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"Ein bisschen verwirrend": Corona-Impfstoffe sind bei Frauen etwas weniger wirksam als bei Männern

·Lesedauer: 8 Min.
Ein Arzt verabreicht den Covid-19-Impfstoff von Moderna.
Ein Arzt verabreicht den Covid-19-Impfstoff von Moderna.

Die 33-jährige Krankenschwester Anna Kern aus Ferndale im US-Bundesstaat Michigan erwartete nicht, dass sie sich nach zwei Dosen der Corona-Impfung noch mit Covid-19 infizieren würde. Sie ließ sich im Januar impfen, wurde dann aber im April positiv getestet. Zuvor war sie durch einen nicht geimpften Kollegen mit dem Virus in Kontakt gekommen. Seither leidet sie unter Schüttelfrost, Müdigkeit und Herzrasen.

"Man hat starke Schuldgefühle und fragt sich, was habe ich falsch gemacht? Wie hätte ich vorsichtiger sein können?" erzählt Kern. Sie fügt hinzu: "Es fühlt sich komisch an, eine statistische Anomalie zu sein."

"Durchbruchsinfektionen" sind Covid-19-Erkrankungen, die mindestens zwei Wochen, nachdem eine Person vollständig geimpft wurde, diagnostiziert werden – und tatsächlich sehr selten. Nur 0,01 Prozent der geimpften US-Amerikaner hatten bis zum 30. April eine solche. Durchbruchsinfektion entwickelt, wie aus einer aktuellen Erhebung der US Centers for Disease Control and Prevention hervorgeht. Doch die Daten verdeutlichen, dass Frauen die Mehrheit dieser Fälle ausmachen: 63 Prozent.

Dies stimmt mit klinischen Studiendaten überein, die nahelegen, dass Corona-Impfstoffe bei Frauen etwas weniger wirksam sind. Für den Impfstoff von Biontech/Pfizer etwa wurde eine Effizienz von 96,4 Prozent bei Männern und 93,7 Prozent bei Frauen festgestellt. Die allgemein bekannte Wirksamkeitsrate von 95 Prozent ist der Mittelwert aus diesen beiden Messwerten. Für den Moderna-Impfstoff wurde eine Effizienz von 95,4 Prozent bei Männern und 93,1 Prozent bei Frauen festgestellt. Und die Impfung von Johnson & Johnson reduzierte das Risiko einer mittelschweren bis schweren Covid-19-Erkrankung bei Männern um 68,8 Prozent – und bei Frauen um 63,4 Prozent.

Normalerweise haben Frauen eine stärkere Immunantwort auf Impfstoffe als Männer

Zusammengenommen sind diese Ergebnisse "ein bisschen verwirrend", sagte Sabra Klein. Sie ist Ko-Direktorin des Johns Hopkins Center for Women's Health, Sex, and Gender Research. Denn normalerweise haben Frauen eine stärkere Immunantwort auf Impfstoffe als Männer, was oft zu einem größeren Schutz führt. Forschende vermuten, dass der höhere Östrogenspiegel dabei eine Rolle spielt, da Östrogen das Immunsystem stimuliert.

Klein hat aber eine Vermutung, warum sich dieses Muster bei den Corona-Impfstoffen nicht wiederholt: Es ist möglich, dass die Impfungen bei Frauen weniger wirksam gegen Coronavirus-Varianten sind als bei Männern. Fünf besorgniserregende Varianten haben den Daten zufolge die Mehrzahl der Durchbruchsinfektionen in den USA verursacht.

Die Impfstoffe trainieren den Körper darauf, das in Wuhan identifizierte ursprüngliche Coronavirus zu erkennen, den sogenannten Wildtyp. Sie wirken also bei Frauen möglicherweise trotzdem gut gegen den Stamm. "Die Grundlage des Impfens beruht auf der Bildung einiger Gedächtniszellen. Im Falle einer Infektion mit dem Virus, sofern eine Infektion überhaupt noch möglich ist, sorgen diese dann für einen asymptomatischen Krankheitsverlauf, da das Immunsystem bereits trainiert wurde", so Klein. "Es ist also möglich, dass dieses Training und die Spezifität dieses Trainings bei Frauen größer ist als bei Männern."

