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Warum ich die Biontech-Aktie nicht gekauft habe — und dennoch zufrieden bin

Eine Regel, die garantiert jede Aktionärin und jeder Aktionär bricht, ist folgende: Lass die Emotionen draußen. Geld ist nun einmal ein emotionales Thema und auch, wenn man alle wichtigen Regeln kennt und befolgt, und versucht möglichst rational zu handeln, melden sich immer wieder folgende Gefühle: Angst, Gier und manchmal auch der Ärger auf sich selbst: Warum hast du die Aktie damals bloß nicht gekauft?

So geht es mir zum Beispiel mit der Biontech-Aktie. Wenn ich in mein Aktiendepot schaue, bin ich überaus zufrieden. Mit meinen Aktien und ETFs habe ich zum Großteil ein gutes Händchen gehabt. Trotzdem hör ich bei Nachrichten über Biontech innerlich das „D‘oh“ von Homer – nein, nicht der griechische Dichter, sondern Homer Simpson.

Tja, warum habe ich denn nun die Aktie damals nicht gekauft, obwohl das Unternehmen schon kurz nach Börsengang so präsent in den Medien war, wie es sonst nur Love-Brands wie Tesla, Apple oder Disney sind? Dazu muss man wissen: Die richtige Aktienauswahl ist keine Wissenschaft, sondern eine hohe Kunst. Allein in der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Standpunkte, welche Art der Aktienanalyse denn nun die richtige sei, um zu erörtern, ob eine Aktie steigen wird – oder eben nicht.

Die Aktienanalyse: fundamental oder technisch?

An der Börse wird nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft gehandelt - und wir alle wissen, wie unzuverlässig allein die Wettervorhersage für morgen manchmal sein kann. Wäre es so einfach, wie manche Börsenbriefe manchmal vorgeben – indem sie euch gegen einen dreistelligen Betrag, die zehn Aktien mit „garantiert 300 Prozent Gewinn“ vorstellen möchten – hätten wir ein paar Millionäre mehr im Land.

Die zwei bekanntesten Analysearten sind die Fundamentalanalyse und die technische Analyse. Die Fundamentalanalyse kennt ihr vielleicht von Multimilliardär Warren Buffett. Seine Lieblingslektüre sind Bilanzen von Unternehmen. Diese analysiert und vergleicht er mit dem aktuellen Aktienkurs des Unternehmens. Aus entsprechenden Kennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, dem Kurs-Buchwert-Verhältnis oder dem Gewinnwachstum, versucht man herauszufinden, welche Aktie unterbewertet ist. Man nennt diese Aktien Value-Aktien und geht davon aus, dass der breite Markt einfach noch nicht gecheckt hat, wie wertvoll das Unternehmen ist und dass sich der Aktienpreis ist der Zukunft an den Unternehmenswert anpassen wird. In guten Börsenzeiten ignorieren viele Anlegerinnen und Anleger diesen Ansatz, weil eh alles gut läuft. In schlechten Zeiten sind die Theorien vom Begründer des Value-Investings Benjamin Graham wieder hochinteressant.

Im Gegensatz zur Fundamentalanalyse steht die technische Chartanalyse. Falls euch Graham bisher unbekannt war, kennt ihr hingegen sicherlich den Begründer dieser Theorie: Charles Dow. Sein Name erscheint jeden Abend in der Tagesschau, wenn vom Dow-Jones-Index berichtet wird, dem US-amerikanischen Äquivalent zum DAX. (Für Angeberwissen: Der andere Typ hieß Edward Jones, ein Statistiker und Mitbegründer des Wall Street Journals.)

Bei der Chartanalyse legt man jedenfalls den Fokus auf den Chartverlauf, also den Verlauf vom Aktienkurs, da man annimmt, dass sich die Geschichte wiederholt und die MarktteilnehmerInnen immer gleich handeln. Dazu nutzt man Trends, Indikatoren sowie Formationen und versucht aus dem bisherigen Chartverlauf, die zukünftige Chartentwicklung vorherzusagen. Was einst mit mathematischen Formeln anfing, ist mittlerweile so ausgereift, dass sogenannte neuronale Netze bei Handelssystemen das menschliche Verhalten imitieren und voraussagen wollen.

Kunst oder Wissenschaft?

Wir haben nun also zwei grundlegende Theorien, die sich voneinander unterscheiden: die Fundamentaltheorie und die Chartanalyse. Wenn ihr euch nun von jemandem Aktientipps und -empfehlungen zu einer Aktie holt, müsst ihr wissen: Auf welcher Grundlage findet denn diese Bewertung statt? Gleiches gilt dafür, wenn ihr selbst Aktien kaufen und analysieren möchtet: Welche Theorie wollt ihr anwenden? Oder arbeitet ihr sogar mit beiden Theorien?

