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Condor darf mit Staatskredit weiterfliegen – und sucht neuen Eigentümer

Die Airline erhält vom Bund und dem Land Hessen einen Überbrückungskredit über 380 Millionen Euro. Der Ferienflieger will über ein Schutzschirmverfahren die Zukunft sichern.

Gemeinsam haben Air Berlin und Condor, dass der Überbrückungskredit vor allem einen Grund hat: Es soll Zeit gewonnen werden, um für das Unternehmen eine sichere Zukunft zu finden. Foto: dpa

Die 4900 Condor-Mitarbeiter und Tausende Passagiere können aufatmen. Die Tochter des insolventen Reisekonzerns Thomas Cook wird vom deutschen Staat 380 Millionen Euro als Überbrückungskredit bekommen. Das gab das Unternehmen am Abend bekannt.

Erst wenn die EU-Kommission zugestimmt habe, werde der Kredit über die KfW ausgezahlt. Die Summe wird je zur Hälfte vom Bund und dem Land Hessen getragen.

„4900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Partner und Kunden von Condor danken der Bundesregierung und der hessischen Landesregierung für ihre Zusage“, sagte Ralf Teckentrup, Vorsitzender der Geschäftsführung. Condor sei ein operativ gesundes und profitables Unternehmen, welches auch im laufenden Jahr ein positives Ergebnis verzeichnen werde. „Weil unsere Liquidität für die saisonal bedingt schwächere Buchungsperiode von unserer insolventen Muttergesellschaft verbraucht wurde, benötigen wir diese Brückenfinanzierung für den Winter. Die Zusage ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung unserer Zukunft.“

Gleichzeitig gab das Unternehmen bekannt, eine Insolvenz in Eigenverwaltung zu beantragen. Das Ziel des sogenannten Schutzschirmverfahren: Die Airline genießt Gläubigerschutz und gewinnt Zeit. Zudem kann sie sich besser aus dem Mutterkonzern Thomas Cook lösen und sich vor dessen Forderungen schützen.

Das bestehende Management kann gemeinsam mit einem Verwalter die Zukunft der Fluggesellschaft sichern und einen Investor suchen. Einen ähnlichen Weg hatte vor zwei Jahren Air Berlin gewählt. Die Airline wurde in der Folge zerschlagen.

Condor-Chef sucht neuen Eigentümer

In einer Pressekonferenz am Abend sagte Condor-Chef Teckentrup, dass man die Brückenfinanzierung brauche, um über den Winter zu kommen. „Unsere Winterliquidität wurde in London – ich sage es mal drastisch – verbuddelt.“ Die Airlines von Thomas Cook haben in den letzten Monaten mit ihren Gewinnen den Betrieb von Thomas Cook gesichert. Der Condor-Chef betonte, dass man mit der Bürgschaft nun ausreichend Zeit habe. Im kommenden Sommer brauche seine Airline keinen Überbrückungskredit, da laufe das Geschäft erfahrungsgemäß gut.

Die Zeit will die Condor-Spitze nun nutzen, um einen Investor zu suchen. „Wir brauchen im Schutzschildverfahren einen neuen Eigentümer. Das kann ein strategischer Investor sein, es kann aber auch ein Finanzinvestor sein“, so Teckentrup: „Ich erwarte aber nicht, dass das in sechs oder acht Wochen über die Bühne geht.“

Weitere Details wollte er nicht nennen, außer dass er für den Verkaufsprozess zuversichtlich sei. „Schon im ersten Halbjahr 2019 gab es einen Verkaufsprozess durch Thomas Cook. Schon da gab es intensive Kontakte mit Kaufinteressenten“, sagte Teckentrup. In den letzten Tagen sei das Management erneut von interessierten Parteien angesprochen worden. „Wir werden mit diesen Kontakten das Gespräch suchen.“

Dabei helfe das Schutzschirmverfahren und die in Aussicht gestellte Bürgschaft. Denn man isoliere die Airline damit von der bisherigen Muttergesellschaft. Man wolle komplett ausschließen, dass die Bundesregierung Geld gebe und dann von einer gesunden Condor Geld in die anderen Teile des insolventen Mutterkonzerns fließen.

Teckentrup bekräftigte: „Unsere Flotte ist in Betrieb, und der Ticketverkauf für Flüge mit Condor läuft ganz normal weiter.“

Altmaier: Condor hat Perspektive, um Kredit zurückzuzahlen

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht mit dem staatlichen Darlehen für Condor eine Grundlage für eine gute Perspektive für den Ferienflieger. Es gebe die Möglichkeit, „viele Arbeitsplätze“ der fast 5000 Jobs bei Condor dauerhaft zu erhalten, sagte Altmaier am Dienstagabend in Berlin. Das sogenannte Massedarlehen habe ein Volumen von 380 Millionen Euro. Das Land Hessen beteilige sich daran.

