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China-Korrespondent: "Ich war zehn Tage in einem geheimen Covid-Isolationszentrum auf einer Insel bei Shanghai gefangen"

Isolationskrankenhäuser wie dieses in Changchun gibt es in ganz China. Die Volksrepublik hält weiter an ihrer strengen Null-Covid-Strategie fest. - Copyright: picture alliance/Costfoto
Isolationskrankenhäuser wie dieses in Changchun gibt es in ganz China. Die Volksrepublik hält weiter an ihrer strengen Null-Covid-Strategie fest. - Copyright: picture alliance/Costfoto

Die Volksrepublik China fährt – wahrscheinlich als einziges Land neben Nordkorea – weiterhin eine strenge Null-Covid-Politik: Bei den kleinsten Ausbrüchen werden ganze Viertel unter Quarantäne gestellt. Positiv getestete Menschen kommen in Isloationszentren und Fieberkrankenhäuser. Dort müssen sie bleiben, bis sie wieder negativ sind.

Genau das ist Thomas Hale, dem Shanghai-Korrespondenten der "Financial Times" , passiert: Er wurde nachts abgeholt und auf eine Insel gebracht. Zehn Tage verbrachte er in einem chinesischen Isolationszentrum für Corona-Patienten.

"Ich werde Sie in vier oder fünf Stunden abholen"

Seine Geschichte begann mit einem Anruf einer Nummer, die er nicht kannte. Als er abnahm, meldete sich ein Mann vom Städtischen Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention in Shanghai, der sagte, dass Hale unter Quarantäne gestellt werden müsse: "Ich werde Sie in etwa vier oder fünf Stunden abholen."

Tage zuvor war er in einer Whiskey-Bar in der Nanjing Lu in Shanghai offenbar einem später positiv Getetsten über den Weg gelaufen. Er war der Grund, weshalb er in das Isolationslager kam, ist sich Hale sicher.

Als Shanghai-Korrespondent wusste er natürlich, was der Anruf der Seuchenkontrolle bedeutete: Isolation – unklar, wie lange. Schnell habe Hale sein Hotel verlassen, um sich mit den wichtigsten Vorräten einzudecken. Jeder in Shanghai und China kennt die Horror-Geschichten von schlechtem Essen mit wenig oder gar keinem Obst und Gemüse, dem die Quarantäne-Patienten ausgeliefert sind – so auch Hale. Er kaufte demnach Thunfischkonserven, Tee, Kekse, Vitamintabletten, Haribo, Tupperware, eine Yogamatte, ein Handtuch, Reinigungsmittel, ein Verlängerungskabel, eine große Anzahl Bücher, Augentropfen, ein Tablett, einen Becher – und einen Untersetzer mit einem Bild der Landschaft um Bolton Abbey in North Yorkshire (England). Allein diese Liste zeigt: Er ahnte, was ihm bevorstand.

Zurück im Hotelzimmer habe er den nächsten Anruf erhalten, diesmal von der Rezeption: Als enge Kontaktperson zu einem positiv Getesteten dürfe er sein Zimmer nicht mehr verlassen, das Hotel sei geschlossen.

Bolton Abbey im englischen North Yorkshire – Thomas Hale kaufte für seinen Quarantäne einen Untersetzer mit so einem Foto, als Erinnerung an seine Heimat. - Copyright: picture alliance/empics/Danny Lawson
Bolton Abbey im englischen North Yorkshire – Thomas Hale kaufte für seinen Quarantäne einen Untersetzer mit so einem Foto, als Erinnerung an seine Heimat. - Copyright: picture alliance/empics/Danny Lawson

Männer in Schutzanzügen bringen ihn aus dem Hotel

Kurze Zeit später seien Männer der Gesundheitsbehörde gekommen, allesamt in Schutzanzügen. Erst PCR-Test, dann Abfahrt. Flure, Zimmer, die offiziellen Aufzüge – alles sei abgesperrt gewesen wegen Hale. Im Personal-Aufzug wurde er zur Straße gebracht, dann ging in einem kleinen, leeren Bus durch die Nacht.

"Fahren wir in ein anderes Hotel?", fragte Hale einen der etwa ein Dutzend Fahrgäste an Bord. "Es ist kein Hotel", lautete die Antwort. "Tian a", sagte ein anderer Passagier. Im sei Popmusik gelaufen, die Stimmung: gedrückt, aber nicht ängstlich. Nur der Fahrer wurde offenbar immer nervöser, telefonierte hektisch mit einem Vorgesetzten.

Hale schreibt: "Schließlich kamen wir auf einer kleinen Straße inmitten eines Feldes zum Stehen. Der Fahrer wurde über das Walkie-Talkie angewiesen, weiterzufahren. Doch das war unmöglich, denn vor uns standen mehrere vollbesetzte Reisebusse, und in der Dunkelheit irrten kleine Menschenmengen umher. 'Ich kann nicht fahren', bellte er in seinen Hörer und stieg aus, schloss den Bus hinter sich ab und lief in die Nacht hinaus. (...) 'Woher kommst du?', fragte mich einer der anderen. Seine Schutzkleidung war um seine Taille gerollt, wie ein Overall. 'Aus dem Vereinigten Königreich', sagte ich, und seine Augen weiteten sich. 'Sie haben Sie hierher gebracht? Mit einem ausländischen Pass?'" Während die kleine Gruppe im Bus gewartet habe, dass die Straße frei wird, hätten sie festgestellt: Keiner von ihnen sei positiv getestet worden.

