Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    13.335,68
    +49,11 (+0,37%)
     
  • Euro Stoxx 50

    3.527,79
    +16,85 (+0,48%)
     
  • Dow Jones 30

    29.910,37
    +37,90 (+0,13%)
     
  • Gold

    1.788,10
    -23,10 (-1,28%)
     
  • EUR/USD

    1,1970
    +0,0057 (+0,4788%)
     
  • BTC-EUR

    14.767,99
    +58,35 (+0,40%)
     
  • CMC Crypto 200

    333,27
    -4,23 (-1,25%)
     
  • Öl (Brent)

    45,53
    -0,18 (-0,39%)
     
  • MDAX

    29.374,63
    +228,52 (+0,78%)
     
  • TecDAX

    3.128,52
    +43,04 (+1,39%)
     
  • SDAX

    13.835,35
    +136,47 (+1,00%)
     
  • Nikkei 225

    26.644,71
    +107,40 (+0,40%)
     
  • FTSE 100

    6.367,58
    +4,65 (+0,07%)
     
  • CAC 40

    5.598,18
    +31,39 (+0,56%)
     
  • Nasdaq Compositive

    12.205,85
    +111,44 (+0,92%)
     

„Wir brauchen eine Gefahrenzulage für Testpersonen“

·Lesedauer: 5 Min.

Rund 37 Millionen Euro investiert Großbritannien in seine umstrittene „Human Challenge“-Studie. Nur etwa ein Tausendstel davon wird an die Probanden ausgeschüttet. Wie viel die Testpersonen verdienen sollten.

Sandro Ambühl ist Professor für Verhaltensökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich (UZH). Er promovierte an der Universität Stanford und lehrte als Assistenzprofessor an der Universität Toronto Scarborough, bevor er Anfang 2020 ans UZH wechselte. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit finanziellem Entscheidungsverhalten und entwickelt ökonomische Richtlinien sowie Anreizsysteme für den Warenaustausch auf ethisch sensiblen Märkten, wie für die Organspende oder die Medikamentenversorgung. Ambühls Arbeiten beruhen auf verhaltensökonomischen Experimenten, mit deren Hilfe er Handlungsempfehlungen für Wirtschaft und Politik entwirft.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Ambühl, für wie viel Geld würden Sie sich in einer Corona-Studie gezielt mit dem Virus infizieren lassen?
Sandro Ambühl: Ganz ehrlich, ab 10.000 Euro würde ich wohl darüber nachdenken. Aber ich würde niemals Ja oder Nein sagen, ohne mich vorher gründlich über die Studie und ihre Risiken zu informieren. Und das sollte auch sonst niemand tun.

Sie haben vor Kurzem mit dem Nobelpreisträger Alvin Roth und dem Kölner Verhaltensökonom Axel Ockenfels ein Positionspapier zur Bezahlung von Impfstoff-Probanden vorgelegt. Was liegt da im Argen?
Im Moment gibt es viele Regeln, die die Bezahlung von Studienteilnehmern entweder ganz verbieten oder stark einschränken. Diese Restriktionen beruhen jedoch nicht auf wissenschaftlicher Evidenz, sondern auf ethischen Argumenten und Bauchgefühlen. Ein oft genannter Kritikpunkt ist zum Beispiel, dass sich Interessenten zu einer unüberlegten Teilnahme hinreißen lassen und ihre Entscheidung nachträglich bereuen, wenn man ihnen hohe Geldbeträge zahlt.

Ist die diese Sorge nicht gerechtfertigt? Dass einkommensschwache Menschen aus reiner Geldnot teilnehmen, ist ja nicht völlig von der Hand zu weisen.
Ich habe dazu einige Laborexperimente durchgeführt. Diese zeigen ganz klar, dass höhere Anreize nicht zu schlechteren Entscheidungen führen oder die Teilnahmeentscheidung öfter bereut wird. Außerdem ist die vorherrschende ethische Position, dass man Probanden entweder gar nicht oder nur mit sehr kleinen Beträgen entlohnen soll, weit von der Sichtweise der Bevölkerung entfernt. Viele empirische Studien zeigen, dass die meisten Menschen diese moralischen Bedenken nicht teilen. Ein Großteil der Leute findet vielmehr, dass die Studienteilnahme eine Form der Arbeit ist – und dementsprechend entlohnt werden muss.