Mit Condor seien derzeit 240.000 Reisende aus Deutschland an ihren Urlaubsorten. Diesen könne es ermöglicht werden, zu „annehmbaren Konditionen“ zurückzukehren. Wirtschaftsstaatssekretär Ulrich Nussbaum sagte, das Ministerium gehe davon aus, dass ein Investor für Condor gefunden werde.

Altmaier sagte, Condor könne den Flugbetrieb fortsetzen und sich so strukturieren, dass das Unternehmen am Markt bestehen könne. Die Firma habe eine Perspektive, wirtschaftlich erfolgreich zu sein und den Kredit zurückzuzahlen.

Die Condor-Muttergesellschaft, der britische Reisekonzern Thomas Cook, hatte in der Nacht zu Montag Insolvenz angemeldet. Condor ist zwar profitabel, muss aber regelmäßig gegenüber dem Luftfahrtbundesamt nachweisen, dass sie als Airline die finanziellen Mittel hat, um einen sicheren Flugbetrieb zu garantieren. Ohne eine liquide Konzernmutter im Hintergrund muss das die Fluggesellschaft nun selbst übernehmen.

Grundsätzlich hatte Condor für seinen Antrag auf Staatshilfe eine recht breite Unterstützung, auch wenn es durchaus Kritiker einer solchen Maßnahme gibt. So lehnte etwa der Steuerzahlerbund eine solche Hilfe ab. In der Politik dagegen konnte sich selbst die FDP unter bestimmten Voraussetzungen einen Überbrückungskredit für die Airline vorstellen.

Gute Erfahrungen mit Hilfen für Airlines

In Deutschland sind die Erfahrungen mit Staatshilfen zwar nicht überaus positiv. Der Baukonzern Philipp Holzmann etwa konnte durch die Zusage von 100 Millionen Euro 1999 nicht gerettet werden, auch nicht die Maxhütte im Jahr 1987. Doch bei Airlines sieht die Bilanz besser aus.

So kann die Politik darauf verweisen, dass sich die Belastungen für den Steuerzahler in Grenzen halten. Vor zwei Jahren hatte die Bundesregierung der damals insolventen Air Berlin mit einem Überbrückungskredit über 150 Millionen Euro ausgeholfen. Den hat der Insolvenzverwalter mittlerweile komplett getilgt, allerdings ohne die Zinsen in Höhe von 27 Millionen Euro.

Dass die Nachricht von der Tilgung ausgerechnet wenige Tage vor der Insolvenz von Thomas Cook durchsickerte, wird in der Branche auch als eine Wegbereitung für ein analoges Verfahren bei Condor gewertet. Allerdings hängt die Entscheidung vor allem an einer Frage: Hat die Fluggesellschaft eine nachhaltige wirtschaftliche Perspektive?

Dabei gibt es deutliche Unterschiede zum Fall Air Berlin. Zum einen ist Condor profitabel. Zwar werden keine separaten Zahlen für den Condor Flugdienst – so der offizielle Name der GmbH – publiziert. Die Fluggesellschaft wird bisher mit den anderen Airlines von Thomas Cook zu einer Airline-Gruppe zusammengefasst. Die konnte aber ihren Umsatz im letzten Geschäftsjahr 2018 von gut drei auf 3,5 Milliarden Pfund erhöhen.

Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg von 94 auf 129 Millionen Pfund. Ein großer Teil dieses Wachstums entfiel nach Informationen aus dem Umfeld von Thomas Cook auf Condor. Dagegen hat Air Berlin über zehn Jahre ununterbrochen Verluste eingeflogen. Im Jahr 2017 lag der Verlust bis zur Insolvenzmeldung im August sogar bei 1,5 Millionen Euro pro Tag.

Zeit gewinnen für eine sichere Zukunft

Zudem ist Condor nicht so stark abhängig von einem anderen Konzern wie Air Berlin. Die einst zweitgrößte Fluggesellschaft Deutschlands hing zuletzt komplett am Tropf des Großaktionärs Etihad aus Abu Dhabi. Als der seine Zahlungen recht unvermittelt einstellte, musste Air Berlin umgehend Insolvenz anmelden.

Gemeinsam haben Air Berlin und Condor, dass der Überbrückungskredit vor allem einen Grund hat: Es soll Zeit gewonnen werden, um für das Unternehmen und seine Mitarbeiter eine sichere Zukunft zu finden. Air Berlin konnte am Ende nicht in Gänze verkauft werden. Lufthansa hätte gerne zugeschlagen, durfte aber aus Kartellgründen nur Teile erwerben.

Einen anderen Käufer für das komplette Unternehmen gab es nicht, zumindest keinen, der eine belastbare Finanzierung nachweisen konnte. Auch bei Condor geht es darum, mittelfristig eine neue Heimat zu finden. Ohne einen Investor wird die Airline auf Dauer nicht überleben können. Mit rund 40 Jets zählt Condor zu den kleinen Fluggesellschaften. Air Berlin war mit 140 Flugzeugen deutlich größer.

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