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Wir sind Corona

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.

„Die Frau kenne ich“, tönt der Sechsjährige beim Frühstück und tippt auf das Aufmacherfoto der Rheinischen Post am heutigen Donnerstag. Es zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Ansprache am Mittwochabend: „Das ist die Chefin von Deutschland!“, erklärt er. „Na, immerhin“, denke ich: „Diese schreckliche Virus-Krise führt zu politischer Bildung…“

Es ist zwar nicht schön, aber manchmal hilft derzeit nur noch Sarkasmus und Humor, um sich die Lage schön zu denken oder reden. Deutschland hat dicht gemacht. Das reale soziale Leben ist nahezu beendet. Wir unterhalten uns nur noch per Telefon und die sozialen Medien oder – im besten Falle – über den guten, alten deutschen Gartenzaun.

Hinzu kommt: Bei uns wie wahrscheinlich auch bei Ihnen zu Hause kommt das Virus jeden Tag ein Stückchen näher – gefühlt oder tatsächlich. Wir sind Corona.

Es häufen sich die Nachrichten, von Bekannten und Freunden, die sich das Virus im Skiurlaub oder auf Geschäftsreisen schon eingefangen haben und krank zuhause liegen oder die befürchten müssen, das Virus zu haben, weil sie Kontakt zu einem Infizierten hatten und nun in Quarantäne ausharren wollen oder sollen. Die Geschichten variieren zwischen Entsetzen und Slapstick.

Da gibt es den zweijährigen Emil, der plötzlich Fieber bekommt, stark hustet und nur noch auf den Armen seiner Mutter hängt. Beim Befragen des Bekanntenkreises stellt sich heraus, dass sein Patenonkel, mit dem er am vergangenen Wochenende noch getobt hat, eine weitere Woche zuvor im Skiurlaub in Ischgl war und einige seiner Mitreisenden nun erkrankt sind. Er selbst hat zwar keine Symptome, könnte aber trotzdem das Virus haben und übertragen haben.

Die Eltern, sonst im Umgang mit ihren Kindern – Emil hat noch eine große Schwester – entspannt, drehen fast durch. Der Kinderarzt findet keine normale Erklärung für das Fieber und schickt Emil zu einem sogenannten Auto-Test. Es dauert einen weiteren Tag, bis Emil zu so einem Test zugelassen wird. Seine Eltern stehen mit ihm dann fünf Stunden im geschlossenen Auto – quasi im Corona-Test-Stau – und warten auf den Abstrich. Das Testergebnis soll dann frühestens in fünf Tagen vorliegen.

Das war vor vier Tagen. Inzwischen ist das Fieber weg und Emil wieder fit. Ob er Corona hatte, weiß bis jetzt noch niemand. Die Familie lebt einfach weiter in Quarantäne und wartet ab. Im Übrigen durfte sich der Patenonkel nicht testen lassen, weil er keine Symptome zeigte.

Alleine in Keller-Quarantäne

Oder die Geschichte meines alten Studienkollegen Jens. Er war ebenfalls im Skiurlaub, mit Freunden in Südtirol. Schon vor Ort merkt er, dass etwas nicht stimmt. Er fühlt sich krank und reist ab. Zu Hause angekommen, zieht er sofort ins Gästezimmer in den gut ausgebauten Keller. Er bekommt Fieber, Gliederschmerzen und Husten.

Auf sein Testergebnis, er macht den Test bei seinem Hausarzt, muss er vier Tage warten. Vier lange Tage, nicht nur für ihn und seine Familie. Denn solange er nicht positiv getestet ist, darf keine seiner anderen Kontaktpersonen getestet werden. Sein Test ist positiv. Seine umsichtige Quarantäne war sehr richtig und wichtig.

Nun lebt Jens seit fast zwei Wochen allein im Keller seines Hauses. Seine Frau schiebt ihm nur Essen und Trinken rein. Totale Kontaktsperre. Auch die Kinder dürfen natürlich nicht zu ihm. Aufgrund dieser rigiden Maßnahmen haben sie es immerhin geschafft, dass sich keiner der anderen Familienmitglieder angesteckt hat.

Jens berichtete mir von seinen Erlebnissen übrigens, nachdem er meine Kolumne gelesen hatte. Er kann nur bestätigen: Ohne Internet und soziale Medien wäre er wahrscheinlich schon durchgedreht. Seine Frau musste ihm sogar einen neuen Fernseher kaufen fahren.

Tja, das sind Geschichten, die erstens die Worte der Kanzlerin belegen: „Die Lage ist ernst. Nehmen Sie sie auch ernst.“ Und zweitens: Das sind Geschichten, die zeigen, wie wichtig es ist, dass die Menschen, die derzeit an der Lösung oder Linderung dieser Krise arbeiten, ihre Arbeit tun können und wir sie dafür sehr wertschätzen. Denn dass Betroffene so lange auf ihre Testergebnisse warten müssen, ist natürlich unsäglich.

Das sind zum einen natürlich die Ärzte, Pfleger, Wissenschaftler und Laboranten, dann die ITler und Techniker, die die digitale Infrastruktur sichern, dann die Lehrer, die die Kinder mit Aufgaben versorgen und schließlich die Sicherheitskräfte, die für geordnete Abläufe sorgen. Und es sind natürlich auch Menschen wie Sie und ich, die einfach eine gute Idee haben und diese umsetzen wie der 15-jährige Noah Adler aus Berlin, der ein Online-Hilfsportal für seine Nachbarschaft startete.

