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Diese Herausforderungen muss N26 jetzt bestehen

Deutschlands wertvollstes Fintech kann Erträge in Millionenhöhe vorweisen, doch Angaben zur Kundenzahl wecken Zweifel. Viel zu tun hat das Fintech gerade bei der Personalaufstellung.

„Die erste Bank, die du lieben wirst.“ Mit Werbesprüchen wie diesem jagt die Smartphonebank N26 etablierten Geldhäusern seit Jahren Kunden ab. Die Frage ist nur: Wie aktiv sind diese wirklich? Der Konzernabschluss für das Jahr 2018 weckt neue Zweifel an der Aussagekraft der veröffentlichen Kundenzahlen. Deutlich Luft nach oben gibt es auch beim Thema Profitabilität. Und: Obwohl die Mitarbeiterzahl schnell steigt, hat die junge Bank aktuell Probleme bei der Personalaufstellung.

Der gerade veröffentlichte Konzernabschluss zeigt, dass N26 in einigen Bereichen Fortschritte macht. Die Erträge haben sich im vorletzten Jahr mehr als vervierfacht. Mit im Jahresdurchschnitt schätzungsweise 1,1 Millionen Kunden verdiente die junge Bank rund 49 Millionen Euro. Unter dem Strich stieg der Bilanzverlust jedoch auf 129 Millionen Euro, was unter anderem auf Investitionen für den Ausbau des Geschäfts zurückzuführen ist.

Seit N26 vor fünf Jahren zunächst in Deutschland und Österreich an den Markt ging, ist viel passiert. Inzwischen ist das Unternehmen in 27 Ländern aktiv und 1500 Mitarbeiter. Investoren haben insgesamt rund 600 Millionen Euro Kapital in die Firma gesteckt und bewerten sie mit 3,1 Milliarden Euro. Seit dreieinhalb Jahren hat N26 in Europa eine eigene Banklizenz, und neben dem kostenlosen Girokonto mit Debit-Kreditkarte gibt es zwei Premium-Varianten für 9,90 und 16,90 Euro pro Monat. Auch das Produktangebot wurde dank Kooperationen mit anderen Finanz-Start-ups und eigenen Entwicklungen erweitert.

Auch mit seiner Kundenzahl brüstet sich das Start-up: Inzwischen sollen es weltweit mehr als fünf Millionen sein. Manche Konkurrenten bezweifeln diese Zahlen allerdings. Die Angaben im Konzernabschluss 2018 dürften sie darin bestärken: „Die Kundenzahl stieg zum Jahresende auf über eine Million“, heißt es in dem Dokument. Dabei hatte N26 bereits im Dezember 2018 das Erreichen der Zwei-Millionen-Marke gemeldet.

Ein N26-Sprecher erklärt diese Diskrepanz auf Anfrage damit, dass für den Geschäftsbericht „ausschließlich ertragsrelevante Kunden ausgewiesen“ würden. Veröffentlicht werde jedoch die Gesamtkundenanzahl, „da wir wissen, dass viele unserer Kunden ihre Aktivität im Laufe der Zeit noch erhöhen“. 

Mit dem Wachstum sind auch die Herausforderungen gestiegen, eine klare Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit ist nur eine, die Besetzung offener Stellen eine weitere. Allein über die Karriereplattform LinkedIn hat die Gruppe 139 Stellen ausgeschrieben, darunter etliche in Führungspositionen. Auf der obersten Managementebene hatte N26 zuletzt einige Abgänge zu verzeichnen.

Viele offene Stellen

Besonders schmerzlich für N26 ist der Abschied von Chefjurist Robert Kilian. Er will N26 Ende März verlassen, um eine eigene Firma aufzubauen. Der 37-Jährige ist mit den beiden Gründern Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal eng verbunden und genießt intern sowie bei Investoren einen sehr guten Ruf.

„Als ich hier angefangen habe, hatten wir noch ein Einraumbüro, jetzt sind wir 1500 Leute“, sagte Kilian dem Handelsblatt. „Viereinhalb Jahre sind bei einem Start-up schon ziemlich lang.“ Es habe ihn schon länger gereizt, etwas Eigenes aufzubauen, und das Investitionsumfeld in Berlin sei gerade sehr gut, so Kilian.

