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Die Blockaden der „Letzten Generation“ sind ein Segen für die Mobilitätswende

Aktivisten, die sich auf der Autobahn festkleben, sind ein Ärgernis für viele Autofahrer. - Copyright: Getty Images / Sean Gallup
Aktivisten, die sich auf der Autobahn festkleben, sind ein Ärgernis für viele Autofahrer. - Copyright: Getty Images / Sean Gallup

Die Protestaktionen von Klimaaktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ erhitzt die Gemüter. Soll es strafbar sein, sich auf der Straße festzukleben? Sollen Demonstranten ins Gefängnis gesteckt werden, wenn sie absichtlich den Verkehr behindern? Es gibt nicht wenige Menschen, die das befürworten. Vor allem jene, die in den Staus stehen, die durch die Blockaden verursacht werden. Der Ärger der Befürworter ist ebenso verständlich wie die Wut der meist jungen Aktivisten, die ihre Lebensgrundlage durch die Klimakrise bedroht sehen. Der Konflikt teilt Deutschland in zwei Lager.

Nun ist Protest immer unbequem. Das soll er auch sein, andernfalls ist er zwecklos. Dass der Verkehr im Zentrum der Aktivisten steht, ist auch kein Zufall. 26 Prozent aller CO₂-Emissionen in der EU werden verursacht durch den Autoverkehr. Weltweit sind es knapp 18 Prozent. Gelänge es, diese Emissionen gen null zu drücken, wäre man dem Ziel näher, das erhoffte 1,5 Grad-Ziel zu erreichen. Daher ist es nachvollziehbar, dass sich der Protest derzeit mit aller Härte gegen den Verkehr wendet.

Die Proteste greifen zu kurz

Das Interessante an den Protesten: Sie zeigen die Grenzen der Infrastruktur auf. Gut platzierte Manöver auf Ausfallstraßen genügen, um erhebliche Verkehrsprobleme zu provozieren. Das veranschaulicht zwei Dinge: Erstens ist die Verkehrsinfrastruktur schon heute bis weit über ihre eigenen Grenzen belastet. Zweitens hat sich die Gesellschaft zu lange auf das Auto als alleiniger Problemlöser verlassen.

Der Pendelverkehr zwischen Außenbezirken und Städten hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Die jüngste Erhebung der Arbeitsagentur aus dem Juni 2021 weist 13,3 Millionen Menschen aus, die ihren Wohnkreis verlassen, um in einem anderen Kreis der Arbeit nachzugehen. Das entspricht mehr als 40 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Vor allem in den großen Metropolen wie Berlin und München hat die Zahl in den vergangenen Jahren zugenommen.

Ein Grund sind die gestiegenen Mieten, die viele Familien zum Umzug in Randbezirke und Vorstädte zwingt. Anders als im Zentrum ist der öffentliche Nahverkehr dort jedoch kaum bis gar nicht vorhanden. Die Folge: Menschen sind umso mehr auf ein Auto angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Selbst in Städten wie in Berlin, wo die Zahl der Autos pro 1.000 Einwohner immer noch deutlich niedriger ist als im übrigen Bundesgebiet, führt die gestiegene Anzahl der Fahrzeuge zu massiven Verkehrsproblemen.

Die Infrastruktur muss sich ändern

Die Proteste der Gruppe „Letzte Generation“ legen also schonungslos offen, wie schlecht es um die Alternativen zu Autos bestellt ist. Es gibt sie schlichtweg nicht. Das macht die Proteste im Grunde überflüssig, schließlich wird sich so schnell nichts an der Dominanz des Autos ändern. Aber sie helfen, ein Schlaglicht auf die Probleme zu werfen. Womöglich hilft das geplante 49-Euro-Ticket. Es macht das Pendeln mit der Bahn attraktiver und ist deutlich günstiger als ein Auto. In Zeiten, in denen vor allem die Energiepreise steigen, zählt für viele Familien jeder Euro und hier wird das Ticket eine Entlastung bringen. Aber es wird nicht die fundamentalen Probleme lösen, die wir mit dem Verkehr haben.

Denn eines ist klar: Der Autoverkehr aus Vorstädten und Speckgürteln wird nicht von heute auf morgen eingedämmt werden können. Das Augenmerk der Politik muss daher darauf liegen, den Verkehr in Innenstädten spürbar zu reduzieren. Für Kommunen und Städte ist das auch keine unlösbare Aufgabe: Schon jetzt haben sie verschiedene Mittel, beispielsweise die Umwandlung oder Sperrung von kleinen Seitenstraßen oder die Erhöhung der Parkgebühren. Auch die Förderung bisher unterrepräsentierter Mobilitätsformen wie Carsharing, E-Mopeds und Fahrräder ist noch längst nicht ausgeschöpft.

Und genau darin steckt die eigentliche Botschaft von Klimaaktivsten wie der Gruppe „Letzte Generation“: Sie offenbaren nicht nur die Probleme, die viele Städte mit dem Verkehr haben. Sie zeigen auch, dass viele Verwaltungen noch immer zu zögerlich sind, wenn es darum geht, endlich etwas gegen den klimaschädlichen Autoverkehr in den Städten zu tun. Dafür sollten wir dankbar sein.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.