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„Dänemark könnte ein neues Wuhan werden“: Coronakrise spitzt sich in Nordeuropa zu

·Lesedauer: 5 Min.

Ein mutiertes Coronavirus in Dänemark, ein Lockdown in Norwegens Hauptstadt Oslo und immer härtere Restriktionen in Schweden: Nordeuropa kämpft gegen die neuerliche Ausbreitung des Virus.

In Dänemark fürchten Behörden und Experten, dass das mutierte Virus von den Nerzen auf den Mensch überspringen könnte. Dänemark ist der größte Nerzfellexporteur der Welt – bisher. Foto: dpa
In Dänemark fürchten Behörden und Experten, dass das mutierte Virus von den Nerzen auf den Mensch überspringen könnte. Dänemark ist der größte Nerzfellexporteur der Welt – bisher. Foto: dpa

Mit drastischen Worten beschreibt der Mikrobiologe Hans Jörn Kolmos die Corona-Lage in seinem Land: „Dänemark könnte ein neues Wuhan werden“, sagte er der dänischen Lokalzeitung „Jydske Vestkysten“ und warnte vor den Folgen eines mutierten Coronavirus, das bei Nerzen in mehreren Pelztierfarmen in Dänemark entdeckt worden ist.

Äußerst besorgniserregend sei, dass das Virus vom Tier auf den Menschen übertragen werden kann.

Tatsächlich sind in Dänemark bislang schon 214 Menschen mit den fünf entdeckten Mutationen infiziert worden. Zwölf von ihnen mit der nach Meinung von Virologen gefährlichsten Mutation „Cluster 5“. Die Befürchtung ist groß, ein mutiertes Virus könnte einen Impfstoff unwirksam oder zumindest weniger effektiv machen.

Um das zu verhindern, hat die dänische Regierung drastische Maßnahmen beschlossen: Alle rund 16 Millionen Nerze in den 1100 Pelztierfarmen sollen getötet werden. Gleichzeitig beschloss die Regierung einen lokalen Lockdown in Nordjütland, wo die meisten der Farmen stehen.

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Die Keulung der Tiere hat bereits begonnen, doch offenbar hat die Regierung von Mette Frederiksen ohne rechtliche Grundlage gehandelt. Denn am Dienstag musste der dänische Landwirtschaftsminister Mogens Jensen einräumen: „Wir haben einen Fehler begangen.“ Eine rechtliche Grundlage bestand nur für die infizierten Nerzfarmen, nicht aber für gesunde Bestände.

Wie es nun weitergeht, ist noch nicht klar. Die Regierung wollte im Schnellverfahren ein Gesetz verabschieden, das die Tötung des gesamten Bestands erlaubt hätte. Doch im Parlament gibt es dafür keine Mehrheit. Zweieinhalb Millionen Tiere sind bereits getötet worden, 13 Millionen Nerze hätten in den kommenden Tagen gekeult werden sollen.

Mehrere Züchter haben angekündigt, dass sie trotz großzügiger Entschädigungszahlungen zumindest ihre Zuchttiere am Leben lassen wollen, andere sehen in der Nerzzucht keine Zukunft mehr und wollen mit der Keulung fortfahren. Dänemark ist bislang der größte Nerzfellexporteur der Welt. Das Land verzeichnet pro 100.000 Einwohner knapp 255 Neuinfektionen in den letzten 14 Tagen.

Stark steigende Infektionszahlen in Schweden

Auch in Schweden sind einzelne Fälle von Corona-infizierten Nerzen bekannt geworden. Allerdings konnten bisher keine Mutationen des Virus nachgewiesen werden. Da die Häutung der Tiere in diesem Monat sowieso stattfinden soll, sind keine außerplanmäßigen Tötungen der Nerze vorgesehen.

Doch die in den vergangenen Tagen deutlich angestiegenen Infektionszahlen bereiten schwedischen Experten Sorgen. Je 100.000 Einwohner verzeichnete Schweden in den letzten 14 Tagen knapp 453 Neuinfektionen.

„Wir verlieren die Kontrolle“: Björn Eriksson klang beinahe verzweifelt, als er sich vergangene Woche noch einmal an seine Landsleute wandte. Eriksson ist verantwortlich für das Gesundheitswesen in der schwedischen Hauptstadt Stockholm, also dort, wo die Zahl der Corona-Infektionen in den vergangenen zwei Wochen wieder in die Höhe geschnellt ist.