"Gegen 2 Uhr morgens kletterte unser Fahrer wieder an Bord. Der Motor heulte auf und das Radio erwachte mit einem Knistern zum Leben. Jetzt waren wir dran. Wir fuhren tiefer in den Quarantäneapparat Chinas hinein, einen Ort, der einen findet und nicht umgekehrt. Er ist Teil eines Systems, das von der Außenwelt kaum wahrgenommen oder verstanden wird", erinnert sich der China-Korrespondent.

Was ist Xi Jinpings Null-Covid-Politik?

Xi Jinping und seine Kommunisische Partei verfolgen eine restriktive Null-Covid-Politik: Es darf kein Corona im Land geben, das ist ihre Strategie. Egal, wie hoch der Schaden für Menschen oder die Wirtschaft ist, egal, wie (wenig) erfolgversprechend es ist, das Virus aus der Volksrepublik verbannen zu wollen, während der Rest der Welt damit zu leben lernt. Massentests sind in China Alltag; gibt es nur wenige Hundert Fälle, so werden ganze Viertel unter Quarantäne gestellt. Kita- und Schulschließungen stehen auf der Tagesordnung. Vor den zentralen nationalen Ferienzeiten werden die Reisebestimmungen hochgefahren. Über die verpflichtende Gesundheitsapp und mobile Daten wird ausgewertet, wer wo war und wem begegnet ist. Ist man eine Kontaktperson eines Infizierten, wird man weggesperrt. Jeder muss mit allem zu jeder Zeit rechnen.

Drei Reihen Drahtzaun machen eine Flucht unmöglich

Seine Ankunft in dem Isolationslager beschreibt Hale so: "Uns wurde jeweils eine Zimmernummer zugewiesen. Ein anderer Neuankömmling, den ich als Bewohner 1 bezeichnen werde, ging neben mir in Richtung Arrest. Er deutete auf drei Reihen von Drähten über den blauen Zäunen, die das Gelände abgrenzten, nicht ganz Stacheldraht, aber nicht weit davon entfernt. Er schüttelte den Kopf, fast lachend, und für einen Moment spürte ich inmitten der Müdigkeit ein willkommenes Gefühl der Kameradschaftlichkeit."

Die Anlage habe aus weißen Container-Kästen bestanden, die in Reihen aufgestellt und auf kurzen Stelzen über dem Boden montiert gewesen seien. Oben flackerte laut Hale eine fluoreszierende Außenbeleuchtung, und eine Kamera war so positioniert, dass sie jede Tür im Blick hatte: "Beide wurden nie ausgeschaltet."

Keiner will ihm die Adresse nennen

In dem 196-Quadratmeter-Container habe es zwei Einzelbetten, einen Wasserkocher, wie in Chinas südlichen Regionen üblich eine Klimaanlage, einen Schreibtisch, einen Stuhl, eine Schüssel, zwei kleine Tücher, ein Stück Seife, eine ungeöffnete Bettdecke, ein kleines Kissen, eine Zahnbürste, eine Tube Zahnpasta und eine aufgerollte Matratze gegeben. Die Matratze sei allerdings etwa so dick war wie ein Ofenhandschuh gewesen. Das Bett bestand dem Journalisten zufolge aus einem Eisengestell und sechs Holzbrettern. Das Wasser nur kalt. Wollte man das Zimmer verlassen, habe ein Alarm geschrillt.

Der Boden sei mit Staub und Dreck bedeckt gewesen: "Die ganze Wohnung wackelte, wenn man herumlief, was ich aber bald nicht mehr bemerkte. Das Fenster war vergittert, aber man konnte sich trotzdem hinauslehnen. Es gab keine Dusche. Als ich die Internetverbindung überprüfte, war sie 24 Mal schneller als das Internet in meinem Hotel in Shanghai."

Als Hale sein Telefon gecheckt habe, sei ihm schnell klar geworden, wo er war: Im Fangcang-Quarantänezentrum auf einer Insel nördlich von Shanghai. Keiner vom Personal konnte oder wollte ihm zuvor die genaue Adresse nennen.

"Bei Tageslicht sah ich, dass die Einrichtung eindeutig in zwei Gruppen von Menschen aufgeteilt war. Das Personal trug Schutzanzüge, der Rest von uns war nur noch in Zivil. Das Personal konnte nach draußen gehen, wir dagegen nicht", schreibt Hale.

