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Bilanzcheck: Die Deutsche Bank muss mit wenig Puffer durch die Krise

Die Corona-Pandemie gefährdet die Ziele der Bank. Nun macht das Institut aus der Not eine Tugend. Der Heimatmarkt wird dabei immer wichtiger.

Die Krise als Chance? Die Corona-Pandemie wird auch die Deutsche Bank hart treffen, daran lassen Vorstandschef Christian Sewing und der Vorsitzende des Aufsichtsrats Paul Achleitner keinen Zweifel. Das Institut befindet sich mitten in der Restrukturierung – und nun droht die tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte. Dennoch gibt sich Sewing in seiner vorab veröffentlichten Rede zur diesjährigen Hauptversammlung überraschend optimistisch.

„Wir sind in dieser Krise Teil der Lösung“, steht in seinem Redetext. Die Deutsche Bank will die Gelegenheit nutzen, um ihre Marktstellung bei deutschen Unternehmen auszubauen. Denn jede dritte Anfrage zum Umgang mit der Coronakrise kommt momentan von Firmen, die bislang gar nicht Kunden des Geldhauses sind. „Damit legen wir jetzt den Grundstein für das Geschäft in den kommenden Jahren“, betont Sewing.

Die Frage ist, ob sich die Bank das leisten kann. Schließlich nimmt der Vorstand in Kauf, dass die harte Kernkapitalquote zeitweise unter die Schwelle von 12,5 Prozent sinken könnte. Je niedriger die Quote, desto weniger Puffer hat die Bank für die Folgen einer schweren Rezession – wie etwa steigende Kreditausfälle.

Die Corona-Pandemie trifft die Deutsche Bank zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach einem Verlust von 5,7 Milliarden Euro – dem fünften Verlustjahr in Folge – hoffte das Institut für 2020 zumindest auf eine schwarze Null vor Steuern. Dieses Ziel dürfte kaum noch zu erreichen sein. Zwar sollen die Kosten weiter sinken, doch zugleich steigt nun die Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle.

Die Risikovorsorge ist die große Unbekannte im Zahlenwerk der Bank. Im ersten Quartal legte der Konzern gerade einmal 506 Millionen Euro für faule Kreditengagements zurück. Diese Summe ist zwar schon fast so hoch wie die Vorsorge für das gesamte vergangene Geschäftsjahr. Doch das dürfte erst der Anfang sein. Im zweiten Quartal dürfte der Anstieg sehr viel höher ausfallen.

Das wirft die Frage auf, wie hart die Coronakrise noch auf das Kreditgeschäft der Deutschen Bank durchschlagen kann – und ob das Institut im ersten Quartal nicht zu zurückhaltend mit seinen Rückstellungen war.

Optimistische Konjunkturprognose

Immerhin – bislang scheint die Bank von größeren Einschlägen in ihre Bilanz verschont geblieben zu sein: Die Risikovorsorge ist nur zu 55 Prozent auf tatsächliche Kreditausfälle zurückzuführen. Die übrigen etwa 230 Millionen Euro hat die Bank vorsorglich zurückgelegt, um den pessimistischeren Konjunkturausblick und die schlechtere Bonität ihrer Kunden zu berücksichtigen.

Die Bank hat damit mehr vorsorgliche Puffer gebildet als etwa die Commerzbank, deren Risikovorsorge zu etwa drei Vierteln notleidenden Darlehen geschuldet ist und nur zu etwa einem Viertel der trüberen Konjunktur oder schlechteren Ratings.

Andere Geldhäuser waren noch sehr viel vorsichtiger als die Deutsche Bank. Denn das Konjunkturszenario, das die Frankfurter zur Kalkulation ihrer Risikovorsorge nutzten, ist relativ optimistisch. Im Quartalsbericht ging das Institut noch davon aus, dass die deutsche Wirtschaft 2020 nur um 5,3 Prozent schrumpfen wird. Selbst die Bundesregierung befürchtet einen Rückgang um 6,3 Prozent. Die Markterwartungen sind noch pessimistischer. Auch die Prognosen für die Wirtschaftsentwicklung in Europa gelten als längst überholt.

Berücksichtigt man die mittlerweile negativeren Wirtschaftsprognosen, wäre die Risikovorsorge Finanzvorstand James von Moltke zufolge bereits im ersten Quartal 100 Millionen Euro höher ausgefallen. Da war die italienische Großbank Unicredit vorausschauender. Sie hat bereits im ersten Quartal mit einem Einbruch etwa der deutschen Wirtschaft von zehn Prozent kalkuliert.

Weniger Risikovorsorge als 2009?

Dennoch ist der Vorstand der Deutschen Bank zuversichtlich, mit weniger Risikovorsorge als während der Finanzkrise auszukommen. Im Jahr 2009 musste die Bank 2,6 Milliarden Euro für faule Kredite zurücklegen. Das Gros der Risikovorsorge 2020 werde in der ersten Jahreshälfte anfallen und im zweiten Halbjahr nachlassen, heißt es aktuell.