Ich persönlich bin der Meinung, dass beide Ansätze ihre Daseinsberechtigung haben, auch wenn es hier Vertreter gibt, die sehr emotional für oder gegen eine der beiden Theorien appellieren. Wie auch in der Kunst gibt es hier jedoch kein richtig oder falsch.

Biontech hatte ich zum ersten Mal, wie die meisten Privatanlegerinnen und Privatanleger, im März 2020 auf dem Schirm: Es gibt eine weltweite Pandemie und es gibt einen Impfstoffhersteller, der sagt: „Moment, wir könnten das Problem lösen.“ Bei so einer Konstellation schlackert jede Aktionärin mit den Ohren.

Das Problem war allerdings, dass es mehrere Player auf dem Markt gab und man noch nicht einschätzen konnte, wer nun das Rennen macht: CureVac, Moderna, Johnson & Johnson oder eben Pfizer mit Biontech. Egal, ob Fundamentalanalyse oder Chartanalyse – es bringt nichts, in ein Biotech-Unternehmen zu investieren, wenn der wichtigste Faktor noch fehlt: die Wirksamkeit neuer Medikamente in klinischen Studien. Mitte März 2020 schoss die Biontech-Aktie um 46 Prozent nach oben und stand bei etwa über 50 Euro, bevor sie genauso schnell wieder einbrach. Rückblickend betrachtet, kann man sehr gut erkennen, wie die Aktie nach jedem Kurseinbruch sich wieder aufgerafft hat und immer wieder ein neues Allzeithoch erzielte.

Hoffen oder skeptisch bleiben?

Mittlerweile ist der Erfolg der Studien bewiesen und der Impfstoff der heimliche Favorit aller Impfwilliger. Jeder, der mit Biontech geimpft wurde, kennt die neidischen Blicke oder das wohlwollende Nicken bei der Frage nach dem Impfstoff. Allein im Juli dieses Jahres machte die Aktie ein Plus von knapp 45 Prozent und hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht. 2019 hatte Biontech einen Umsatz von 109 Millionen Euro und einen Verlust von 179 Millionen Euro zu verzeichnen. Das Einzige, was die Anlegerinnen und Anleger also antrieb, war die Hoffnung auf den Impfstoff. Ich blieb skeptisch.

2020 schaffte das Unternehmen einen Umsatz von 482 Millionen Euro und machte über 15 Millionen Euro Gewinn. Allein im zweiten Quartal 2021 betrug der Umsatz über 5 Milliarden Euro und einen Gewinn von über 2 Milliarden Euro. Die Zahlen sehen mehr als gut aus. Verglichen mit dem aktuellen Aktienkurs würde man sagen, die Aktie ist überbewertet. Dass den meisten Privatanlegern das aber ziemlich egal ist, weiß man mindestens seit Tesla.

Die weitere Entwicklung von Biontech hängt aber nicht nur von Corona ab. Denn was passiert nach Corona? Und hoffentlich gibt es ein Nach-Corona und kein Mit-Corona. Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob wir in Zukunft wie ältere Menschen bei Grippe jährlich geimpft werden müssen. Biontech hat aber noch zwei andere Asse im Ärmel: die Entwicklung von Mitteln gegen Krebs und Malaria.

Der Gang des betrunkenen Mannes

Ich habe Biontech damals nicht gekauft, denn am Ende glaubte ich an eine dritte Börsentheorie: die Random-Walk-Theorie. Diese besagt, dass die Kursentwicklung vollkommen unberechenbar ist, da sie von so vielen Faktoren abhängt. Der Random Walk beruht auf der Vorstellung, dass ihr einen Betrunkenen beobachtet und versucht vorherzusagen in welche Richtung dieser Mensch läuft beziehungsweise taumelt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Aktienkurs zu einem bestimmten Zeitpunkt steigt, ist also genau die gleiche wie die Wahrscheinlichkeit, dass er fällt oder sich seitwärts bewegt. Eben wie bei einem Betrunkenen auch.

Mit Blick auf die damaligen Zahlen, die aktuelle Situation und der situativen Ungewissheit, habe ich nicht die Aktie gekauft. Ich habe mich allerdings für einen breit gestreuten Biotech-ETF entschieden. Damit habe ich keinen sechsfachen Gewinn, aber immerhin ein Plus von circa 25 Prozent innerhalb eines Jahres erzielt.

Manchmal muss man auch einfach mal zufrieden sein und die Gier vergessen.

Margarethe Honisch ist Finanzbloggerin und Buchautorin. Auf ihrer Website Fortunalista und ihrem gleichnamigen Instagram-Account gibt sie Tipps rund um Altersvorsorge und Geldanlage. Für Business Insider schreibt sie die Kolumne „Aus Geld mehr machen“.

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