Auch Sven Niederheide, der erst 2019 als Compliance-Chef von der HSH Nordbank zu N26 gewechselt war, verließ das Start-up zum Jahresende. Er werde sich „neuen Herausforderungen im Fintech-Bereich stellen“, teilte er auf Anfrage mit. Ein Nachfolger wird noch gesucht.

Kilian war maßgeblich dafür verantwortlich, dass N26 eine Banklizenz der Bafin erhalten hat. Ein Nachfolger wurde noch nicht bekanntgegeben. Klar ist, dass auch dieser das Verhältnis zur Bafin pflegen muss, denn mit dem schnellen Wachstum kamen in den vergangenen Jahren auch Probleme.

Aus Sicht der Finanzaufsicht hat N26 seine Strukturen nicht schnell genug angepasst. Die Bafin hatte bereits 2018 bei einer Sonderprüfung zahlreiche Mängel festgestellt – unter anderem bei der Personalausstattung, beim Management von ausgelagerten Aufgaben und bei der Technik. 2019 mahnte die Behörde dann bessere interne Sicherungsmaßnahmen gegen Geldwäsche an.

Die Bank hat den Rüffel ernst genommen. N26 habe beim Beschwerdemanagement, der Bekämpfung von Geldwäsche und in anderen Bereichen Fortschritte gemacht, berichten mit dem Thema vertraute Personen. Im Vergleich zu vielen etablierten Finanzinstituten gebe es jedoch immer noch Nachholbedarf. Die Bafin, die sich zu dem Thema nicht äußern wollte, beobachte N26 deshalb weiterhin intensiv.

Die jüngsten Abgänge bei N26 sind Insidern zufolge jedoch nicht auf Druck der Finanzaufsicht erfolgt – und es gibt für sie unterschiedliche Gründe. So hat auch Patrick Kua, der zwischenzeitlich CTO und zuletzt Chief Scientist war, N26 verlassen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen und andere Start-ups zu beraten. Seinen Aufgabenbereich übernimmt Gino Cordt, CTO und einer der dienstältesten N26-Mitarbeiter.

Er hat kaum Erfahrung in anderen Unternehmen gesammelt, doch im Bereich Technologie und Produkt komme es darauf auch nicht an, ist aus dem Unternehmen zu hören. Wirklich wichtig sei Erfahrung jedoch im Bereich Bank. Hilfreich dürfte hier Thomas Grosse sein, der im vergangenen August als Chief Banking Officer bei N26 eingestiegen ist. Er hatte Führungspositionen bei der Wüstenrot Bank und der Deutschen Bank inne und war zuletzt bei Google. Damit bringt er die von Aufsehern gewünschte Bankerfahrung und die von N26 gewünschte Tech-Erfahrung mit.

Grosse übernimmt nun in Teilen auch die Aufgaben von Martin Schilling, der nach zwei Jahren als COO aus der Firma ausscheidet. Dies könnte als Reaktion auf die Probleme beim Kundenservice verstanden werden, für den Schilling zuständig war. In der Vergangenheit war N26 für Kunden und andere Banken in kritischen Situationen nicht erreichbar und hat auf Anfragen erst spät reagiert. Mittlerweile hat die Bank hier jedoch Fortschritte gemacht.

Steigende Erträge

Ungeachtet der aktuellen Personalrochaden macht N26 Fortschritte im operativen Geschäft. Geht man davon aus, dass die Bank 2018 durchschnittlich 1,1 Millionen Kunden hatte, hat sie pro Kunde etwa 44 Euro Ertrag erzielt – und damit etwa doppelt so viel wie im Jahr 2017. Etablierte Großbanken fahren pro Kunde deutlich mehr Ertrag ein, haben jedoch auch höhere Kosten. Dass die Erträge bei N26 schneller wachsen als die Kundenzahl, hält Peter Barkow, Gründer des gleichnamigen Analysehauses, für ein „erfreuliches Signal für den ganzen Sektor“. „Fintech-Kritikern entzieht es ein wesentliches Argument“, sagt er.

Haupteinnahmequelle für N26 waren 2018 die Provisionserträge, die offenbar zum Großteil im Zahlungsverkehr entstanden sind. Das heißt, die N26-Kunden bezahlen mit ihrer Karte und N26 kassiert dafür die sogenannte Interchange-Gebühr von den Händlern.