Es gibt natürlich auch andere mögliche Erklärungen. So wurden bisher in den USA mehr Frauen als Männer geimpft. Außerdem sind Frauen möglicherweise eher bereit, Covid-19-Tests in Anspruch zu nehmen oder ihre Krankheit zu melden, wenn sie an Durchbruchssymptomen leiden. Frauen machen darüber hinaus auch die Mehrheit der Beschäftigten im Gesundheitswesen aus, die bei der Arbeit regelmäßig getestet werden. Insofern ist nicht auszuschließen, dass die Impfstoffe bei Frauen doch nicht weniger wirksam sind. Allerdings ist es schwer, ohne weitere Daten darüber, wie die einzelnen Geschlechter auf die Impfstoffe reagieren, eine eindeutige Antwort zu geben, so Klein.

Die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen und wie diese in Reaktion auf die Impfstoffe zum Tragen kommen könnten, hätten bisher nicht genügend Aufmerksamkeit erhalten, sagt sie. "Ich finde, dass solche Dinge definitiv nicht ausgeschlossen werden dürfen — und genau das passiert oft, weil es einfacher ist, dies für eine Verzerrung der Berichterstattung zu halten als für etwas Reales."

Auch das Alter könnte die Wirksamkeit des Impfstoffs bei Frauen beeinflussen

Nur wenige Praxisstudien haben die Wirksamkeit von Corona-Impfstoffen bei Männern im Vergleich zu Frauen im Detail untersucht. Deshalb zögern die Wissenschaftler noch mit einer Aussage darüber, ob Frauen eher an Durchbruchsinfektionen erkranken. "Insgesamt war der Prozentsatz der gemeldeten Durchbruchsinfektionen bei Frauen höher. Doch wir kennen die nach Geschlecht aufgeschlüsselten Zahlen für den Schweregrad dieser Infektionen nicht", so Vaishali Moulton. Sie ist Professorin für Medizin am Beth Israel Deaconess Medical Center.

Die Forschenden wissen außerdem nicht, ob die Wirksamkeit des Impfstoffs bei Frauen in einer bestimmten Altersgruppe besonders ausgeprägt ist. Im Durchschnitt sind Menschen mit Durchbruchsinfektionen zwischen 40 und 74 Jahre alt, so der CDC-Bericht. Die meisten Frauen kommen zwischen 40 und 60 in die Wechseljahre — das könnte also teilweise erklären, warum die Wirksamkeit des Impfstoffs in dieser Gruppe geringer war. "Wir wissen, dass die weibliche Immunität nach der Menopause definitiv abnimmt und mit einer Reduzierung des Östrogens verbunden ist", sagte Klein.

Da bis zum vergangenen Jahr noch nie ein mRNA-Impfstoff zugelassen wurde, überlegen die Forschenden auch, ob die mRNA-Technologie selbst bei den Geschlechtern unterschiedliche Immunantworten hervorrufen könnte. Eine neue Studie legt nahe, dass Männer und Frauen unterschiedlich auf die Lipidmoleküle reagieren, die mRNA-Impfstoffe verwenden, um kodierte Botschaften an den Körper zu liefern. In der Studie wurde festgestellt, dass natürliche Killerzellen — eine Art von Immunzellen, die bei der Abwehr von Infektionen helfen — in weiblichen Blutproben weniger Lipidmoleküle aufnahmen als in männlichen Proben.

Laut Klein ist es wichtig, diese geschlechtsspezifischen Unterschiede schnell zu erforschen, da weitere Durchbruchsinfektionen ein Fortschreiten der Pandemie ermöglichen könnten. "Falls wir keine gute Impfstoffwirkung bei allen Menschen erreichen können, wird es zu zwei Problemen kommen", so Klein. "Es wird weiterhin zu Durchbruchsfällen kommen und die Verbreitung wird nicht so stark eingedämmt werden können, wie wir hoffen. Und die Öffentlichkeit wird zunehmend ihr Vertrauen in den Impfstoff verlieren."

Impfstoffstudien konzentrieren sich seit jeher auf Männer

Eine schwangere Frau lässt sich impfen.
Eine schwangere Frau lässt sich impfen.

