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Burger essen fürs Klima – Wie Impossible Foods die Fleischindustrie ersetzen will

Demling, Alexander
·Lesedauer: 8 Min.

Das kalifornische Start-up will rasant wachsen, um das Klima zu retten. Das Credo: Nicht Fleischesser müssen sich ändern, sondern Fleischersatz-Produkte.

Die Massenhaltung von Kühen ist einer der Hauptverursacher des weltweiten CO2-Ausstoßes.  Foto: dpa
Die Massenhaltung von Kühen ist einer der Hauptverursacher des weltweiten CO2-Ausstoßes. (Bild: dpa)

Die Bulette glänzt rosa und ist mit kleinen weißen Stückchen gesprenkelt. In der Pfanne zischt sie im Fett und wird gleichmäßig braun. Dass hier ein Fleisch-Double aus Soja brutzelt, verrät nur die Verpackung: "Impossible: Hackfleisch – aus Pflanzen gemacht" steht darauf.

Die Mimikry-Bulette ist das älteste Produkt von Impossible Foods, einem Start-up aus Redwood City im Silicon Valley mit hehren Zielen und für das kalifornische Technologie-Tal typischen Methoden. "Um unsere Umweltziele zu erreichen, müssen wir jedes Jahr um das Doppelte wachsen", sagt Rebekah Moses dem Handelsblatt. Die Agrarwissenschaftlerin ist als "Head of Impact Strategy" dafür verantwortlich, diese Ziele in Impossibles Unternehmensstrategie zu verankern.

Impossible Foods will Fleischessern das Fleischessen abgewöhnen

"Die größte Wirkung auf das Klima, den Wasser- und Bodenverbrauch haben wir, wenn wir möglichst viele Fleischesser auf eine pflanzenbasierte Ernährung umstellen", sagt Moses. Für das Unternehmen gilt dabei ein Gedanke, der wie die Antithese zur Ökologiebewegung klingt: Wachstum ist gut, Verzicht der falsche Weg. Impossible Foods will Fleischessern das Fleischessen abgewöhnen, ohne dass sie es so richtig spüren.

Deshalb geht Impossible an Orte, die als Veganer-Vorhölle durchgehen können: Mit dem "Impossible Whopper" verkauft Burger King sein bekanntestes Produkt als fleischlose Variante.

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Als wegen der Pandemie im Frühjahr zahlreiche Restaurants schließen mussten, legte das Start-up den Schwerpunkt seiner Expansion auf Supermärkte: Waren Impossibles Produkte vor März noch in weniger als 150 Märkten erhältlich, sind es inzwischen mehr als 11.000 – die meisten davon keine Edel-Läden, sondern Ketten für Durchschnittsamerikaner wie Walmart, Target oder Kroger.

Die schnelle Reaktion hat sich vermutlich ausgezahlt. Zwar veröffentlicht Impossible Foods keine Umsatzzahlen, doch der Sektor profitiert: Der Marktforscher Nielsen beobachtete im April einen Anstieg der Nachfrage nach Fleischalternativen um mehr als 250 Prozent.

Von der Stanford-Professur zum Start-up

Dass die Corona-Pandemie wie die meisten Seuchen durch den Konsum von Fleisch auf den Menschen übergesprungen ist, hat wohl manche Konsumenten zum Nachdenken gebracht.

"Konsumenten lieben Fleisch, Fisch und Milchprodukte nicht weil, sondern obwohl sie von Tieren kommen", schreibt Impossible-Gründer Pat Brown im Leitbild des Unternehmens. Das wurde Brown schon vor fast zehn Jahren bewusst.

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Der heute 66-Jährige verließ 2011 seine Karriere als weltrenommierter Biochemiker mit Professur an der Stanford-Universität, um Impossible Foods zu gründen. In den ersten Jahren versuchten Brown und seine Mitarbeiter auf molekularer Ebene zu ermitteln, welche Stoffe Fleisch schmackhaft machen.

Die Forscher identifizierten eine Stoffgruppe namens Häme, bekannt für den Blutfarbstoff Hämoglobin. Die Häme sollen Impossibles Buletten aus Sojaprotein und Kokosfett nicht nur den Geschmack und das Aroma von echtem Fleisch geben, sondern auch einen Hauch von Blutigkeit – was Impossible auch von der Konkurrenz unterscheidet.

