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Der Bitcoin geht wieder auf Rekordjagd

·Lesedauer: 10 Min.

2020 sind die Großinvestoren am Kryptomarkt eingestiegen. 2021 könnten Bitcoin und Co. weiter steigen – und Privatanleger von neuen regulierten Anlagen profitieren.

Schluss, aus, vorbei! „Danke für den Fisch und das großzügige Trinkgeld“: Mit einer Anspielung auf die Kult-Romanreihe „Per Anhalter durch die Galaxis“ des Briten Douglas Adams verabschiedete sich die älteste Bitcoin-Kneipe der Welt vor Kurzem von ihren Stammkunden.

Die galaktische Zukunft, sie war für Bitcoin-Fans im „Room 77“ immer zu greifen. Die schummrige Kneipe in Berlin-Kreuzberg war mit ihrem Anarcho-Charme über neun Jahre hinweg so etwas wie die inoffizielle Bitcoin-Botschaft in Deutschland. Im Herbst 2020 schloss sie ihre Pforten. Manche führen das auf Corona zurück, andere glauben, der Besitzer habe schlicht ausgesorgt.

Auf jeden Fall wirkt das Aus für den „Room 77“ anachronistisch, denn der Bitcoin floriert, zumindest wenn man die rasante Rekordjagd der vergangenen Wochen als Maßstab nimmt. Wenige Tage nach dem Sprung über die Marke von 20.000 Dollar nimmt die Kryptowährung die nächste Schwelle ins Visier.

Die älteste und wichtigste Cyberdevise stieg am Montag um zwölf Prozent auf 27.329 Dollar, nachdem sie am Wochenende zeitweise auf ein Rekordhoch von 28.382 Dollar geklettert war. „Befeuert wird die Rally derzeit von Privatinvestoren, die sich über die Weihnachtsfeiertage mit digitalen Talern eingedeckt haben, da die traditionellen Märkte ihre Börsenpforten geschlossen hatten“, meint Analyst Timo Emden von Emden Research.

Allein im abgelaufenen Jahr verdreifachte sich der Wert des Bitcoins. Für viele Experten ist 2020 das Jahr, in dem die Kryptowährung endgültig erwachsen wurde. Auch wenn die nächste Kursflaute zu erwarten ist: Für professionelle Investoren könnte sich ein Markteinstieg auch im kommenden Jahr lohnen. Und Privatanleger dürften von neuen, regulierten Anlagen profitieren.

Die bewegte Vergangenheit der Cyberdevise kennt kaum einer so gut wie Oliver Flaskämper, Gründer des zweitältesten noch existierenden Bitcoin-Marktplatzes der Welt, Bitcoin.de. Flaskämper erinnert sich an viele feuchtfröhliche Abende im „Room 77“: „Ich habe so manches Einfamilienhaus dort gelassen.“ 2012, 2013 war er regelmäßig da zum Bitcoin-Stammtisch. An jedem ersten Donnerstag im Monat erlaubte Wirt Jörg Platzer augenzwinkernd nur Bitcoin-Zahlungen. Ein Burger, ein paar Bier: Schnell war Flaskämper 15 Bitcoin los, damals 30 Euro, heutiger Gegenwert: 350.000 Dollar.

Flaskämper bereut nichts: „Das Room 77 war das Zentrum des Kryptouniversums. Viele waren wirklich überzeugt, ein neues Finanzsystem aufzubauen. Die Zeiten kommen nicht wieder“, sagt er etwas wehmütig.

Bitcoin-Kritiker rudern zurück

Der Traum vom alternativen Finanzsystem ist zwar ausgeträumt, dafür ist der Bitcoin aber in der Normalität der Kapitalmärkte angekommen. Selbst die größten Kritiker, die Bitcoin und Co. vor einigen Jahren noch als Betrug oder Schneeballsystem bezeichnet hatten, korrigierten sich zuletzt. So sagte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon im November in New York, der Bitcoin sei zwar weiterhin „not my cup of tea“, „nichts für mich“. Aber mit Blick auf die dezentrale Datenbanktechnik, die dem Bitcoin und anderen Kryptowährungen wie Ethereum zugrunde liegt, erklärte er: „Die Blockchain wird zentral dafür sein, dass Leute schneller Geld um den Globus schicken können.“ Und „sehr schlaue Leute“ investierten inzwischen in Bitcoin. „Lasst sie das tun“, so Dimon.

