sei "kein Vergleich zu den Adrenalinschüben, die dich als Athlet oben am Starthäuschen durchschütteln. Da oben allein zu stehen und sich die Piste runterzuhauen, das ist mit nichts zu vergleichen, der totale Wahnsinn, die pure Freude - oder auch mal der reine Horror." (Bild: ARD / BR / Lisa Hinder)
"Ich bin da ganz bei mir": ARD-Experte Felix Neureuther kommt gut mit dem TV-Job klar. "Für mich geht es vor allem darum, den Zuschauern möglichst authentisch die Faszination unseres Sports zu vermitteln. Ich denke, das kann ich." Die Nervosität sei "kein Vergleich zu den Adrenalinschüben, die dich als Athlet oben am Starthäuschen durchschütteln. Da oben allein zu stehen und sich die Piste runterzuhauen, das ist mit nichts zu vergleichen, der totale Wahnsinn, die pure Freude - oder auch mal der reine Horror." (Bild: ARD / BR / Lisa Hinder)

"Keiner kann sich wirklich frei bewegen"

teleschau: Freuen Sie sich auf die Winterspiele in China?

Neureuther: Was das Sportliche angeht, definitiv. Ich war immer und bin nach wie vor ein großer Olympia-Fan, ich liebe das Emotionale, die großen Momente des Sports, sie gehen mir nah. Auf der anderen Seite finden diese Spiele einfach am falschen Ort statt - sie stehen zu Recht auf der ganzen Welt in einem kritischen Licht. Für die Sportler ist das sehr schade, weil sie auch vor Ort permanent mit diesem Spannungsfeld konfrontiert sein werden. Keiner kann sich wirklich frei bewegen. Ich kenne Kollegen, die hinter vorgehaltener Hand schon sagen, dass sie sich mehr über einen Weltcup-Sieg in Schladming oder Kitzbühel freuen würden, als über eine olympische Medaille bei diesen Spielen. Diese Entwicklung stimmt mich traurig. Nein, es werden keine normalen Spiele in Peking - vom Thema Corona einmal ganz abgesehen.

teleschau: Sie sind selbst gar nicht vor Ort!

Neureuther: Nein, ARD und ZDF schicken jeweils nur sehr kleine Teams rüber - was mit der Pandemie, aber auch mit den rigorosen Einschränkungen für ausländische Medien vor Ort zu tun hat. Berichtet wird aus dem gemeinsamen Sendezentrum in Mainz.

teleschau: Was fast in Vergessenheit geraten ist: Olympia hätte eigentlich in München und in Garmisch-Partenkirchen stattfinden können, die Bewerbung für die Winterspiele 2022 in Oberbayern ist an einem Bürgerentscheid gescheitert.

Neureuther: Natürlich war auch ich nach dem Votum als Olympia-Fan sehr enttäuscht. Heute hat sich das relativiert, ich kann auch nachvollziehen, dass es Argumente gegen diesen fortschreitenden Gigantismus bei Olympia gibt. So ein negativer Entscheid aus einem sportbegeisterten Land wie Deutschland und anderer Nachbarländer sagt ja etwas aus, die Werte haben sich so verschoben, dass man mit Olympia die Menschen nicht mehr erreicht.

teleschau: Was meinen Sie?

Neureuther: Dass man sich Gedanken machen muss, wie man die Bürger wieder für Olympia begeistern kann. Die Spiele haben nach wie vor das Potenzial, die Massen mitzunehmen - dazu muss man sich nur die Einschaltquoten anschauen. Vielleicht stimmen immer noch die Zahlen - die Vermarktung, die Quoten und Online-Abrufe, das mag alles toll sein, aber die frühere Begeisterung für eine Gastgeberrolle hat sich total verändert. Also ist es an der Zeit, umzudenken. Wer will denn in einem demokratischen Staat noch, dass Milliarden an Steuergeldern für die Austragung eines Sportevents ausgegeben werden? Wer braucht gigantische Bauten, die nach den Spielen verfallen oder nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können? Wie rechtfertigt man Eingriffe in die Natur, die dem Zeitgeist der Nachhaltigkeit total widersprechen? Da machen die Leute nicht mehr mit. Folglich werden die Spiele dort ausgetragen, wo man sich mit solchen Entscheidungen nicht so schwertut. Und dann werden Olympia-Abfahrten dort gebaut, wo sie gar nicht hingehören.

