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Daimler spaltet sich auf - Lastwagen-Sparte an die Börse

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Daimler will seine Lastwagen-Sparte noch in diesem Jahr an die Börse bringen.
Daimler will seine Lastwagen-Sparte noch in diesem Jahr an die Börse bringen.

Über einen Börsengang von Daimlers Lastwagensparte war schon lange spekuliert worden. Nun holt der Stuttgarter Konzern aber gleich zum ganz großen Rundumschlag aus.

Stuttgart (dpa) - Mit einem radikalen Umbau des gesamten Konzerns will sich der Auto- und Lastwagenbauer Daimler für die Zukunft rüsten und sich wieder stärker auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.

«Projekt Fokus» heißt das Vorhaben, mit dem Vorstandschef Ola Källenius den Konzern aufspalten und die Daimler AG auf lange Sicht verschwinden lassen wird. Nur zwei eigenständige, dafür jeweils börsennotierte Unternehmen soll es künftig noch geben - Mercedes-Benz für die Autos und Vans und Daimler Truck für Lastwagen und Busse.

«Dies ist ein historischer Moment für Daimler und der Anfang für eine tiefgreifende Umgestaltung des Unternehmens», sagte Källenius. Noch keine zwei Jahre im Amt, ist es für den Schweden schon der zweite Konzernumbau. Nach Källenius' Amtsantritt im Mai 2019 hatte sich Daimler die jetzige Struktur gegeben: drei eigenständige Sparten unter dem Dach und in komplettem Besitz der Daimler AG.

Damit soll nun schon wieder Schluss sein. Die Daimler Mobility AG verschwindet, die Finanz- und Mobilitätsdienstleistungen gehen in den beiden anderen Sparten auf. Und auch die Holding wird auf lange Sicht nicht mehr gebraucht. Dafür bringt Daimler die Truck-Sparte wohl noch in diesem Jahr an die Börse und zielt auch auf den Leitindex Dax. Die Mehrheit der Anteile soll in die Hände der heutigen Aktionäre gegeben werden - zu welchen Konditionen, steht noch nicht fest. Daimler selbst behält nur eine Minderheit.

Die Anleger bejubelten die Pläne zum Börsengang. Der Kurs der Daimler-Aktie schoss nach oben. Das Papier schloss mit 8,9 Prozent im Plus als klarer Dax-Spitzenreiter. Von Aktienanalysten gab es denn auch klares Lob für die unerwartet deutlichen Aufspaltungspläne.

Die zwei künftigen Unternehmen seien in völlig verschiedenen Branchen unterwegs, mit jeweils ganz speziellen Kunden, Technologien und Kapitalanforderungen, sagte Källenius. Und beide seien in Industrien tätig, die sich umfassend veränderten. «Diesen Wandel können sie deutlich effektiver gestalten, wenn sie dabei als unabhängige Einheiten agieren», betonte er.

Die größere Beweglichkeit war schon das Hauptargument für die 2019 neu eingeführte Drei-Säulen-Struktur gewesen. Schon damals hatten Investoren vehement gefordert, das Lastwagengeschäft an die Börse zu bringen. Das hatte das Management vor allem unter dem langjährigen Ex-Chef Dieter Zetsche aber lange Zeit abgelehnt. «Die Frage ist nicht, warum jetzt, sondern: Warum warten, wenn man sich für einen Weg entschieden hat?» sagte Källenius nun.

Daimler Truck ist nach eigenen Angaben der weltgrößte Hersteller von Lkw und Bussen mit sieben Marken, mehr als 100.000 Beschäftigten und einem Umsatz von zuletzt knapp 45 Milliarden Euro. Für Daimler insgesamt arbeiten weltweit rund 300.000 Menschen.

Erst vergangene Woche hatte der Konzern erste Zahlen für das vergangene Jahr vorgelegt. Mit rund 6,6 Milliarden Euro Gewinn aus dem operativen Geschäft schnitt Daimler deutlich besser ab als wegen der Coronakrise erwartet. Die in der zweiten Jahreshälfte positive Entwicklung ging allerdings vor allem auf ein starkes Abschneiden im Autogeschäft zurück. Die Trucks blieben unter den Erwartungen - mit der Kaufzurückhaltung von Spediteuren in der Corona-Krise war die gesamte Lkw-Branche in ein tiefes Loch gefallen.

«Wir haben klare Strategien, um unsere finanzielle Performance zu steigern und unsere Marschroute schneller umzusetzen», versprach Truck-Chef Martin Daum. Man werde die Schlagkraft der Marken und sowie die Skaleneffekte und die Technologie-Kompetenz im Unternehmen nutzen, um künftig auch bei der Rendite führend zu sein.

Källenius kündigte an, dass die Sparbemühungen auch in den kommenden Jahren weitergehen sollen. «Wir glauben an die finanzielle und operative Stärke unserer beiden industriellen Geschäftsfelder», sagte er. «Und wir sind überzeugt: Mit einem unabhängigen Management und mit unabhängiger Governance-Struktur werden beide Einheiten künftig noch schneller agieren, ehrgeiziger investieren sowie Wachstum und Kooperationen gezielter vorantreiben können - das alles macht sie deutlich stärker und wettbewerbsfähiger.»

Für den Branchenexperten Ferdinand Dudenhöffer ist der Schritt nur folgerichtig. «Es passt in die Zeit», sagte er und verwies auf ähnliche Tendenzen in anderen großen Autokonzernen. Die Geschäfte der verschiedenen Sparten hätten wenig miteinander zu tun, zudem habe man erkannt, dass es besser sei, sich auf das Kerngeschäft zu besinnen und nicht nach dem allumfassenden Mobilitätskonzern zu streben.

Tatsächlich hatte auch Daimler zuletzt einige kostspielige Projekte etwa beim autonomen Fahren auf Eis gelegt oder sich mit Partnern zusammengetan - nicht zuletzt auch wegen des enormen Kostendrucks und der Sparvorgaben, mit denen Källenius den Wandel stemmen will. Im Zuge des «Projekts Fokus» werden die Dienstleistungen nun ihre Eigenständigkeit verlieren und direkt entweder an das Auto- oder das Lastwagengeschäft angebunden.

«Mercedes-Benz und Daimler Truck gehen mit enormer Stärke in diese Transformation», sagte Aufsichtsratschef Manfred Bischoff, der seinen Posten im Frühjahr an Bernd Pischetsrieder abgeben wird. «Wir sind überzeugt, dass sie als unabhängige Unternehmen noch stärker sein werden und ihre jeweiligen Kunden noch besser bedienen können.»

Das letzte Wort haben wie üblich die Aktionäre. Sie sollen ihr Placet bei einer außerordentlichen Hauptversammlung im dritten Quartal dieses Jahres geben. Ziel der Pläne der Stuttgarter ist auch, für den Aktienmarkt mehr Transparenz zu schaffen und für Investoren attraktiver zu werden. In beiden künftigen Teilen rechne das Management mit einer Erholung der Marktbewertung, sagte Finanzchef Harald Wilhelm.