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Bundesregierung stellt 50 Millionen Euro für neue Corona-Medikamente bereit

Gillmann, Barbara Hofmann, Siegfried
·Lesedauer: 4 Min.

Impfstoffe allein reichen laut Forschungsministerin nicht, um Corona in den Griff zu bekommen. Daher will Karliczek die Entwicklungen von Medikamenten beschleunigen.

Weltweit war die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19 bisher nicht besonders erfolgreich. Die Bundesforschungsministerin will nun die klinischen Test für solche Präparate beschleunigen.  Foto: dpa
Weltweit war die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19 bisher nicht besonders erfolgreich. Die Bundesforschungsministerin will nun die klinischen Test für solche Präparate beschleunigen. Foto: dpa

Damit neu entwickelte Covid-19-Medikamente schnell klinisch getestet werden können, stellt Bundesforschungsministerin Anja Karliczek mindestens 50 Millionen Euro bereit.

Es gebe mittlerweile 19 Projekte, von denen zumindest einige so weit seien, „dass sie es bis zur Zulassung schaffen können, wenn wir sie weiter unterstützen“, wie die CDU-Politikerin sagte. Förderanträge können bis zum 17. Februar eingereicht werden, Bewilligungen seien auch vorher möglich. Das Förderprogramm ist auf zwei Jahre angelegt.

Karliczek verteidigte die Förderung von Medikamenten zugleich gegen den Einwand, dass diese nun, da es einen Impfstoff gibt, womöglich überflüssig seien. „Trotz der weltweiten Impfung werden wir das Problem sicher nicht vollständig eliminieren können“, sagte Karliczek, denn „die Ausrottung eines Virus ist eine langwierige Geschichte“. Solange müsse man „etwas tun, um die Erkrankung in irgendeiner Weise beherrschbar zu machen“.

Medikamente sind auch in Zukunft vor allem dann nötig, wenn sich zu viele Menschen nicht impfen lassen und so die Herdenimmunität nicht erreicht wird, die auch Nichtgeimpfte schützt. Dazu müssten sich jedoch 60 bis 70 Prozent einer Bevölkerung impfen lassen. Das gilt selbst in Deutschland aktuell als sehr ambitioniert.

Bisher gibt es keine wirklich wirksamen Mittel für schwer an Covid-19 Erkrankte. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts sind nach einer deutschen Studie von 10.021 Krankenhauspatienten 22 Prozent gestorben. Bei denjenigen, die beatmet werden mussten, sogar mehr als die Hälfte. Einer internationalen Studie zufolge liege die Todesrate bei Intensivpatienten sogar bei einem Drittel.

Weltweit mehr als 3000 klinische Studien

Anders als die Impfstoffentwicklung war die Suche nach Medikamenten gegen Covid-19 trotz weltweit mehr als 3000 klinischer Studien bisher nur mäßig erfolgreich. Das einzige wirksame Medikament ist bisher der altbewährte Kortison-Wirkstoff Dexamethason.

Nach Daten aus der umfangreichen Recovery-Studie der Oxford University senkte er die Sterblichkeit bei mechanisch beatmeten Covid-Patienten um ein Drittel und bei nicht invasiv beatmeten Patienten um 25 Prozent.

Bei vielen anderen Medikamenten dagegen haben sich die anfänglichen Hoffnungen auf eine Wirksamkeit gegen Covid nicht bewahrheitet. Dazu gehört etwa das von US-Präsident Donald Trump und dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vehement beworbene Malaria-Medikament Hydroxychloroquin.

Die dafür zunächst erteilte Notfallzulassung hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA schon im Juni wieder widerrufen. Es sei „unwahrscheinlich“, dass das Mittel wirksam sei, zudem habe es „ernsthafte“ Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, extrem niedrigen Blutdruck und Muskel- oder Nervenschäden.

Auch etliche etablierte Medikamente gegen Autoimmunerkrankungen, die zu starke Immunreaktionen dämpfen können (wie etwa das Rheumamittel Actemra von Roche), zeigten in klinischen Studien keine Vorteile für schwer kranke Covid-Patienten.

Die Wirkung des eigens zur Covid-Behandlung zugelassenen antiviralen Wirkstoffs Remdesivir des US-Konzerns Gilead gilt als umstritten. Einer großen US-Studie zufolge haben sich stationär behandelte Covid-Patienten mit Remdesivir zwar schneller erholt als andere, ein Überlebensvorteil konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Eine große WHO-Studie ergab sogar, Remdesivir habe gar keinen Einfluss auf Mortalität oder Behandlungsdauer. Einige Hoffnungen richten sich nun auf Antikörper-Wirkstoffe, die die Wirkung des Immunsystems nachahmen und überwiegend auch aus Antikörpern abgeleitet wurden, die man aus dem Blut von Covid-Genesenen extrahierte.

Zwei solcher Antikörper-Medikamente, Produkte der US-Firmen Eli Lilly und Regeneron, sind in den USA inzwischen zugelassen. Doch bringen sie offenbar nur etwas bei relativ frühem Einsatz, nicht bei schwer erkrankten Covid-Patienten.

Eine Reihe junger Biotechfirmen

Der Bedarf an besseren Therapie-Optionen bleibt daher hoch. Engagiert sind auch zahlreiche deutsche Firmen. Neben dem Pharmakonzern Boehringer Ingelheim gehören dazu insbesondere eine Reihe junger Biotechfirmen, wie etwa die Jenaer Firma Inflarx, die ihren entzündungshemmenden Wirkstoff IFX-1 in einer Phase-3-Studie gegen schwere Covid-Verläufe testet.

Die Biotechfirma Atriva will in Kürze eine Phase-2-Studie mit einem Wirkstoff starten, der gleichzeitig die virale Vermehrung hemmt und überschießende Entzündungen in der Lunge bremst. Auch die Wuppertaler Aicuris und die Münchener Firma Immunic testen potenzielle Covid-19-Medikamente in klinischen Studien.

Die vier Unternehmen starteten im Dezember die Initiative BEAT-COV und forderten, die klinische Entwicklung, Produktion und Markteinführung von Medikamenten gegen Covid deutlich stärker zu fördern.

Erforderlich ist nach ihrer Einschätzung dafür ein Fördervolumen von 500 bis 750 Millionen Euro. Davon bleibt die Bundesregierung mit ihrem neuen Programm noch weit entfernt.t.