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Corona-Kapitalismus: Sind die Maßnahmen schlimmer als das Problem?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Passant mit Atemschutzmaske an der Wall Street: Wann kehrt die Normalität zurück? (AP Photo/Kevin Hagen)

Die Corona-Pandemie nimmt die Welt weiter in Geiselhaft. Trotzdem wird vor allem von neoliberalen Vordenkern die Debatte angestoßen, wann wieder zur Normalität des gesellschaftlichen Lebens zurückgekehrt werden kann? Der Wall Street gefällt der fragwürdige Ansatz offenbar… 

Das Virus ist unerbittlich. Gnadenlos verbreitet sich COVID-19 rund um den Erdball und stellt im Stundenrhythmus immer neue traurige Rekorde auf. Inzwischen wurden bereits über 50.000 Corona-Infizierte in Deutschland gezählt, während die Bundesrepublik bei den Zahlen der Neuinfektionen inzwischen Italien überholt hat und europaweit nur noch hinter Spanien liegt.

In der Welt verbreitet sich das Coronavirus exponentiell. Die USA sind in der vergangenen Woche mit Abstand zur Nation mit den meisten Corona-Fällen aufgestiegen, während ausgerechnet der Bundesstaat New York zum COVID-19-Hotspot der Welt aufgestiegen ist – ein trauriger Spitzenplatz, den die US-Metropole, die für viele als „Hauptstadt der Welt“ – für andere inzwischen: Die Geisterweltstadt“ – wohl noch einige Zeit innehaben dürfte. 

Pulitzerpreisträger Friedman eröffnet neoliberale Debatte 

Und doch: Die Stimmung kippt. Ausgerechnet während das neuartige Coronavirus seine eigentliche Wirkungskraft zu entfalten scheint, wurde in der vergangenen Woche eine Debatte losgetreten, wie lange die drakonischen Maßnahmen, die derzeit das öffentliche Leben in weiten Teilen der Welt lahmlegen, gehen dürften und wie lange sie andauern sollen.

Gestartet hat die Diskussion Pulitzerpreisträger Thomas Friedman, der in der New York Times zu bedenken gab: „Entweder lassen wir zu, dass sich viele von uns mit dem Coronavirus infizieren, sich erholen und wieder zur Arbeit gehen und alles dafür tun, die Schwächsten davor zu schützen, vom Virus getötet zu werden. Oder wir setzen den Shutdown für Monate fort und versuchen – unabhängig vom Risikoprofil – alle zu schützen und töten dabei viele Menschen durch andere Umstände, töten unsere Wirtschaft und unsere Zukunft“.

Sozialdarwinismus reloaded: Heilung schlimmer als die Krankheit?

Obwohl Friedman sein Essay wie gewohnt in der New York Times publizierte, die vom US-Präsidenten bekanntermaßen gering schätzt wird, könnte es gut sein, dass Donald Trump einer von Friedmans eifrigsten Lesern war. Tags darauf twitterte er nämlich ziemlich gleichlautend folgende Überlegung in Großbuchstaben: „Wir können nicht zulassen, dass die Heilung schlimmer ist als das Problem. Am Ende einer 15-tägigen Periode treffen wir eine Entscheidung, welche Richtung wir einschlagen.“

Eine sozialdarwinistischere Rhetorik kann man kaum anschlagen. Die Maßnahmen, die aktuell rund um den Erdball zur Eindämmung des Coronavirus getroffen werden, seien bereits nach wenigen Wochen schlimmer als die Lungenkrankheit selbst, so der Subtext.  Tags darauf legte Trump in seinem bevorzugten TV-Sender Fox News nach und erklärte: „Wäre es nicht schön, wenn wir zu Ostern Amerika wieder öffnen würden? Die Kirchen wären am Ostersonntag voll, ich finde das wäre wunderbar“.     

Wall Street reagiert euphorisch auf Trump-Rhetorik 

Zumindest an der Wall Street stieß Trumps Appell auf Gehör. Für den Umschlagplatz des Hochkapitalismus war das nach vier Wochen mit historischen Verlusten von in der Spitze 36 Prozent im Dow Jones der Startschuss zur Aufholjagd, auf den Trader gewartet hatten. Börsianer wissen: Auch in der tiefsten Krise startet irgendwo ein Bullenmarkt. 

Drei Tage später stand fest: Tatsächlich wurde er in der vergangenen Woche geboren! Zwischen Dienstag und Donnerstag legte der Dow Jones Industrial Average tatsächlich sagenhafte 21 Prozent an Wert zu und sprang damit, zumindest statistisch, zurück ins Bullenterrain. Es war gleichzeitig der größte Kursanstieg innerhalb von drei Tagen seit 1931.

Historische Parallelen zur Großen Depression 

Doch der historische Kontext sollte Anlegern eine Warnung sein, schließlich zeigt die Parallele, dass auch mitten in der Großen Depression scharfe Rallys an den Aktienmärkten möglich waren, die Kurse danach jedoch in der Folge noch tiefer abstürzten.

Die Alarmsignale sind zumindest unverkennbar. Vergangene Woche schnellten die wöchentlichen Anträge auf Arbeitslosenhilfe auf enorme 3,2 Millionen empor – den höchsten je gemessenen Wert. Nach Einschätzung des legendären Hedgefondsmanagers Paul Tudor Jones wäre ein Test der bisherigen Tiefs aus der vorvergangenen Woche und gar ein mögliches weiteres Abrutschen keine Überraschung. 

Allerdings macht Jones mutigen Anlegern danach auch durchaus Hoffnung.  „Wenn wir den Höhepunkt der epidemischen Kurve erreicht haben, habe ich keinen Zweifel, dass der Aktienmarkt seinen Boden findet und zur Rally ansetzt“. Anleger werden den Multimilliardär in den kommenden Monaten an seiner Prognose messen…