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Chemieindustrie schraubt Prognose runter

Deutschlands drittgrößter Industriezweig erwartet wegen Corona ein weiteres schwieriges Jahr. Das ist kein gutes Signal für die Gesamtwirtschaft.

Das Coronavirus wird auch für die chemische Industrie zum Problem. Foto: dpa

Noch Ende Januar keimte in den deutschen Chemieunternehmen ein wenig Hoffnung auf, dass die Industrie mal wieder etwas positiver nach vorne blicken könnte. Das vierte Quartal war besser als erwartet verlaufen. Die Hängepartie um den Brexit war beendet. Der Handelskrieg zwischen USA und China legte eine Pause ein, selbst im USA-Iran-Konflikt standen die Zeichen auf Deeskalation.

Wenige Wochen später ist dieser Hoffnungsschimmer schon wieder verflogen - und Schuld daran ist natürlich die Coved-19-Epidemie. Die damit verbundenen Unsicherheiten und die schon jetzt erkennbaren wirtschaftlichen Konsequenzen werden die Branche nach Erwartung des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) hart treffen.

Die Schätzungen vom Dezember für 2020 seien unter den neuen Vorzeichen hinfällig, sagt VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Der VCI senkte am Donnerstag die Prognose fürs laufende Jahr und erwartet nun für die Chemieproduktion einen Rückgang von 1,5 Prozent.

Rechnet man die weiterhin stabile Pharmaproduktion in Zahlen ein, ergibt sich für die Gesamtbranche eine Stagnation. Der Umsatz bleibt voraussichtlich mit 196 Milliarden Euro unverändert, heißt es in der neuen Schätzung.
Für die gesamte deutsche Wirtschaft ist die frühe Prognosesenkung in der Chemie kein gutes Signal. Die Hersteller aus Deutschlands drittgrößtem Industriezweig beliefern alle großen Bereiche der verarbeitenden Industrie und spüren konjunkturelle Bewegungen recht früh.

„Der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie steht erneut ein schwieriges Geschäftsjahr bevor. Die Auswirkungen der Corona-Epidemie werden die exportorientierte deutsche Industrie und damit auch die Chemie zu spüren bekommen“, sagte Große Entrup.

Mitarbeiter in Quarantäne

Die neue Prognose steht auch noch unter erheblichem Vorbehalt. Denn die Konjunkturbetrachtung des Verbands ist auf die Produktion an heimischen Standorten fokussiert. Die negativen Effekte der Coronavirus-Epidemie in China können für die Unternehmen schwerwiegender sein, als es die Verbandszahlen wiederspiegeln.

Das gilt vor allem für die Gewinnentwicklung der Chemieunternehmen, für die die Konjunkturindikatoren nur bedingt Signale geben. Zusätzliche Kosten durch Lagerhaltung, unausgelastete Anlagen, nicht einsatzbereites Personal, Logistikprobleme, zeitliche Verzögerungen durch Quarantäne oder zusätzlichen Bürokratieaufwand finden sich nach Angaben des Verbands darin nicht wieder.

Alle großen deutschen Chemieunternehmen haben bereits über erhebliche Gewinneibußen durch die Corona-bedingten Probleme in China berichtet. Die Kölner Lanxess AG geht derzeit von einer Belastung des Jahresgewinns zwischen 50 Millionen und 100 Millionen Euro aus. Der Kunststoffhersteller Covestro nennt Belastungen in Höhe von 60 Millionen Euro, bei der Evonik AG sind es 30 Millionen Euro. Der Jahresgewinn von Branchenprimus BASF könnte nach Analystenschätzungen um 400 Millionen Euro niedriger ausfallen.

Diese Zahlen spiegeln nur die bisher absehbaren Belastungen wider, die sich aus den Problemen der zurückliegenden Wochen in China ergeben. Zwar konnten die Chemiefirmen die dortigen Anlagen wieder hochfahren, die zwischenzeitlich nicht wie gewohnt lieferten. Doch das Geschäft ist noch weit entfernt vom Stand vor Corona.

Logistikprobleme nehmen zu

Es sind vor allem logistische Probleme, die in China das Geschäft behindern. Laut Lanxess-Chef Matthias Zachert fehlt es derzeit industrieweit an Transportkapazitäten, weil die nach dem Stillstand im Januar/Februar nur langsam wieder zulegten. Die Lage werde sich in den kommenden Wochen nicht bessern, erwartet er.

Mit jedem Tag, den die Corona-Epidemie andauert, werden nach Einschätzung des VCI nicht nur die negativen Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft gravierender. Über die fehlende Nachfrage aus China und die Ausfälle in den Lieferketten werden die Folgen auch in anderen Ländern sichtbarer werden – zunächst in den Nachbarländern, aber mit zunehmender Dauer auch weltweit.

Was die Folgen der Corona-Epidemie in Europa für die dortige Binnenwirtschaft bedeutet, ist noch gar nicht absehbar. Auf dem Heimatkontinent macht die deutschen Chemieindustrie noch immer ihr Hauptgeschäft. Viel dürfte von der Entwicklung der Autoindustrie anhängen, die die wichtigste einzelne Kundengruppe für die Chemie stellt. Die kämpft aber neben konjunkturellen Problemen mit einem tiefen strukturellen Wandel.

In dieser schwierigen Gemengelage sei von der Politik Unterstützung für die gesamte Wirtschaft gefragt, fordert der VCI. Dazu würden sich zusätzlich Bürgschaften für Kredite und Steuerstundungen anbieten. Der Staat werde sich zudem wohl an den durch die Epidemie verursachten Kosten der Wirtschaft beteiligen müssen. Neben einer Steuersenkung böte sich auch die Schaffung eines Sondervermögens an, um besonders betroffene Unternehmen rasch und unbürokratisch zu unterstützen, schlägt der Verband vor.