"Ein junger Mann, den ich als Arbeiter 1 bezeichnen werde, sagte, er kenne unseren Standort nur als 'P7'. Die Anlage sei gerade erst gebaut worden, und ich sei der einzige Ausländer hier. In Artikeln, die im Mai in chinesischen Medien veröffentlicht wurden, hieß es, dass eine Anlage mit dem Namen P7 fünf Kilometer von einer anderen, P5, entfernt gebaut worden sei. Es ist unklar, wie viele ähnliche Anlagen es in China gibt." Es müssen viele sein, hielt die Regierung doch alle Provinzen dazu an, eben solche Isolationszentren mit ausreichend Plätzen im Sinne der Pandemie-Bekämpfung zu bauen.

Der Tagesablauf

Der Tagesrhythmus sah Hale zufolge folgendermaßen aus: "Früh morgens wurden wir von einem rasenmäherähnlichen Geräusch geweckt, bei dem es sich in Wirklichkeit um ein industrielles Desinfektionsgerät handelte, das unsere Fenster und Eingangstreppen besprühte. Mahlzeiten gab es um 8 Uhr, Mittag und 17 Uhr. Gegen 9 Uhr kamen zwei Krankenschwestern in blauen Schutzanzügen vorbei, um PCR-Tests durchzuführen. Einmal fragte ich, ob ich bei einem positiven Test woanders hingebracht werden würde. 'Natürlich werden Sie weggebracht!', sagte eine der Krankenschwestern. 'Ein neues Leben!', fügte sie auf Englisch hinzu."

Hale half es – und das berichten viele, die in Quarantäne waren – sich an eine strikte Routine zu halten: "Sprachstudium, Arbeit, Mittagessen, Arbeit, Liegestütze, Playlists der Band Future Islands, Online-Schach, Lesen oder Anschauen von Episoden von The Boys auf Amazon Prime, in dieser Reihenfolge. Dazwischen gab es ständiges Putzen, um den Staub in Schach zu halten."

Dennoch habe Hale wie seine Mitgefangenen unter der Unsicherheit und der Tatsache, dem System vollkommen ausgeliefert zu sein, gelitten: "Obwohl mir bei meiner Ankunft gesagt wurde, dass mein Aufenthalt sieben Tage dauern würde, waren es in Wirklichkeit zehn. Der Kundendienst teilte mir in mehreren langen Gesprächen mit, dass die Namensliste derjenigen, die nach Hause geschickt wurden, täglich veröffentlicht wurde und nicht im Voraus verfügbar war. Nach einer Weile lösten sich alle anderen Probleme in Luft auf und ich dachte nur noch an meine Entlassung."

Der Journalist erinnert sich an Gespräche mit den Wärtern: Für sie sei die Bürokratie, mit der das System Corona bekämpft, normal gewesen. Pro Tag hätten sie 230 RMB (umgerechnet 32 Euro) für ihre Arbeit erhalten; die Angst in der chinesischen Bevölkerung Covid zu bekommen, sei groß – so groß, dass es Hales Gesprächspartnern zufolge auch nach einer Genesung schwer war, neue Arbeit zu finden.

Nicht nur der Reporter muss negativ sein – auch alle Gegenstände in seiner Zelle

Um auf die Liste zu kommen, die einem die Ausreise erlaubt, muss man einen Tag vorher auf der so genannten "Doppeltestliste" stehen: Wenn das der Fall ist, nehmen die Krankenschwestern eine Probe aus Nase und Mund und machen dann das Gleiche mit dem anderen Nasenloch. "Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, auf dieser Liste zu stehen, aber bis zum Tag selbst wird nicht bestätigt, dass es klappen könnte", erklärt Hale die undurchsichtigen Abläufe der "Frei-Testung".

Aber nicht nur er selbst musste negativ sein: "Als die Krankenschwestern kamen, untersuchten sie auch den Fußboden, meine Tasche, mein Mobiltelefon und die Fernbedienung der Klimaanlage. Alle Tests waren negativ, ebenso wie die rund ein Dutzend Tests, die ich in den vorangegangenen zwei Wochen durchgeführt hatte. Schließlich wurde mein Code (der Gesundheitsapp, Anm.d.Red.) grün."

Vor seiner Abreise, wieder im Bus, sei Hale noch ein Zertifikat ausgehändigt worden – als hätte er eine Prüfung bestanden. Er schreibt: "Zurück in meinem Hotel war das Wasser heiß und die Matratze weich." Ein Blick auf die Waage verriet, er hatte abgenommen. Seine neue Freiheit habe feiern wollen, indem er in Restaurant zu gehen – für ein Festessen. Aber: Um ein Restaurant zu betreten, muss man mit der Gesundheitsapp einscannen – isst dort ein Infizierter oder nur eine Kontaktperson eines Positiv-Getesteten, so würde sich für Hale das Drama in der Isolation wiederholen.

"Ich verbrachte einige Zeit damit, auf der Straße auf und ab zu gehen und zu überlegen, was ich tun sollte. Als ich an Menschenmassen in Bars und Restaurants vorbeikam, wurde mir klar, dass man verrückt sein muss, um die Risiken der Freiheit so leichtfertig einzugehen."

vib