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Deutsche Gasspeicher sind so leer wie seit Jahren nicht mehr

Flauger, Jürgen
·Lesedauer: 5 Min.

Die Lagerstätten in Deutschland sind nicht einmal mehr halbvoll. Grund dafür ist eine weltweite Kettenreaktion.

Die großen Gasspeicher in Deutschland, in denen Gas aus Russland, den Niederlanden oder Norwegen zwischengelagert wird, leeren sich in diesem Winter ungewöhnlich schnell. Aktuell beträgt der Füllstand in den unterirdischen Lagerstätten nur noch knapp 41 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr waren es noch 82 Prozent.

Niedriger als dieses Mal war der Stand an den vergleichbaren Tagen, Anfang Februar, im Jahr 2017. Die Daten stellen die Betreiber der europäischen Speicher auf der Plattform Aggregated Gas Storage Inventory (AGSI+) zur Verfügung. „Die Gasspeicher sind in der Tat schon sehr entleert“, sagt Tobias Federico, Geschäftsführer des Analysehauses Energy Brainpool: „Die Füllstände sind so tief wie seit vier Jahren nicht mehr.“ Auch die Gaspreise im Großhandel sind zuletzt deutlich gestiegen.

In Deutschland betreiben 25 Unternehmen rund 40 unterirdische Gasspeicher. Das sind in der Regel natürlich entstandene oder künstlich angelegte Hohlräume, beispielsweise in Salzstöcken. Die deutschen Speicher können etwa ein Viertel des jährlichen Bedarfs von gut 900 Milliarden Kilowattstunden Gas decken. Deutschland hat damit nach den USA, nach Russland und der Ukraine weltweit die viertgrößten Kapazitäten.

Mit den Lagerstätten kann das Angebot an Erdgas, das permanent per Pipeline importiert wird, mit der Nachfrage von Verbrauchern und Industriekunden, die im Jahresverlauf stark schwankt, in Einklang gebracht werden. Üblicherweise wird Gas im Sommer eingespeist und im Winter während der Heizperiode entnommen.

Für die Betreiber dienen die Speicher aber nicht nur zur Sicherung der Versorgung. Sie können mit ihnen auch gutes Geld verdienen, da Gas im Sommer günstiger ist als im Winter. In diesem Jahr wurde ungewöhnlich früh auf die Speicher zurückgegriffen. Bereits im Dezember wurden an einzelnen Tagen bis zu zwei Milliarden Kilowattstunden entnommen, ein Vielfaches des Vorjahres. Ende Dezember waren die deutschen Speicher noch zu 73 Prozent gefüllt – 2019 waren es um diese Zeit noch 97 Prozent gewesen.

„Das lag letztlich an einer weltweiten Kettenreaktion“, erläuterte Federico. Damals war es in Asien sehr kalt und die Nachfrage nach verflüssigtem Gas, LNG, sehr hoch. LNG, das per Tanker transportiert und deshalb im Gegensatz zu Pipelinegas weltweit gehandelt wird, wurde vor allem nach Asien verschifft. In Europa, wo einige Staaten auch LNG importieren, kletterten daraufhin die Gaspreise. Deshalb wurde wiederum verstärkt auf das Gas in den Speichern zugegriffen.

„Damals waren die Spreads sehr hoch“, erläutert Federico, also die Gelegenheit für die Speicherbetreiber, Gewinne einzustreichen: „Jetzt, da die Speicherstände schon recht niedrig sind, ist es bei uns kalt und der Effekt verstärkt sich.“

Uniper und EWE sehen die Situation entspannt

Die Betreiber reagieren gelassen und versuchen, die Verbraucher zu beruhigen. „Die Versorgung mit Gas ist auf jeden Fall sichergestellt“, sagte ein Sprecher des norddeutschen Regionalversorgers EWE, der eigene Gasspeicher betreibt. Es sei eine normale Entwicklung, dass sich die Speicher zum Ende des gaswirtschaftlichen Jahres, das am 31. März endet, leeren.

Die Betreiber wollten auch Platz für neue Einlagerungen schaffen. Zudem sei es bei den aktuell frostigen Temperaturen und hohen Preisen lohnend, das eingelagerte Gas zu Geld zu machen.

Nach den Worten eines Uniper-Sprechers sind die aktuellen Füllstände der Gasspeicher „für die Jahreszeit nicht ungewöhnlich“. Vielmehr seien die Füllstände des vergangenen Winters „ungewöhnlich“ hoch gewesen. Allerdings zeige die aktuelle Entwicklung, wie wichtig Gasspeicher seien.

„Derzeit werden rund 60 Prozent des Spitzenverbrauchs aus Gasspeichern bedient“, betonte der Sprecher. Deren Bedeutung werde in Zukunft noch zunehmen, wenn Gaskraftwerke die Schwankungen bei der Versorgung durch Strom aus erneuerbaren Energien ausgleichen müssten. Zudem könnten Gasspeicher nicht nur Erdgas, sondern auch grünen Wasserstoff speichern.

Auch Experte Federico beruhigt die Verbraucher: „Bedenklich“ sei die Situation nicht, sagte er: „Die Heizperiode wird nur noch ein paar Wochen dauern – und das Gas würde noch für Monate reichen.“

Allerdings wirkt sich die Entwicklung auch im Gashandel aus. „Die Gaspreise ziehen wieder an“, sagt Federico. Im Sommer habe eine Megawattstunde zur Lieferung im Jahr 2022 zwölf Euro gekostet. Aktuell seien es 17 Euro. „Spannend wird es, wie gut die Betreiber die Speicher im Sommer wieder auffüllen können“, sagte der Energieexperte: „Sollte der kommende Winter wieder sehr kalt werden, könnten die Preise nach oben gehen.“

Nord Stream 2 könnte die Speicher entlasten

Die Debatte über die Füllstände der Gasspeicher interessiert die Öffentlichkeit seit dem ersten russisch-ukrainischen Gasstreit im Winter 2005/06. Damals wurde der Transport durch die Ukraine, die wichtigste Transportroute, unterbrochen – und im Westen kam deutlich weniger Gas an.

Seit jenem Streit, der sich noch mehrfach wiederholte, wird verstärkt über die Abhängigkeit von russischem Gas debattiert. Der russische Staatskonzern Gazprom wiederum baute zuerst die Pipeline Nord Stream durch die Ostsee, um eine alternative Transportroute zu schaffen und will mit Nord Stream 2 die Kapazitäten noch verdoppeln. Die Pipeline ist zwar fast fertig, die Fertigstellung stockt aber, weil das Projekt auf massive politische Widerstände in der EU und in den USA stößt.

Auch in Anbetracht der jetzigen Füllstände wurde spekuliert, Russland habe wieder den Transport durch die Ukraine gedrosselt. In Branchenkreisen konnte das aber nicht bestätigt werden. Laut Federico würde die Fertigstellung der neuen Ostseepipeline aber die Situation in den Speichern eher entspannen: „Nord Stream 2 könnte da für Entlastung sorgen“, sagte er: „Allein Nord Stream 1 und 2 würden genug Gas liefern, um den Bedarf in Deutschland zu decken.“