In der Doku "Spiel mit dem Feuer - Wer braucht noch dieses Olympia?" (Montag, 31. Januar, 20.15 Uhr, im Ersten) diskutiert Felix Neureuther (rechts) auch mit seinen Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther über Sinn und Unsinn der Olympischen Spiele. (Bild: BR / NGLOW)
In der Doku "Spiel mit dem Feuer - Wer braucht noch dieses Olympia?" (Montag, 31. Januar, 20.15 Uhr, im Ersten) diskutiert Felix Neureuther (rechts) auch mit seinen Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther über Sinn und Unsinn der Olympischen Spiele. (Bild: BR / NGLOW)

"Auch ich bin ein Teil dieses Geschehens"

teleschau: Mit Ihrem ARD-Film setzen Sie nun ein deutliches Zeichen!

Neureuther: Ich möchte aufmerksam machen und zum Nachdenken anregen. Das betrifft auch mich, denn auch ich bin ein Teil dieses Geschehens. Trotzdem, das olympische Pendel ist zu stark in Richtung Kommerzialisierung und Gigantismus umgeschlagen, das sollte nachjustiert werden. In dem Film gehen wir aber auch auf die Thematik der Menschenrechte ein. Ich durfte emotionale Gespräche mit Vertreterinnen der Uiguren führen, die über Menschenrechtsverletzungen berichten und die schreckliche Situation in den chinesischen Umerziehungslagern schildern. Das ging mir sehr nahe und sehr unter die Haut. In meinen Augen sollte gerade auch dieses Thema bei der Vergabe von Olympischen Spielen und sportlichen Großveranstaltungen berücksichtigt werden. Das betrifft aber nicht nur jetzt die Spiele in Peking, sondern allgemein die Verantwortung der Sportorganisationen für essenzielle Menschenrechte. Wenn es nur noch ums Geld geht, gehen die Werte und letztlich die Einzigartigkeit der ursprünglichen olympischen Idee verloren. Auch wenn bei Olympischen Spielen immer schon politische oder kommerzielle Interessen eine Rolle gespielt haben, so war doch die Ursprungsidee die tragende Säule. Dahin müssen wir zurück. Darüber wollte ich eigentlich mit IOC-Präsident Thomas Bach sprechen, doch er wollte mir für den Film kein Interview geben. Ich hätte mich gerne diesem Austausch gestellt.

teleschau: Was hätten Sie ihn gefragt?

Neureuther: Wie man es schafft, den Sport wieder mehr in den Vordergrund zu rücken! Wie man es schaffen kann, das Thema Nachhaltigkeit als wichtigstes Kriterium einer Vergabe von Olympischen Spielen in Vergaberichtlinien zu integrieren. Wir müssen wieder "back to the roots"! Das hätte ich ihm gerne gesagt.

teleschau: DSV-Alpin-Chef Wolfgang Maier sagt im Film: "Du musst, wenn du zu Olympia gehst, sein wie ein Schaf."

Neureuther: Ein bisschen überspitzt, aber er hat recht. Dem Sportler bleibt bei Olympia heute nur noch, mitzuspielen, zu funktionieren. Er ist sogar in seinen Meinungsäußerungen und Werberechten eingeschränkt. Die Wettkämpfe fanden zum Beispiel 2018 bei Olympia in der südkoreanischen Region Pyeongchang vor ein paar hundert Zuschauern statt. So werden doch keine Momente für die Ewigkeit geschaffen! Wenn ich das mit den Spielen in Lillehammer 1994 vergleiche, wo sich ein ganzes Land mit diesem Ereignis identifizierte und es zu einem riesengroßen Volksfest werden ließ. Ganz Norwegen stand still in dieser Zeit. So geht Olympia! Kinder, die bei so einem Ereignis mit leuchtenden Augen dabei waren oder vor dem Fernseher saßen, werden diese Momente nie vergessen, ihr Leben lang mittragen und daraus eigene Ziele definieren.

"Wir sind ein cooler Haufen, und es ist einfach ein geniales Gefühl, ein Teil davon zu sein": Felix Neureuther lebte als erfolgreicher Skirennsportler lange seinen Traum. (Bild: 2021 Getty Images/Alexander Hassenstein)
"Wir sind ein cooler Haufen, und es ist einfach ein geniales Gefühl, ein Teil davon zu sein": Felix Neureuther lebte als erfolgreicher Skirennsportler lange seinen Traum. (Bild: 2021 Getty Images/Alexander Hassenstein)

"Mit drei Jahren war ich das erste Mal bei den Olympischen Spielen"

teleschau: Ihr Vater Christian hat Sie schon mit zweieinhalb Jahren auf Ski gestellt, wenig später, so heißt es, gewannen Sie Ihr erstes Kinder-Rennen in Garmisch ...

Neureuther: Ja. Und mit drei Jahren war ich das erste Mal bei den Olympischen Spielen dabei: 1988 in Calgary, zusammen mit meinen Eltern. Es gab von da an für mich nur ein Ziel, nämlich Skirennfahrer zu werden. Dafür wollte ich mit 16 auch die Schule schmeißen, um ausschließlicher trainieren zu können. In dem Alter denkt man nur daran, seine Träume zu erfüllen und nicht, dass es nach der Sportlaufbahn noch ein wichtigeres Leben gibt. Aber Gott sei Dank hat mir der Papa da einen Riegel vorgeschoben (lacht).

teleschau: Was macht einen Klasse-Skirennläufer am Ende zum Weltcupsieger, zum Star?