Impfstoffstudien sind traditionell auf männliche Teilnehmer ausgerichtet. Erst 1993, als der US-Kongress den "National Institutes of Health Revitalization Act" verabschiedete, wurde gesetzlich vorgeschrieben, dass auch Frauen an Studien in den USA teilnehmen dürfen. Davor wurden Frauen oft von der medizinischen Forschung ausgeschlossen. Grund dafür waren Bedenken von Ärzten und Wissenschaftlern, dass experimentelle Medikamente ein Gesundheitsrisiko für Babys darstellen könnten, wenn eine Frau während einer Studie schwanger wurde.

Außerdem befürchteten die Forschenden, dass der schwankende Hormonspiegel von Frauen die Studienergebnisse verkomplizieren könnte. 1997 empfahl die US-Arzneimittelbehörde (FDA) sogar, Frauen im reproduktiven Alter — sowie Frauen, die ledig waren, verhüteten oder deren Ehemänner sich einer Vasektomie unterzogen hatten — von Arzneimittelstudien im Frühstadium auszuschließen.

Auch heute noch werden in klinischen Studien Frauen, die verhüten, aufgrund ähnlicher Bedenken bezüglich einer Schwangerschaft bevorzugt aufgenommen, so Klein. Viele Impfstoffstudien im Frühstadium verwenden auch standardmäßig ausschließlich männliche Mäuse, um die hormonellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht berücksichtigen zu müssen. Doch auch wenn Probandinnen in die Studien einbezogen werden, gibt es keine Vorschrift, dass die Ergebnisse für Männer und Frauen getrennt analysiert werden müssen.

"Allzu oft lautet das Dogma, dass das biologische Geschlecht in diesem Zusammenhang nicht wichtig ist."

Das hat oft zur Folge, dass Frauen nicht die ideale Impfstoffdosis erhalten: Frauen brauchen zum Beispiel nur die Hälfte der Standarddosis des saisonalen Grippeimpfstoffs, um die gleiche Menge an Schutzimmunität zu erzeugen wie Männer. Infolgedessen sind Frauen anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten oder Impfstoffen. Ein Bericht aus dem vergangenen Jahr ergab, dass Frauen fast doppelt so häufig von unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten betroffen sind wie Männer. Einige dieser Probleme könnten sich jetzt bei den Corona-Impfstoffen bemerkbar machen.

In den frühen Studien zu den Impfstoffen wurden auch weibliche Tiere untersucht. Auch in den Studien am Menschen waren relativ gleich viele Männer und Frauen beteiligt. Doch die Daten zu den Nebenwirkungen waren nicht nach Geschlechtern getrennt und schwangere Frauen waren ausgeschlossen. "Egal, ob man über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder über die Schwangerschaft spricht — viele dieser Fragen hätten schon in präklinischen Studien geklärt werden können und man hätte einige dieser Dinge einfach testen können", sagte Klein. "Allzu oft lautet das Dogma, dass das biologische Geschlecht in diesem Zusammenhang nicht wichtig ist."

Daten aus dem klinischen Alltag haben ergeben, dass Frauen nach einer Corona-Impfung tendenziell schwerere Nebenwirkungen haben als Männer. Ein Bericht von Februar zeigte, dass etwa 79 Prozent der an die CDC gemeldeten Fälle von Impfstoff-Nebenwirkungen bei Frauen auftraten, obwohl insgesamt nur 61 Prozent der Dosen an Frauen verabreicht wurden. Insgesamt traten bei Frauen die meisten unerwünschten Reaktionen auf Corona-Impfstoffe auf, darunter seltene Blutgerinnsel und Anaphylaxie (eine schwere allergische Reaktion).

Dennoch hoffen Biologinnen wie Klein, dass Impfstoffforscher in naher Zukunft damit beginnen werden, weibliche Probanden genauer zu untersuchen. "Für Leute wie mich, die im erweiterten Bereich der Frauengesundheit arbeiten, hat die Pandemie zumindest einen Lichtblick gebracht: Sie macht endlich deutlich, dass die Gesundheit von Frauen über unseren Fortpflanzungstrakt hinausgeht und dass wir wirklich untersucht und mit Männern verglichen werden sollten", so Klein.

Dieser Artikel wurde von Ilona Tomić aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original lest ihr hier.

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