Möglich ist, dass der Topbanker schon allein deshalb positiver auf Bitcoin und Co. blickt, weil er die eigenen Kunden nicht vergraulen will. 2020 sind so viele Großinvestoren eingestiegen wie nie zuvor. „Viele hatten die Hoffnung, dass sich die Kryptomärkte von der Entwicklung an den sonstigen Finanzmärkten entkoppeln“, sagt Flaskämper. Zwar sei der Bitcoin noch davon entfernt, so stabil zu sein wie physisches Gold. Aber die Volatilität des „digitalen Golds“ nehme ab.

Für 2021 rechnet Flaskämper mit weiteren Wertgewinnen der Kryptowährung, wenn auch mit deutlich gebremster Dynamik. Der Experte sagt für das kommende Jahr einen Bitcoin-Kurs von 30.000 Dollar voraus. Der Kryptoveteran hält aber auch deutlich wildere Ausschläge in Richtung 50.000 oder sogar 100.000 Dollar für nicht ausgeschlossen. Nach unten sieht er den Kurs gut abgesichert: Ein erneuter Absturz sei zwar möglich, aber die 20.000-Dollar-Marke werde seiner Meinung nach nicht mehr längerfristig unterschritten.

Einstieg von Paypal und Facebook treibt den Kryptomarkt an

Elektrisiert hat den Markt die Ankündigung des US-Bezahldiensts Paypal, Zahlungen mit Kryptowährungen zu ermöglichen. Paypal will neben Bitcoin auch Ethereum, Bitcoin Cash und Litecoin akzeptieren. Und da die Kurse vieler alternativer Kryptowährungen dem des Urvaters Bitcoin folgen, dürften auch die sogenannten Altcoins ansteigen.

Sören Hettler, Analyst bei der DZ Bank, weist darauf hin, dass das Paypal-Netzwerk inzwischen 26 Millionen Verkaufsstellen angebunden hat – viel Potenzial also für Bitcoin und Co. „Zu Beginn des Jahres wird es darauf ankommen, wie das Bitcoin-Bezahlsystem bei Paypal anläuft und ob es tatsächlich auch von den Kunden genutzt wird. Wenn sich das als praktikabel herausstellt, könnte der Kurs durchaus noch steigen“, sagt Hettler.

Simon Peters, Analyst der Handelsplattform eToro, geht davon aus, dass der neue Service von Paypal nur der Anfang einer weitaus größeren Entwicklung ist. „Paypal führt seine Nutzer nun an Kryptowährungen heran. Aber wenn Diem als Zahlungsmittel funktioniert, wird das noch weitaus größere Auswirkungen haben“, sagt Peters. „Diem“, so heißt inzwischen die Kryptowährung des sozialen Netzwerks Facebook und seiner 26 Partner.

Bekannt wurde sie unter dem Namen „Libra“, doch nach scharfer Kritik am Ursprungskonzept folgte im Dezember der Neustart. 2021 könnte „Diem“ in einer abgespeckten Variante an den Start gehen: als „Stable Coin“, also als eins zu eins an den US-Dollar gebundene wertstabile Kryptowährung. Peters prognostiziert angesichts der neuen Projekte einen Bitcoin-Kurs von 70.000 bis 150.000 Dollar bis Ende 2021. Noch optimistischer ist die US-Großbank Citigroup: Sie hält sogar einen Anstieg auf 318.000 Dollar für möglich.

Traditionell gilt vor allem die im Bitcoin-Algorithmus eingebaute Obergrenze an ausgegebenen Münzen als Kurstreiber – vorausgesetzt, die Nachfrage steigt. Dass diese anzieht, ist für Sven Hildebrandt ausgemacht: „Denn einerseits wird noch weitaus mehr Geld von institutionellen Investoren in Kryptowerte fließen, als es bisher der Fall war. Andererseits wird der Bitcoin-Anteil im Portfolio bei Privatanlegern stetig weiterwachsen“, meint der Chef des Beratungshauses Distributed Ledger Consulting. Seine Kursschätzung von 100.000 Dollar sei daher noch „überaus konservativ“.