Neureuther: Du brauchst den ausschließlichen Willen. Das ist das Wichtigste. Weil der Skisport auch viel mit Rückschlägen und Verletzungen zu tun hat. Der Weg nach oben ist hart und dauert auch oft sehr lange. Gott sei Dank ist dieser Sport aber auch wie eine kleine Droge und bietet durch die Erlebnisse in der Natur Emotionen, die einen süchtig werden lassen.

teleschau: Auf Ihrer Instagram-Seite steht es geschrieben: "Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben!"

Neureuther: Das ist ein Lebensmotto und, wie ich glaube, für jeden Sportler eine gute Motivation, wenn die unausweichlichen Niederlagen kommen. Du musst einiges wegstecken können, immer wieder an dir arbeiten. Dann kannst du es schaffen. Dann kommen diese unvergleichlichen Glücksmomente, für es sich zu kämpfen lohnt.

Felix Neureuther hat eine besondere Beziehung zu Olympia: "Mit drei Jahren war ich das erste Mal bei den Olympischen Spielen dabei: 1988 in Calgary, zusammen mit meinen Eltern. Es gab von da an für mich nur ein Ziel, nämlich Skirennfahrer zu werden."  (Bild: ARD / Petra Stadler)
Felix Neureuther hat eine besondere Beziehung zu Olympia: "Mit drei Jahren war ich das erste Mal bei den Olympischen Spielen dabei: 1988 in Calgary, zusammen mit meinen Eltern. Es gab von da an für mich nur ein Ziel, nämlich Skirennfahrer zu werden." (Bild: ARD / Petra Stadler)

"Der Skisport wird sich anpassen aber nie seinen Reiz verlieren"

teleschau: Sport im Fernsehen, das hatte früher auch eine integrative Kraft. Bei den großen Momenten fieberten zu Hause alle gemeinsam mit ...

Neureuther: Ja, klar. Wenn wir heute über die Spaltung der Gesellschaft reden, spielt auch das mit rein: Früher saß die Familie bei Olympia gemeinsam vor dem Fernseher - jetzt schaut halt jeder wann und wie er will. Die Zusammenfassung gibt es in der Mediathek oder auf YouTube, es geht allgemein eher weg vom Gemeinschaftserlebnis. Das ist eine unumkehrbare Entwicklung, weder zu verurteilen noch umzudrehen, ich sage nur, dass uns etwas verloren gegangen ist.

teleschau: Es wird eben individueller ...

Neureuther: Na ja, Individualismus ist ja okay - Egoismus jedoch nicht. Ansonsten frage ich mich beim Thema gespaltene Gesellschaft schon auch oft, wo der gesunde Menschenverstand geblieben ist. Gerade in den Sozialen Medien hat sich, wie ich auch selbst schon erfahren musste und sicher wieder erfahren werde, eine manchmal schon irrationale Aggressivität breitgemacht. Ich habe mich daher weitgehend daraus zurückgezogen.

teleschau: Wird es den Skisport, wie wir ihn kennen, in 30 Jahren noch geben?

Neureuther: (lacht) Auf jeden Fall! Es ist nur so, dass in mancherlei Hinsicht eine Grenze erreicht ist. Das Thema Nachhaltigkeit wird auch im Leistungssport eine viel größere Rolle spielen müssen - wir werden beispielsweise nicht mehr in den Sommermonaten in irgendwelche Gletscherregionen fliegen, um für den Weltcup zu trainieren. Wie bei Olympia geht es darum, die Zeichen der Zeit zu erkennen und Veränderungen anzugehen. In 30 Jahren wird sich die Welt gewaltig verändert haben, der Skisport wird sich anpassen aber nie seinen Reiz verlieren, dafür ist er ein zu schönes Lebensgefühl.

"Wichtig ist, authentisch zu bleiben und immer zu sagen, was man denkt": Felix Neureuther macht als ARD-Experte eine gute Figur. Auch bei Olympia ist er im Einsatz - allerdings nicht in China, sondern vom Sendezentrum in Mainz aus. (Bild: 2019 Tristar Media/Tristar Media)
"Wichtig ist, authentisch zu bleiben und immer zu sagen, was man denkt": Felix Neureuther macht als ARD-Experte eine gute Figur. Auch bei Olympia ist er im Einsatz - allerdings nicht in China, sondern vom Sendezentrum in Mainz aus. (Bild: 2019 Tristar Media/Tristar Media)
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