Produktion hat mehr Einfluss aufs Klima als Transport

Dass diese Eigenschaften manche Vegetarier zum Würgen bringen, ist durchaus eingepreist. Wer heute schon kein Fleisch mehr isst, den will Impossible auch gar nicht bekehren. Doch Nischenprodukte wie Sojaschnitzel oder Biofleisch aus der Region würden nicht ausreichen, um den Klimawandel zu bekämpfen.

"Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung, was wirklich zählbare Auswirkungen auf das Klima hat", sagt Moses. So würden viele Menschen regionale Lebensmittel kaufen, um das Klima zu schützen, obwohl der Transport von Fleisch einen viel geringeren Einfluss auf das Klima hat als seine Produktion.

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Auch mit dem Image von fleischloser Ernährung hat sie ihre Probleme: "Vegetarismus und Veganismus werden als reduzierend wahrgenommen", sagt Moses. Wenn sie mit Politikern oder UN-Beamten über die Auswirkungen unserer Ernährung auf den Klimawandel spreche, gebe es ein Problembewusstsein. Es werde aber kaum ernsthaft angegangen, weil die Politik Widerstand in der Bevölkerung befürchtete, sagt Moses.

Dass das wichtig wäre, ist relativ unstrittig: Laut der UN-Ernährungsorganisation FAO ist Tierhaltung für 14,5 Prozent der von Menschen verursachten CO2-Emissionen verantwortlich – eine ähnliche Größenordnung wie der Verkehrs- oder Industriesektor. Betrachtet man die Methan-Emissionen oder den Landverbrauch, ist die Aufzucht von Schlachttieren noch problematischer. Der Hauptschuldige ist dabei die Kuh: 65 Prozent der Emissionen stammen von Rindern.

Fleischersatz spart CO2-Emissionen

Auch deshalb war das erste Produkt, das Impossible 2016 einführte, ein Ersatz für Rinderhackfleisch – der Impossible Burger. Inzwischen hat das Start-up auch Schweinefleisch- und Wurstersatz im Angebot.

Eine von Impossible beauftragte Analyse der Schweizer Nachhaltigkeitsberatung Quantis ergab im Jahr 2019, dass eine Bulette aus Impossibles Fabriken nur etwa ein Zehntel der CO-Emissionen sowie des Verbrauchs und der Verschmutzung von Wasser verursacht wie eine aus Rindfleisch. Beim Landverbrauch ist das Verhältnis sogar eins zu 25. Jedes Kilo Impossible Burger, der ein Kilo Rindfleisch ersetzt, macht laut Unternehmensangaben 60 Kilogramm CO2-Emissionen und die Nutzung von 60 Quadratmeter Agrarland wett.

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Das Welternährungsprogramm der UN zeichnete das Unternehmen 2019 deshalb mit dem "Champion of the Earth"-Preis aus – gemeinsam mit Beyond Meat, dem größeren und bereits börsennotierten Hersteller von Fleischersatz, der auch in Kalifornien sitzt und auch von einem Brown geführt wird. Allerdings sind Beyond-Chef Ethan Brown und Pat Brown nicht verwandt.

Dass Beyond Meat ein Konkurrent sei, weist Pat Brown aber zurück: "Ich wünsche ihnen nichts als Erfolg." Die Fleischindustrie und der von ihr mitverursachte Klimawandel seien die eigentlichen Gegner.

Kritik von Umweltschützern an Impossible Foods

Die versöhnlichen Töne werden nicht immer erwidert. Gerade unter anderen klimaschutzbewegten Unternehmern gibt es einige Kritiker: "Das sind stark bearbeitete Lebensmittel", sagte der Gründer des zu Amazon gehörenden Ökosupermarkts Whole Foods 2019 über Impossible und Beyond Meat. "Ich glaube nicht, dass das gesund ist. Menschen brauchen natürliche Lebensmittel." Impossible Foods verweist darauf, dass seine Burger genauso viel Protein und mehr Eisen enthalten im Vergleich zu einer entsprechenden Menge Rindfleisch.

Selbst Ethan Brown kann sich Spitzen gegen Impossible nicht verkneifen. Als 2017 in der "New York Times" ein kritischer Artikel über Impossible Foods erschien, stellte der Beyond-Chef die Unterschiede zwischen den beiden Unternehmen klar: Beyonds Produkte seien frei von Soja und Gluten, frei von genetisch veränderten Organismen und würden ohne Tierversuche entwickelt.