Hildebrandt glaubt, dass der Einstieg der Profi-Investoren 2021 weitergehen wird: „Immer mehr Versorgungswerke investieren nun in Bitcoin.“ Hinzu kämen Banken, Hedgefonds, Family Offices, die die Vorteile der virtuellen Währungen entdeckten.

Großinvestoren steigen in Bitcoin ein

Tatsächlich: Ein Blick in die Statistik zeigt, dass 2020 vor allem die Großinvestoren den Kryptomarkt beflügelt haben – im Unterschied zum letzten Hype vor drei Jahren.

Der „Whale-Index“ des Vermögensverwalters Grayscale hat zuletzt ein Rekordhoch erreicht. Als „Wal“ werden die Halter besonders hoher Bitcoin-Konten bezeichnet. Laut Grayscale gibt es inzwischen mehr als 2200 Großdepots, auf denen mindestens 1000 Bitcoin liegen. Das sei ein Plus von 37 Prozent im Vergleich zu 2018.

Ein weiterer Hinweis auf die wachsende Nachfrage institutioneller Anleger liefert der Anstieg beim Handelsvolumen mit Bitcoin-Terminkontrakten an der US-Börse CME. Die Futures waren Ende 2017 eingeführt worden. Mitte November 2020 wurden laut dem Datenanbieter Skew erstmals binnen einer Woche Futures im Volumen von über einer Milliarde Dollar gehandelt.

Nicht einmal die Turbulenzen um die Kryptowährung XRP konnten den jüngsten Höhenflug des Bitcoins stoppen. Der Kurs brach um etwa ein Viertel ein, nachdem die US-Börsenaufsicht SEC kurz vor Weihnachten Anklage gegen die Muttergesellschaft Ripple erhoben hatte. Der Vorwurf: XRP sei aufsichtlich als Wertpapier einzustufen, und damit seien Transaktionen mit privaten Anlegern im Volumen von 1,8 Milliarden Dollar als irregulär einzustufen. Ripple wies die Anschuldigungen zurück und bezog sich darauf, dass XRP eine Währung sei und deswegen nicht als Investmentvehikel registriert werden müsse.

Geht die Rally 2021 weiter? Nicht alle Experten glauben daran. „Der Bitcoin-Boom ist vor allem auf spekulative Entwicklungen und fehlendes Kurspotenzial bei anderen Anlageklassen zurückzuführen“, mahnt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität. „Der Kurs entspricht einer sich selbst verstärkenden Blase, die immer wieder anschwillt, dann aber erneut in sich zusammenfällt.“ Fundamentale Preisfaktoren fehlten. „Der Bitcoin ist kein digitales Gold. Dafür ist schon die Volatilität viel zu hoch.“

Das gestiegene Interesse der Profi-Investoren erklärt Brühl vor allem mit der hohen Liquidität am Markt. „Das viele Geld sucht nach Anlagemöglichkeiten. Die Aktienmärkte sind sehr hoch bewertet, die Anleihen haben aufgrund der Niedrigzinsen kaum Luft nach oben. Daher bleiben Rohstoffe und alternative Anlagen wie der Bitcoin“, sagt Brühl. Dieser wirke auf spekulatives Geld besonders anziehend.

Kommt nach Corona die Flaute auf dem Kryptomarkt?

Der Frankfurter Wirtschaftsforscher warnt vor einer Korrektur: „Die Coronakrise hat als Kursbeschleuniger für alternative Anlagen fungiert. Doch wenn sich die Wirtschaft 2021 von Covid erholt, dann wird sich das dämpfend auf den Kryptomarkt auswirken.“ Stiegen beispielsweise die Aktienmärkte wieder, dann würden viele Großanleger Teile ihrer Liquidität aus den Kryptowährungen abziehen.

Gegenwind zeichnet sich auch in den USA ab. Die Trump-Regierung will in den letzten Wochen noch neue Vorschriften einführen, nach denen Kryptobörsen wie Coinbase zusätzliche Daten über ihre Nutzer erheben sollen. Die Demokraten unter Trumps Nachfolger Joe Biden, der am 20. Januar ins Amt eingeführt wird, stehen grundsätzlich für strengere Regulierungsvorschriften – auch bei digitalen Währungen.