Und ja, manchmal ist diese Krise schon jetzt und auch ohne selbst erkrankt zu sein, kaum noch auszuhalten. Schließlich droht die Lage neben der körperlichen und geistigen Anstrengung durch die Doppelbelastung von Arbeit und Kinderbetreuung auch irgendwann auf das Gemüt zu schlagen.

Ich entschied mich deshalb am Mittwochnachmittag spontan dazu, das Einkaufen zu verschieben. Eigentlich haben wir auch noch fast alles. Ich entschloss mich, zur Entspannung und zum Abschalten, eine Runde laufen zu gehen. Joggen und Fahrradfahren sind ja schließlich noch erlaubt. Unter Quarantäne stehen wir in Deutschland ja NOCH nicht. Also, los.

Ich laufe, als frühere Leichtathletin, wirklich gerne. Ich genieße diese Freiheit, einen Fuß vor den anderen zu setzen und dabei die Gedanken schweifen zu lassen. Da ich regelmäßig und in aller Ruhe jogge, also keinen sportlichen Ehrgeiz mit Marathon oder sonstigen Laufevents mehr hege, strengt es mich körperlich auch nicht stark an.

Nicht alle halten sich an das Spielplatzverbot

Doch zum Abschalten komme ich während dieser Laufrunde nicht. Sie wird eher zu einer Art journalistischer Recherchetour mit Schweißband. Am Rheinufer ist es gefüllt wie sonst nie. Hunderte von Spaziergängern, Fahrradfahrern und Läufern wie ich. Sie alle genießen die noch verbliebene Freiheit und das herrliche Wetter. Die Sonne scheint, es sind 18 Grad.

Wie Sie richtig laufen, lesen Sie hier. Der Deutsche Leichtathletik-Verband rät: „Ihr Lieben, noch können wir in Deutschland laufen gehen. Und solange wir uns alle an die Regeln in der Pandemie-Situation halten, können wir das wohl auch weiter tun und es wird uns und unserer Gesundheit gut tun. Das wichtigste: Geht ALLEIN laufen. Auf keinen Fall in Gruppen, Crews oder Lauftreffs. Auch nicht zu zweit oder dritt mit Freunden oder Bekannten. Einzige Ausnahme: Familien und Menschen, die zusammen wohnen und Lebenspartner. Haltet Abstand von den Leuten, denen ihr zufällig begegnet. Haltet nicht an, um einen Plausch zu halten. Verstanden? Danke und bleibt gesund!“

Auf meiner Runde, 8,5 Kilometer lang, komme ich an einem schönen Spielplatz direkt am Rhein vorbei. Was glauben Sie, was dort am Mittwoch los war? Volle Fläche, mindestens zehn Familien, mindestens 20 Kinder toben über Rutsche und Klettergerüst, schaukeln oder sitzen im Sandkasten. Hmmm, war da nicht was mit Spielplatzverbot? In Düsseldorf-Hamm scheint das nicht alle abzuhalten.

Kurz vor dem Ende meiner Runde komme ich an unserem Kinderarzt vorbei. Schon von weitem sehe ich die handschriftlichen Zettel, die an der Eingangstür kleben. Ich komme näher und lese: „Bitte betreten Sie die Praxis nur nach Aufforderung. DANKE!“ Da ich noch ein Foto machen will, stehe ich weitere 20 Sekunden vor der Tür.

Und da kommt auch schon die harte, aber herzliche Arzthelferin, Frau Becker, sie hat einen legendären Ruf unter uns Eltern im Viertel, rausgeschossen. Sie trägt Mundschutz und Handschuhe. „Frau Kewes, kann ich Ihnen helfen? Ist einer Ihrer Jungs krank?“ „Nein, nein“, wehre ich ab und springe fast einen Schritt zurück, so hat sie mich erschreckt, so schreckt sie mich ab.

„Ich wollte mir nur Ihre Schilder anschauen. Sie wissen doch, ich bin neugierige Journalistin…“ – „Ach, so, na dann ist ja gut“, sagt sie. Ich solle mich aber bloß fernhalten. Sie würden hier ständig alles desinfizieren, aber ob das reiche?

„Ah, Frau Doktor“, rufe ich, als ich die Ärztin hinten durch den Flur laufen sehe… Sie trägt auch Mundschutz, hat einen roten Kopf und zerzauste Haare. Hier wird gekämpft, denke ich, wünsche „alles Gute, und bleiben Sie gesund!“ und laufe weiter, um nicht zu sagen: weg.

Zu Hause werde ich schon erwartet. „Mama, da bist du ja wieder!“, ruft der Vierjährige, als wäre ich auf einer längeren Recherchereise gewesen. Er kommt mir entgegen gerannt und hängt sich an mein Bein.

Anhänglich der Mittlere, selbstständiger der Große: Es gibt auch gute Nachrichten aus dem neuen Familienarbeitsleben zu fünft unter einem Dach, 24 Stunden, sieben Tage, 21 Tage lang. Unser Sechsjähriger erledigte am Mittwochnachmittag seine Schulaufgaben ohne großes Murren. Er schien sogar fast Spaß daran zu haben. Und danach spielten er und sein vierjähriger Bruder: Robin Hood. Der Große war Robin, der Kleine König Richard. Ich war fast erleichtert. Dieses Virus-Verstecken vom Tag zuvor war mir doch etwas unheimlich.