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Gerade die letzten beiden Vorwürfe machen Impossible Foods auch viele Umweltschützer. Impossible verändert die Genstruktur der Häme, um sie mit Hefe kombinieren und fermentieren lassen zu können, statt sie direkt aus Sojapflanzen zu gewinnen.

"Wir müssen in Lösungen investieren, die erwiesenermaßen nachhaltig für Menschen und Umwelt sind. Nicht in die, die von PR und Investorenhype angetrieben werden", sagte Dana Perls, Landwirtschaftsaktivistin für die Umweltorganisation Friends of the Earth.

Zulassung für Impossible-Foods-Produkte in der EU im September 2019 eingereicht

Laut Moses will Impossible durch den Einsatz der genveränderten Pflanzen aber die Umwelt schützen: "Wir verringern so den Verbrauch von Soja und damit Rodungen, um Platz für Soja-Monokulturen zu schaffen", sagt die Agrarwissenschaftlerin.

Und Versuche an Ratten waren laut Unternehmensangaben nur in früheren Jahren notwendig: um nachzuweisen, dass die genetisch veränderten Proteine nicht schädlich für ihre Konsumenten sind. Zum selben Urteil kam auch die US-Regulierungsbehörde FDA, als sie die Impossible-Produkte 2019 für den Verkauf in Supermärkten freigab.

In der EU dürfte das Gentechnik-Thema allerdings noch haariger für Impossible Foods werden. Während in den USA der Großteil der Sojaernte ohnehin schon gentechnisch verändert ist, gibt es in Europa strenge Auflagen für die grüne Gentechnik. Impossible hat die Zulassung für seine Produkte in der EU im September 2019 eingereicht, seitdem läuft die Prüfung. Beyond Meat verkauft seine Beyond-Burger dagegen schon seit 2018 in Europa.

In Asien lief die Zulassung für Impossible schneller an. Seit Oktober darf das kalifornische Start-up seine Produkte in Supermärkten in Hongkong und Singapur verkaufen. "Schwellenländer sind ein Riesenfokus für uns", sagt Rebekah Moses, "weil dort der Fleischkonsum mit zunehmendem Wohlstand explodiert."

Um diesen Bedarf fleischlos decken zu können, muss Impossible Foods wachsen. Im März, in den ersten Tagen der Pandemie, schloss das Unternehmen noch eine Finanzierungsrunde über 500 Millionen Dollar ab, die Impossible Foods mit rund vier Milliarden Dollar bewertet.

Preisparität im Jahr 2023

Die Kriegskasse dürfte damit erst mal gefüllt sein für die globale Expansion und Forschung an weiteren Produkten. "Wir können nicht bei Hackfleischprodukten stehen bleiben, sondern brauchen auch Steak, weil das auch Teil der Rinderverarbeitungskette ist", sagt Moses.

Geschnittenes Fleisch zu imitieren sei aber ungleich schwieriger. Tiere hätten in Tausenden Jahren als Jäger viel längere Fasern entwickelt als Pflanzen, aus denen das Impossible-Steak hergestellt werden müsse – an diesem Problem arbeiten die Forscher nun.

Neben der eigenen Produktion im kalifornischen Oakland nahe der Zentrale in Redwood City lagert Impossible inzwischen auch seine Produktion an Firmen aus, die sonst Tiere schlachten. Je größer die Produktion, desto effizienter und umweltschonender sei sie auch, sagt Moses.

Deshalb konnte das Unternehmen im Mai seine Großhandelspreise um 15 Prozent senken. Bei Burger King kostet der "Impossible Whopper" mit drei Dollar nur einen mehr als die Fleischvariante. Beyond-Meat-Chef Brown peilt für seine Produkte Preisparität mit Fleischprodukten im Jahr 2023 an.

Neben dem Ziel, größer, globaler und günstiger zu werden, will Moses ein Ziel nicht vernachlässigen: noch grüner zu werden. So werde gerade ein System in die Produktion eingeführt, um den – im Vergleich zur Rinderzucht ohnehin geringen – Wasserverbrauch in der Häme-Produktion zu verringern. "Wir wollen den Verbrauchern zeigen, dass wir uns weiterhin anstrengen", sagt Moses.

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