Wie heftig eine Rezession auf die Bücher einer Bank durchschlägt, hängt auch von der Zusammensetzung ihres Kreditportfolios ab. Branchen wie die Gastronomie oder der Ölsektor, die Besitzer von Gewerbeimmobilien oder auch hochverschuldete Firmen sind gefährdeter als Unternehmen aus defensiven, konjunkturunabhängigen Branchen. 

Auch die Deutsche Bank ist in sensiblen Branchen engagiert, zeigt die Präsentation zum ersten Quartal. Darlehen für Gewerbeimmobilien, Luftfahrt, die Öl- und Gasbranche sowie Gastronomie und Hotellerie machen rund elf Prozent des Kreditportfolios aus. Konsumentenkredite, die riskanter sind als private Baufinanzierungen, stehen für etwa fünf Prozent des Portfolios. 

Das Engagement an Überbrückungsfinanzierungen für hochverschuldete Firmen fällt mit vier Milliarden Euro sehr viel geringer als noch während der Finanzkrise 2008 aus. Man habe aus Fehlern gelernt und das eigene Portfolio breiter gestreut und besser abgesichert, erläutert Vorstandschef Sewing.

Wichtiger Heimatmarkt

Ein Vorteil für die Bank ist die große Bedeutung des Heimatmarkts. Fast die Hälfte seiner Kredite hat das Institut in Deutschland vergeben, größtenteils gut besicherte Baufinanzierungen. Dank der umfangreichen Konjunkturhilfen der Bundesregierung sowie sozialer Schutzmechanismen wie der Kurzarbeit, dürften in Deutschland weniger Kredite platzen als in vielen anderen Ländern.

Diese Ausgangslage trägt dazu bei, dass Sewing trotz der Coronakrise auch im Kreditgeschäft auf Wachstum setzt. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, um dem Druck auf die Erträge entgegenzuwirken, den die niedrigen Zinsen auslösen.

Chancen tun sich auch an anderer, unerwarteter Stelle auf. Im Investmentbanking bescherten die durch die Coronakrise ausgelösten Marktturbulenzen den Frankfurtern eine Sonderkonjunktur. Die Einnahmen stiegen im ersten Quartal um 18 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro.

Dabei hatte die Bank im Zuge der neuen Strategie seit vergangenem Sommer den Aktienhandel fast komplett eingestellt. Vorstandschef Sewing will sich im Investmentbanking auf das Geschäft mit Anleihen und Devisen konzentrieren, die als klassische Stärken der Bank gelten.

An die Ergebnisse der US-Konkurrenz reichen die Resultate allerdings dennoch nicht heran. Die amerikanischen Institute steigerten ihre Erträge im Bond- und Währungsgeschäft zum Teil um ein Drittel, die Deutsche Bank nur um 13 Prozent. Insgesamt kletterte der Vorsteuergewinn der Investmentbank um 149 Prozent auf 622 Millionen Euro. 

Zwischenhoch im Handelsgeschäft

Damit verdiente der Bereich, den Sewing eigentlich schrumpfen wollte, mit Abstand das meiste Geld und wurde zum entscheidenden Stabilisator im ersten Quartal. Bei der Unternehmensbank, die den Kern der neuen Strategie bildet, fiel ein deutlich bescheidenerer Vorsteuergewinn von 132 Millionen Euro an, weniger als die Hälfte des Vorjahreswerts.

Diese Entwicklung ist nicht frei von Ironie: Die Bank will eigentlich vor allem stabile Geschäftsbereiche stärken wie das Privat- und Firmenkundengeschäft. Doch genau diese Bereiche müssen wegen der Corona-Pandemie mit Gegenwind rechnen, etwa wegen der höheren Risikovorsorge. 

Doch die Sonderkonjunktur im Handelsgeschäft dürfte kaum von Dauer sein. Die Bank erwartet, dass sich die heftigen Kursschwankungen und die damit verbundenen größeren Aktivitäten der Kunden im Jahresverlauf normalisieren werden. „Wir gehen deshalb davon aus, dass sich die Erträge der Investmentbank im restlichen Jahresverlauf nicht auf dem Niveau des ersten Quartals halten können“, steht im Quartalsbericht. Deshalb würden die Erträge der Investmentbank 2020 wohl nur leicht das Vorjahr übertreffen.

Weniger Einkommensmillionäre

Der wirksamste Stellhebel für die Bank dürften in dieser Gemengelage die Kosten sein. Die Bank hat wiederholt angedeutet, dass sie ihre bereinigte Kostenbasis schon in diesem Jahr unter das bisherige Ziel von 19,5 Milliarden Euro drücken könnte.

Das Institut hatte zuletzt vor allem seine Personalausgaben gesenkt. Ende 2019 arbeiteten noch etwa 87 000 Menschen für die Bank. Auch die Zahl der Einkommensmillionäre hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verringert. Zuletzt standen noch 583 Personen mit siebenstelligem Einkommen auf den Gehaltslisten der Bank. Tendenz sinkend. „Der Umbau geht selbstverständlich auch nicht an unseren Führungskräften vorbei“, kündigt Sewing in seiner Hauptversammlungsrede an.