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Wie sich die Betreiber des Eurotunnels auf den Brexit vorbereiten

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Der Tunnel ist die einzige Landverbindung zum Festland. Die Betreibergesellschaft Getlink hat sich früh auf den ungeordneten EU-Austritt eingestellt.

Das Auf und Ab in den Verhandlungen zwischen London und der EU um ein Freihandelsabkommen beeinträchtigt den Güterverkehr durch den Kanaltunnel nicht. Es ist paradox: Je angespannter die Verhandlungen über den Brexit verlaufen, desto einfacher wird die Abfertigung der LKW, die auf Tiefladern durch den Tunnel rollen.

Getlink, die Betreibergesellschaft des Eurotunnels, schreckt der Stichtag zum 1. Januar 2021 inzwischen nicht mehr: „Ob mit oder ohne Abkommen, wir sind startklar, bei uns fällt kein Fallbeil!“, sagt ein Sprecher von Getlink.

Ein Viertel aller Güter, die zwischen dem Vereinigten Königreich und dem europäischen Kontinent transportiert werden, rollt durch den Kanaltunnel zwischen Coquelles bei Calais und Folkestone. Der Transport auf der Schiene ist etwas teurer, aber deutlich schneller als der per Fähre.

Bereits Ende 2019, als ein harter Brexit ohne Vereinbarung mit der EU befürchtet wurde, hatte die Tunnelgesellschaft sich auf diese Eventualität vorbereitet. Befürchtet wurden endlose Staus und Verzögerungen: Da mit dem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU wieder eine harte Grenze errichtet wird, sind streng logisch auch zeitraubende Kontrollen jedes Transports nötig, der diese Grenze passieren will. Der schnelle und reibungslose Güteraustausch, der sich in den vergangenen Jahrzehnten eingespielt hat, drohte unterbrochen zu werden.

Rund 5000 LKW passieren täglich den Tunnel. Das ist eine beachtliche Zahl, immerhin rund ein Drittel der Menge an Lastwagen, die jeden Tag die gewaltigen Containerterminals des Hamburger Hafens verlassen. Eurotunnel hat erreicht, dass ein Großteil der Kontrollen und der Grenzabfertigung bereits erledigt wird, bevor die Lastwagen eintreffen.

Die Spediteure melden ihre Waren an, damit die Zollbehörden informiert und die Mehrwertsteuer berechnet werden kann. Zwei so genannte Pit Stops wurden auf beiden Seiten des Kanals eingerichtet. Dort müssen die ankommenden Sattelschlepper lediglich kurz anhalten. Die Fahrer reichen ihre bereits vorbereiteten und registrierten Ladepapiere aus dem Fenster raus. Die werden eingescannt und mit der Vorabdeklaration abgeglichen.

Die Möglichkeit eines Brexit ohne Freihandelsabkommen mit der EU drohte diese Vereinfachung zu torpedieren. Denn ohne ein Abkommen zwischen der EU und Großbritannien würden die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gelten. Das bedeutet, dass Zölle erhoben werden müssen.

Papierverkehr ist digitalisiert

Eurotunnel hat aus der Not eine Tugend gemacht und das Verfahren weiter vereinfacht. Seit Ende Oktober gibt es den „Eurotunnel Border Pass“. Der ist eine virtuelle Aktenmappe, in der alle Angaben über die Zollnummern der beförderten Waren und Deklarationen, die sich auf die Pflanzen- und Tiergesundheit beziehen, sowie die Daten des Fahrzeuges erfasst sind.

Die Daten werden von den Spediteuren an Eurotunnel und von dort an die Zollbehörden geliefert. Sollten künftig Zölle fällig werden, können sie auf diesem Wege kalkuliert und abgerechnet werden.

Von den ankommenden LKW werden dank des Border Pass am Pit Stop nur noch die Nummernschilder erfasst. Die Fahrer müssen keine Papiere mehr rausreichen, das Verfahren ist digitalisiert. „Wir sind die einzigen, die so weit sind, bei den Fähren gilt das noch nicht“, heißt es bei Getlink. Ein Eurotunnel-Mitarbeiter informiert anschließend über seinen Computer die britischen und französischen Zollbehörden darüber, dass der betreffende Laster tatsächlich eingetroffen ist.

Auch wenn der Ton zwischen den Politikern manchmal an Schärfe zunimmt, zwischen Calais und Folkestone kümmert man sich um pragmatische Lösungen. Die Briten haben sogar zugesagt, ab Anfang nächsten Jahres eventuell fällige Abgaben erst nachträglich zu erheben, bis sich die Verfahren richtig eingespielt haben. Sechs Monate Übergangsfrist wollen sie laut Eurotunnel gelten lassen, erst dann werden die Abgaben bei Passieren der Grenze sofort fällig.

Im Verkehr durch den Tunnel gilt weiter das Prinzip Vertrauen: Nur ein verschwindend geringer Teil der Waren wird physisch kontrolliert. Im Schnitt schaut sich der Zoll in Calais weniger als zwei Prozent der Sattelschlepper tatsächlich an. Dafür hat Eurotunnel neue Anlagen gebaut, die Verladerampen ähneln und in denen die Zöllner die Transporte inspizieren können.

Der Brexit wird die Insel nicht vom Kontinent abschneiden, erwartet Eurotunnel: „Wir spüren eine echte Dynamik im Warenverkehr“, so ein Sprecher. Während das britische und das französische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um rund elf Prozent abnehmen werden, lag das Transportaufkommen bei Eurotunnel Ende Oktober nur sieben Prozent unter dem Vorjahreswert. