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Dax schließt mehr als drei Prozent im Minus – Bank-Aktien massiv unter Druck

Auch am Freitag ging es im deutschen Leitindex weiter bergab. Lufthansa-Aktien fahren Achterbahn, Deutsche Bank und Commerzbank verlieren deutlich.

Sorgen um die Folgen der Coronakrise verunsichern deutsche Aktienanleger. Foto: dpa

Der deutsche Leitindex hat die Woche mit einem Minus von knapp drei Prozent abgeschlossen. Am Freitag notierte der deutsche Aktienindex zum Handelsschluss 3,37 Prozent im Minus bei 11.541 Punkten. Nachdem sich der Dax zur Wochenmitte zunächst auf Erholungskurs befand, ging es ab Donnerstag wieder bergab.

Zeitweise lag der Dax an diesem Freitag sogar 4,1 Prozent im Minus bei 11.455 Punkten. Das war der tiefste Stand seit sieben Monaten.

Auch die US-Börsen setzten am Freitag ihre Talfahrt fort. Der Dow Jones der Standardwerte fiel zur Eröffnung um 2,9 Prozent auf 25.354 Punkte und hat sich seitdem nur leicht erholt.

Der S & P 500 – das wichtigste Börsenbarometer der Welt – rutschte zur Handelsöffnung um drei Prozent auf 2932 Zähler ab und dürfte am Ende dieser Woche gegenüber seinem Rekordhoch vom 19. Februar rund zehn Prozent an Wert eingebüßt haben. Die Technologiebörse Nasdaq öffnete am Freitag im Minus von 2,9 Prozent auf 8495 Punkte.

Die unerwartet guten Daten vom US-Arbeitsmarkt konnten die Kurse kaum stabilisieren, da die Zahlen sich nur auf die Zeit vor der rasanten Ausbreitung des Coronavirus bezogen. Im vorigen Monat entstanden 273.000 neue Stellen, wie die Regierung am Freitag mitteilte. Das ist mehr als von Experten erwartet.

Das Coronavirus erfasst immer weitere Teile der USA. Vor diesem Hintergrund muss die Fed am 18. März regulär über den Zins entscheiden, die Märkte rechnen mit einer weiteren Senkung.

Der Euro Stoxx 50 als Leitindex der Euro-Zone fiel zeitweise um gut vier Prozent. Der MDax der mittelgroßen Börsentitel büßte um mehr als drei Prozent ein. Die Aktie des im MDax notierten Industriekonzerns Thyssen-Krupp fiel zeitweise auf ein Rekordtief von minus 5,9 Prozent bei 6,83 Euro. Die Papiere schließen 4,35 Prozent im Minus bei 6,94 Euro.

Sicherheit gefragt

Anleger suchen erkennbar nach Sicherheit und schickten Kapital in Anleihen, bestimmte Währungen wie Yen und Euro, aber auch Gold aus. So stiegen die Kurse von Staatsanleihen aus den USA und Deutschland deutlich, entsprechend sanken deren Renditen.

So fiel die Rendite der zehnjährigen Titel am Freitag zeitweise auf ein Rekordtief von minus 0,745 Prozent. Damit unterschritt sie den bisherigen Tiefstwert von minus 0,743 Prozent vom vergangenen September. Damals hatten Brexit und der Handelsstreit zwischen den USA und China Investoren verunsichert.

Auch zehnjährige US-Bonds verzeichneten am Freitagnachmittag einen Rückgang auf ein neues Rekordtief von zeitweise 0,67 Prozent. Die fallenden Renditen bei den US-Bonds belasten den Dollar und lassen den Euro steigen. Die Gemeinschaftswährung legte 0,7 Prozent zu und kostete erstmals seit Juli 2019 wieder mehr als 1,13 Dollar.

Experten gehen davon aus, dass die Flucht der Anleger in Anleihen noch weitergeht. „Renditen von null Prozent sind weltweit vorstellbar“, sagt Shaun Roach, einer der Chefvolkswirte bei der Ratingagentur S & P Global. Weltweit rentieren inzwischen Anleihen im Umfang von 14,4 Billionen Dollar im Minus.

Der Goldpreis stieg am Freitagvormittag auf 1,690 Dollar und somit auf seinem höchsten Stand seit sieben Jahren. Rohstoffanalyst Carsten Fritsch von der Commerzbank glaubt, dass wegen der anhaltenden Unsicherheiten und weiter sinkender Zinsen Gold sein Hoch noch nicht gesehen haben dürfte. Am frühen Abend lag der Goldpreis auf 1667 Dollar.

Corona-Sorge zieht Dax ins Minus

Auch das unerwartet starke Auftragsplus der Industrie hat nicht für Auftrieb für den Dax gesorgt. Die Aufträge an die Unternehmen stiegen gegenüber dem Vormonat um 5,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt an diesem Freitag mitteilte. Das ist der deutlichste Anstieg seit Mitte 2014. Analysten hatten mit einem Plus von 1,3 Prozent gerechnet.

Einen Aufwärtstrend lesen Ökonomen allerdings nicht aus diesen Zahlen. „Ein Silberstreif am Auftragshorizont, aber leider kein Zeichen für eine nun spürbare Konjunkturbelebung“, sagt Bastian Hepperle von Bankhaus Lampe. Erfreulich sei zwar, dass sich auch ohne Großaufträge die Lage zu Jahresbeginn verbessert habe. Doch wegen des Coronavirus seien „weitere Störungen im Produktionsablauf und beim Auftragseingang vorgezeichnet“. 

Auch der Chefstratege der Privatbank Merck Finck, Robert Greil, glaubt, dass es mit dem Wachstum weiter abwärts geht. „Solange die globale Corona-Ausbreitung anhält, dürften die Aktienmärkte weiter stark schwanken“, sagt er. Immerhin: „Die Märkte haben bereits klar weniger Wirtschaftswachstum und zahlreiche Gewinnwarnungen eingepreist.“ Zudem dürften nach seiner Ansicht nach der der US-Notenbank (Fed) weitere Zentralbanken unterstützend reagieren, die EZB „spätestens nächsten Donnerstag“, glaubt Greil.

Ebenso rechnet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer damit, dass die Europäische Zentralbank auf ihrer Sitzung am Donnerstag beschließen wird, den Strafzins für Banken zu verschärfen. Er rechnet mit einer Veränderung des sogenannten Einlagesatzes auf minus 0,6 von derzeit minus 0,5 Prozent. Zudem dürften die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde das Volumen ihrer monatlichen Anleihenkäufe für einen begrenzten Zeitraum von beispielsweise sechs Monaten um 20 Milliarden auf 40 Milliarden Euro erhöhen.

Einen konkreten Hinweis darauf, wie groß die Verunsicherung unter den Investoren wegen der wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Epidemie ist, zeigt ein Blick auf die Dax-30-Werte: Zum Börsenstart am Freitag lagen alle Dax-30-Werte im Minus. Am stärksten betroffen waren Lufthansa-Titel und Aktien der Deutschen Bank, die zeitweise 6,6 beziehungsweise 5,2 Prozent ihres Wertes einbüßten. Am Nachmittag erholte sich Lufthansa und ging mit nur mit einem leichten Minus aus dem Handel. Die Deutsche-Bank-Aktien schließen 3,8 Prozent im Minus.

Luftfahrt- und Touristikwerte leiden unter den Folgen der Virus-Epidemie. Der europäische Branchenindex fällt um 3,3 Prozent auf ein Fünfeinhalb-Jahres-Tief von 198,92 Punkten. Die Aktie des europäischen Flugzeugherstellers Airbus fiel zeitweise um 7,3 Prozent auf ein 13-Monats-Tief von 99,86 Euro und steuert auf den größten Tagesverlust seit gut fünf Jahren zu. Auch MTU Aero Engines verlor im Handel zeitweise knapp 7 Prozent und schloss 5,3 Prozent schwächer bei 203,60 Euro.

Auch Bank-Aktien befinden sich wegen des Coronavirus im Abwärtstrend. Der europäische Branchenindex fällt um 4,3 Prozent auf ein Elf-Jahres-Tief von 112,48 Punkten.

Unterbot die Commerzbank bereits am Donnerstag ihr Rekordtief von April 2019, setze sie heute ihren Abwärtstrend fort und liegt zeitweise 8,91 Prozent im Minus. Zum Handelsschluss notierte die Commerzbank bei minus 7,2 Prozent und 4,30 Euro.

Aufseher und Politiker befürchten, dass durch Evakuierungen und Quarantänemaßnahmen für eine Volkswirtschaft zentrale Funktionen wie der Zahlungsverkehr oder der Wertpapierhandel ausfallen könnten. Banken arbeiten deshalb bereits intensiv an Notfallplänen, die sicherstellen sollen, dass sie auch bei einer Ausweitung der Epidemie unter allen Umständen handlungsfähig bleiben.

Doch das ist nur der eine Teil der Bedrohung für die europäischen Geldhäuser: Investoren fürchten, dass das Virus die Einnahmen der Banken belasten wird. Dazu kommt die Gefahr, dass Zahl und Volumen der ausfallgefährdeten Kredite durch eine Rezession deutlich steigen könnten.

Wegen des Coronavirus spekulieren Anleger auf eine Inflation, die anhaltend niedrig und deutlich unter der EZB-Zielmarke von zwei Prozent bleibt. Dadurch fiel das für die EZB-Geldpolitik wichtige Euro-Inflationsbarometer Five-Year-Five-Year-Forward an diesem Freitag auf ein Rekordtief von 1,0402 Prozent. Das bedeutet, Investoren sehen die Inflation – beginnend in fünf Jahren – über einen Zeitraum von fünf Jahren bei eben diesem Prozentwert.

Opec-Treffen in Wien

Der Opec-Gipfel in Wien ist gescheitert. Saudi-Arabien konnte Russland am Freitag nicht zur vorgeschlagen Förderkürzung bewegen. Die Opec hatte am Donnerstag eine Reduktion um 1,5 Millionen Barrel (je 159 Liter) Öl pro Tag gefordert. 500.000 Barrel davon sollten die Partner, darunter Russland, übernehmen. Nun steht die Allianz der 14 Opec-Mitglieder und ihrer zehn Kooperationspartner vor dem Aus.

An den Märkten machte sich daraufhin Panik breit. Der Preis für Brent-Öl fiel am Freitagnachmittag in der Spitze um rund acht Prozent auf rund 45,75 Dollar je Barrel (rund 159 Liter). Die US-Sorte WTI verbilligte sich auf rund 42 Dollar pro Fass. Das ist der tiefste Stand seit rund drei Jahren.

Hintergrund der geforderten Förderkürzungen ist eine deutlich geringere Ölnachfrage, die Investoren aufgrund der Corona-Krise erwarten. Nun besteht die Sorge, dass die Opec+-Allianz an einem Streit zwischen ihren mächtigsten Mitgliedern Saudi-Arabien und Russland zerbricht, so Helima Croft, Opec-Expertin und Analystin bei der Investmentbank RBC Capital Markets. Würde Russland aus der Gruppe der Opec+ austreten, könnte es zu einem Preisverfall kommen.

Blick auf die Einzelwerte

Deutsche Bank: Die Titel des größten deutschen Geldhauses geraten wegen der zunehmenden Furcht vor negativen Auswirkungen des Coronavirus auf das weltweite Finanzsystem unter die Räder. Am Freitagmorgen verloren Deutsche-Bank-Titel zwischenzeitlich 5,2 Prozent ihres Wertes auf 6,67 Euro. Zum Handelsschluss liegen die Aktien 3,4 Prozent im Minus bei 6,77 Euro.

Thyssen Krupp: Der Aktienkurs von Thyssen-Krupp ist am Freitag auf ein Rekordtief gefallen. Der unter hohen Verlusten, Schulden und Pensionslasten leidende Konzern hatte in der vergangenen Woche seinen einzig nennenswerten Gewinnbringer, die Aufzugssparte, für gut 17 Milliarden Euro verkauft. Die Papiere schließen 4,35 Prozent im Minus bei 6,94 Euro.

Commerzbank: Noch vor wenigen Wochen gehörten die Papiere von Commerzbank und Deutscher Bank zu den größten Gewinnern in diesem Jahr. Mitte Februar hatten die Commerzbank-Titel noch rund 6,80 Euro gekostet. Doch die Auswirkungen der Corona-Krise belastet europäische Großbanken besonders stark. Bereits am Donnerstag unterboten Commerzbank-Aktien ihr Rekordtief von April 2019. Dieser Abwärtstrend setzt sich heute fort, zeitweise lag das Minus bei 8,9 Prozent und 4,22 Euro. Zum Handelsschluss notiert die Commerzbank bei minus 7,2 Prozent und 4,30 Euro.

Airbus: Ein Monat ohne eine einzige Neubestellung setzt Airbus zu. Die Aktie des europäischen Flugzeugbauers fiel zeitweise um 7,3 Prozent auf ein 13-Monats-Tief von 99,86 Euro und steuert damit auf den größten Tagesverlust seit gut fünf Jahren zu. Die gute Nachricht sei, dass es im Februar trotz der Coronavirus-Epidemie keine Stornierungen gegeben habe, schreibt Analyst Sandy Morris von der Investmentbank Jefferies. Außerdem wies er darauf hin, dass es auch in den beiden vorangegangenen Jahren jeweils mehrere Monate ohne Neubestellungen gegeben habe. Am Abend notierte die Aktie sogar 7,6 Prozent schwächer bei 99,50 Euro.

Infineon: Beim Halbleiterkonzern Infineon könnte eine geplante milliardenschwere Übernahme des US-Chipherstellers Cypress Semiconductor scheitern. Das Komitee für Ausländische Investitionen in den USA (CFIUS) mache Sicherheitsbedenken geltend und empfehle Präsident Donald Trump, dem deutschen Konzern die Übernahme zu verbieten, berichtete die Finanzagentur Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen. Die Infineon-Aktie verlor daraufhin am Freitag an Wert und ging mit minus 5,5 Prozent bei 16,85 Euro aus dem Handel.

Lufthansa: Die Lufthansa-Aktien haben zeitweise 6,6 Prozent ihres Werts eingebüßt. Einer Sprecherin des Unternehmens zufolge möchte die Lufthansa wegen der Auswirkungen des Coronavirus Mitarbeiter in Zwangsurlaub schicken. Man befinde sich in Gesprächen mit der Bundesagentur für Arbeit. Wie die Fluggesellschaft am Freitag mitteilte, sollen noch mehr Flüge als geplant gestrichen werden. In den nächsten Wochen soll die Kapazität um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Zum Nachmittag gingen die Papiere auf Erholungskurs und schließen im leichten Minus von 0,2 Prozent bei 11,47 Euro.

Was die Charttechnik sagt

11.624 Punkte – diese Marke steht im Fokus. Denn bei dieser Zahl handelt es sich um das Korrekturtief, den tiefsten Punkt seit dem Rekordhoch in Höhe von 13.795 Zähler am 17. Februar. Sollte der Leitindex diese Marke nicht nennenswert nach unten durchbrechen, besteht die Chance einer längeren, nachhaltigen Bodenbildung, von wo aus die Kurse wieder steigen können. Allerdings wurde diese Marke bereits am Freitagmorgen unterschritten, ein weiterer Ausverkauf ist also wahrscheinlich.

Der deutsche Aktienindex dürfte noch längere Zeit außerhalb seines Normbereichs verbleiben, mutmaßt Analyst Andreas Büchler von Index Radar. Das Risiko, dass der Dax den unteren Rand seines Schwankungsspielraums bei rund 11.500 Punkten zeitweise unterschreitet, sei hoch. Mittelfristig sei eine Erholung überfällig, allerdings könne der aktuelle Trend noch einige Wochen anhalten.

Handelsblatt-Analystencheck: Barclays belässt SAP auf „Overweight“

Die britische Investmentbank Barclays hat die Einstufung für SAP auf „Overweight“ mit einem Kursziel von 150 Euro belassen. Nach dem Kursverfall des europäischen Softwaresektors wegen des neuartigen Coronavirus biete sich Anlegern nun die Chance zum Positionsaufbau bei Aktien von Unternehmen, die mit langfristigen Wachstumstreibern und attraktiven Zukunftsaussichten glänzten, schrieb Analyst James Goodman in einer am Freitag vorliegenden Branchenstudie.

Explizit nannte der Experte in diesem Zusammenhang die Papiere von SAP, TeamViewer und Avast.

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