Die Bezahlung von Corona-Studienteilnehmern ist für Sie also ethisch vertretbar?
Ich bin kein Ethiker. Alles was ich sagen kann ist, dass einige Verhaltensannahmen, mit denen man moralische Argumente rechtfertigt, empirisch zutreffen. Viele aber auch nicht. Es stimmt zum Beispiel, dass man die Höhe der Bezahlung vorsichtig festsetzen muss. Einerseits lockt eine hohe Bezahlung mehr Probanden an. Für die Forscher ist das positiv. Andererseits haben unsere Analysen gezeigt, dass sich bei höherer Bezahlung auch eine andere Gruppe von Leuten für die Teilnahme zu interessieren beginnt. Nämlich jene, für die es intellektuell schwieriger ist, die möglichen Konsequenzen der Teilnahme richtig zu verstehen.

Wie können Impfstoffforscher dem vorbeugen?
Wir empfehlen sogenannte „Informed Consent Requirements“, eine Art Einverständniserklärung, die jeder abgeben muss, der an einem klinischen Test teilnehmen möchte. Das bedeutet nicht, dass einfach irgendein Formular unterschrieben werden muss. Stattdessen prüfen die Wissenschaftler sehr intensiv, ob der Proband wirklich versteht, auf was er sich einlässt, ob er die Risiken wahrnimmt und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten richtig einschätzt.

Hört sich an wie ein Aufnahmetest.
Wissenschaftler diskutieren derzeit, wie man eine solche Überprüfung am besten durchgeführt. Eine Möglichkeit ist, dass der Teilnehmer an verschiedene Gesprächen mit medizinischen und psychologischen Experten führt. So läuft es heute schon zum Beispiel bei Lebendorganspendern in den USA. Solche Gespräche stellen sicher, dass es keine Informationsasymmetrien gibt und der Teilnehmer seine Entscheidung rational trifft.

Verglichen mit gängigen Impfstoffstudien gelten Corona-Challenges als riskant. Muss man die Teilnehmer nicht auch deshalb gut bezahlen?
Höhere Risiken sollten auf jeden Fall höher kompensiert werden. Empirische Studien haben gezeigt, dass potenzielle Teilnehmer davon ausgehen, dass Tests mit höherem Risiko entsprechend besser bezahlt sind. Leider erlauben das die geltenden ethischen Richtlinien nicht. Sie verbieten es, höheres Risiko finanziell auszugleichen und verleiten dadurch die Interessenten zu Trugschlüssen: Bei einer niedrigen Bezahlung läuft man Gefahr, dass der Proband das Risiko zu niedrig einschätzt und sich für eine Studie einschriebt, an der er eigentlich gar nicht hätten teilnehmen wollen.

Wie also könnte ein angemessener Lohn für Probanden aussehen?
Wir schlagen einen dreiteiligen Vertrag vor: Zunächst bekommt der Proband ein klassisches Gehalt für seinen Zeitaufwand. Dieses Gehalt wird je nach Studie so angepasst, dass es alle Unannehmlichkeiten wie zum Beispiel Schmerzen während des Testzeitraums berücksichtigt. Zusätzlich erhält jeder Teilnehmer eine Versicherung, die mögliche Folgekosten übernimmt. Dazu zählen etwa die Kosten für zukünftige medizinische Behandlungen, aber auch sonstige Ausgaben, die nötig sind, damit der Teilnehmer trotz Folgeschäden sein Leben möglichst unverändert fortführen kann. Und drittens gibt es eine Ex-ante-Entschädigung für Risiken, die nachträglich nicht kompensiert werden können. Das wäre der Fall, wenn die Gefahr besteht, dass der Teilnehmer stirbt. Das klingt dramatisch, ist aber ein Risiko, das auch bei vielen gewöhnlichen Berufen wie bei der Arbeit auf dem Bau besteht – und auch dort entsprechend kompensiert wird.

Wie was bedeutet das in Euro und Cent?
Da würde ich meinen Kollegen rund um Julian Suvalescu von der Oxford Universität zustimmen. Sie sagen, dass der Stundenlohn eines Probanden dem eines ungelernten Arbeiters in dem Land entsprechen sollte, in dem die Studie stattfindet. Diesen Stundensatz müsste man entsprechend der Risiken anpassen – also eine Art Gefahrenzulage schaffen, die es auch für Polizisten oder Bauarbeiter gibt. Da kann man auf Modelle zurückgreifen, die etwa die öffentliche Verwaltung schon heute nutzt, um Risiken für Leib und Leben monetär zu bewerten.

Mehr zum Thema: Ein Impfstoff gegen das Coronavirus scheint gefunden. Die Euphorie ist groß. Doch zu viele Fragen sind noch ungeklärt.