Janet Yellen, die frühere Notenbankchefin, die unter Biden Finanzministerin werden soll, hat sich in der Vergangenheit skeptisch gegenüber dem Bitcoin geäußert. Gary Gensler, der Bidens Transition-Team für Finanzthemen leitet, ist ein Krypto-Experte. Er berät die Digital Currency Initiative an der Elite-Uni MIT und ist einer der Kandidaten für den Chefposten der Börsenaufsicht. Das heißt auch, dass er schnell erkennen könnte, wo die Branche reguliert und gebändigt werden muss.

Finanzprofessor Brühl sieht eine weitere Entwicklung, die den Markt für alternative Anlagen umkrempeln könnte: die Ausgabe staatlich regulierter Token, etwa Aktien oder Anleihen auf Basis der Blockchain-Technologie, die auch hinter dem Bitcoin steckt. „Durch gesetzgeberische Maßnahmen werden neue Anlagen salonfähig. Zu diesen zählen Token als Alternativinstrument der Unternehmensfinanzierung“, erläutert der Experte. Diese Instrumente könnten Mittelständlern wie Großkonzernen die Finanzierung erleichtern und aufgrund niedriger Ausgabekosten höhere Renditen bieten. Das könnte auch für Privatanleger attraktiv sein, glaubt Brühl.

Die Bundesregierung plant bereits die Einführung mit dem Gesetz für elektronische Wertpapiere (eWpG). Es ermöglicht erstmals die Ausgabe von Inhaberschuldverschreibungen auf Blockchain-Basis. Das Kabinett hat den Regierungsentwurf Ende Dezember verabschiedet, in den kommenden Monaten soll er im Bundestag beraten werden.

Bitcoin.de-Gründer Flaskämper: „Der Bitcoin hat beinharte Fans“

Der Gesetzentwurf sieht in seiner neuesten Fassung noch eine weitere Innovation vor: Nicht nur bei Schuldverschreibungen wird das Urkundenerfordernis abgeschafft, sondern auch bei Investmentfondsanteilen. Diese dürfen erstmals elektronisch begeben werden, wenn auch nicht auf Blockchain-Basis. Vor einer solchen „Tokenisierung“ müssten erst noch die Auswirkungen der Blockchain-Technik „auf das Dreiecksverhältnis Fonds, Anleger und Verwahrstelle“ geklärt werden, erklärt das Bundesfinanzministerium.

FDP-Finanzexperte Frank Schäffler geht die Öffnung nicht weit genug. Seine Fraktion will mit einem eigenen Antrag, der dem Handelsblatt vorliegt, Druck machen. Die Bundesregierung müsse „einen innovationsfreundlichen Rechtsrahmen für Kryptoassets schaffen – digitale Wertpapiere aller Art ermöglichen“, heißt es darin. Ansonsten „verliert Deutschland vollends seinen Standortvorteil hinsichtlich der Blockchain-Technologie“, erklärt Parlamentarier Schäffler.

Frank Dornseifer, Chef des Bundesverbands Alternative Investments, glaubt, dass Kryptoaktien schneller kommen, „als wir denken“. Digitale Assets würden künftig „als typische Wertpapiere behandelt, sodass sich die Investoren in bekanntem Terrain befinden. Oder sie unterliegen einer eigenen neuen Regulierung, die früher oder später auf breite Akzeptanz stößt“, so seine Prognose. Damit werde auch in Deutschland die Zurückhaltung der Investoren bei „digitalen Assets“ enden.

Was heißt all das auf lange Sicht für den Urvater der Kryptowelt? Bleibt der Bitcoin auf der Strecke, irgendwo zwischen Facebooks „Diem“ und neuen regulierten Token? Bitcoin.de-Gründer Flaskämper glaubt daran nicht. Zwar sei der Stammtisch im „Room 77“ Geschichte. Aber: „Der Bitcoin hat beinharte Fans, die ihm die Treue halten.“ Die Kryptowährung könne „niemand mehr aufhalten“.