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Corona-Krise: Ist bereits eine Trendwende absehbar?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Stimmen die USA auf schlechte Nachrichten ein: US-Präsident Trump und Chef-Virologe Dr. Anthony Fauci beim Pressegespräch im Weißen Haus (AP Photo/Patrick Semansky)

Während die Corona-Pandemie sich weiter exponentiell ausbreitet, scheint an den Weltbörsen nach einem dramatischen März erst einmal Ruhe einzukehren. Ist es die Ruhe vor dem nächsten Sturm oder dreht der Markt jetzt nach oben?  

Nach sechs Wochen im Corona-Dauerausnahmezustand scheint so etwas wie Normalität einzukehren – bei den immer neuen Rekordständen der Infektionen, im täglichen Umgang mit den Beschränkungen durch den Shutdown, der Krisenkommunikation der Politik und am Ende auch bei den Ausschlägen an den Weltbörsen.

Das Coronavirus ist gekommen, um zu bleiben, daran wird sich kurz- bis mittelfristig wenig ändern, das ist der Konsens, der sich rund um den Erdball einmal verfestigt hat. Die erste Panikwelle scheint vorbei, die Diskussion, wann eine Lockerung der Lockdown-Maßnahmen anstehen könne, wird bereits angeregt geführt.  

Infiziertenzahl in Deutschland durchbricht 100.000er-Marke 

Dabei steht das Schlimmste zahlenmäßig erst bevor. Sonntagabend hat Deutschland bei den Infiziertenzahlen die 100.000er-Marke durchbrochen – gerade mal nach 36 Tagen, nachdem zuvor die 100. Infektion dokumentiert wurde. Auch wenn sich die Verdopplung auf inzwischen neun Tage abgeflacht hat, ist klar, was für schwierige Wochen und Monate dem Land bevorstehen.  

"Wir alle werden eine ganz andere Osterzeit erleben als je zuvor“, erklärte Bundeskanzlerin Merkel am vergangenen Freitag. Ob die Kontaktbeschränkungen, die zumindest noch bis 19. April gelten, in zwei Wochen möglicherweise bereits schrittweise heruntergefahren werden, erscheint angesichts der Ausbreitung des Coronavirus aktuell kaum vorstellbar.   

USA steht die schlimmste Woche bevor 

In den USA, in denen die Corona-Pandemie derzeit erst mit voller Wucht ausbricht, steht unterdessen das Schlimmste noch bevor. US-Präsident Trump, der die Pandemie zunächst lange ignoriert und dann als „das China-Virus“ abgetan hatte, schwor die Nation vergangene Woche auf die Schockprognose von 100.000 bis 240.000 Todesfällen im Zuge der Corona-Pandemie ein.

„Wir werden in den nächsten zwei Wochen die Hölle erleben“, erklärte der 45. Präsident der Vereinigten Staaten vor einigen Tagen. Sein Chef-Virologe Anthony Fauci bestätigte: „Es wird eine schlimme Woche werden. Die Dinge werden sich verschlimmern, darauf müssen wir uns einstellen. Es wird einige schockieren“, sagte Fauci am Wochenende. 

10 Millionen Arbeitslosenanträge in zwei Wochen  

Die Wall Street scheint dazu jedoch nicht unbedingt zu zählen. Trotz einer Flut von schlechten Nachrichten – darunter die schier unglaubliche Zahl von 6,65 Millionen neuen Anträgen auf Arbeitslosengeld in einer Woche – geriet die US-Börsen nicht erneut in eine hemmungslose Verkaufswelle.

Auf Wochensicht verlor der US-Leitindex keine drei Prozent, während die Technologiebörse Nasdaq nicht einmal ein Prozent an Wert einbüßte. Der Markt scheint die schlechten Nachrichten nach einem bekannten Bonmot des Börsenaltmeisters André Kostolany allmählich einzupreisen: „Wer die Papiere nicht hat, wenn sie zurückgehen, hat sie auch nicht, wenn sie steigen.“

Zunehmend positive Signale 

Nach genau dieser antizyklischen Theorie positionieren sich die ersten Wall Street-Strategen für ein nachhaltiges Börsencomeback nach der Bodenbildung. „Nichts überrascht mich. Aber es würde mich überraschen, wenn wir die Tiefs noch mal testen würden“, twitterte etwa der Hedgefondsmanager Doug Kass am Sonntag.

„Ich fange an, optimistisch zu werden“, twitterte auch der legendäre Hedgefondsmananger Bill Ackman, der vor zwei Wochen noch einen ganz anderen Ton angeschlagen hatte (“Die Hölle kommt.”) Nun jedoch scheint der 53-Jährige Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

„Die Neuinfektionen in New York scheinen den Gipfel zu erreichen. Fast das ganze Land ist im Shutdown. Hydroxychloriquine und Antibiotika scheinen zu helfen. Es gibt steigende Beweise, dass die Zahl der asymptomatischen Infektionen fünfzig mal größer als bisher angenommen sein könnte“, macht der Multimilliardär zunehmend positive Signale an der Wall Street aus, ohne dabei den entstandenen und noch entstehenden ökonomischen Schaden mitzuberücksichtigen.   

Coronakrise drückt Wall Street bis zu 30 Prozent in die Tiefe 

Aktuell befindet sich die Wall Street weiter tief im Bärenmarkt. Der Dow Jones notiert bei 21.052 Punkten knapp 30 Prozent unter seinen Allzeithochs, der S&P 500 hat seit dem Gipfel 27 Prozent an Wert verloren, während sich die Technologiebörse Nasdaq mit einem Minus von 25 Prozent noch am besten gehalten hat. Der Dax hat unterdessen 31 Prozent gegenüber den bisherigen Höchstständen verloren. 

Zu Wochenbeginn scheint Anlegern unterdessen zu dämmern, ob der Ausverkauf der vergangenen sechs Wochen möglicherweise zu weit gegangen sein könnte. „Die S&P Futures sind um 40 Punkte am frühen Abend gestiegen. Ich bleibe mittelfristig optimistisch für Aktien“, bringt Doug Kass die neu gewonnene Zuversicht auf den Punkt.