Schweden hat im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern vor allem auf Empfehlungen und Freiwilligkeit gesetzt. Allerdings scheint diese oft als Sonderweg beschriebene Strategie an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Anfang dieser Woche war jeder fünfte getestete Stockholmer positiv – mehr als eine Verdoppelung gegenüber der Vorwoche.

Besonders besorgniserregend ist, dass sich das Virus erneut in Alters- und Pflegeheimen verbreitet hat. Deshalb beschloss die Region Stockholm ein erneutes Besuchsverbot in den Heimen. Es ist eine vollkommene Kehrtwende: Als die meisten Länder im vergangenen Monat erneut Corona-bedingte Restriktionen erließen, entschied die schwedische Gesundheitsbehörde, dass das seit Frühjahr geltende Besuchsverbot in den Heimen aufgehoben wird. Man könne den Pflegebedürftigen eine noch länger andauernde Isolation nicht zumuten, hieß es.

„Ich verstehe die schwedische Methode nicht“, kritisierte der Chef des Institute of Global Health, Antoine Flahault, den Beschluss, das Besuchsverbot zu einem Zeitpunkt aufzuheben, an dem die zweite Welle angerollt war. Seine Kritik ist nun offenbar erhört worden.

In Schweden sind bislang mehr als 6000 Menschen an den Folgen der Viruserkrankung gestorben. Wegen stark steigender Infektionszahlen haben immer mehr Regionen in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land neue Restriktionen beschlossen. Am Mittwoch erließ die Regierung ein Alkoholausschankverbot ab 22 Uhr. Eine halbe Stunde später müssen Restaurants und Kneipen schließen. Die Restriktionen gelten bis zum 28. Februar.

Finnland kommt am besten durch die Coronakrise

Noch härter geht Norwegen gegen die Ausbreitung des Virus vor: Seit vergangener Woche muss bei der Einreise ein negativer Coronatest vorgelegt werden, der nicht älter als 72 Stunden ist. Außerdem ist eine zehntägige Quarantäne vorgeschrieben.

In der Hauptstadt Oslo, wo sich zuletzt die Zahl der Neuinfektionen deutlich erhöht hat, gilt ein „sozialer Lockdown“, wie ein Regierungssprecher das Servier- und Ausschankverbot für Restaurants und Kneipen bezeichnete. „Wir haben nicht die Kontrolle verloren, aber wir haben eine geringere Kontrolle, als wir gerne hätten“, begründete Regierungschefin Erna Solberg die neuen Maßnahmen.

Einzig Finnland scheint bislang gut durch die Coronakrise gekommen zu sein. Knapp 46 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner verzeichnete das Land in den letzten 14 Tagen – das ist der beste Wert in der EU. Experten sehen in den niedrigen Infektionszahlen das Ergebnis eines strikten Durchgreifens im Frühjahr.

Die finnische Regierung verhängte einen zweimonatigen Lockdown, die Hauptstadt Helsinki war zeitweise ganz isoliert: Niemand durfte rein, niemand raus. Zusätzlich wurde massiv getestet und nachverfolgt. Auch wirtschaftlich ist das Land relativ gut durch die Krise gekommen.

Während die Wirtschaftsleistung im EU-Durchschnitt um 14 Prozent im zweiten Quartal sank, ging sie in Finnland nur um 6,4 Prozent zurück.

In Dänemark fürchten Behörden und Experten, dass das mutierte Virus von den Nerzen auf den Mensch überspringen könnte. Dänemark ist der größte Nerzfellexporteur der Welt – bisher. Foto: dpa
In Dänemark fürchten Behörden und Experten, dass das mutierte Virus von den Nerzen auf den Mensch überspringen könnte. Dänemark ist der größte Nerzfellexporteur der Welt – bisher. Foto: dpa
Schweden ist in der Corona-Krise einen viel beachteten Sonderweg mit weniger strikten Beschränkungen gegangen. Doch nun werden die Maßnahmen auch dort verschärft. Foto: dpa
Schweden ist in der Corona-Krise einen viel beachteten Sonderweg mit weniger strikten Beschränkungen gegangen. Doch nun werden die Maßnahmen auch dort verschärft. Foto: dpa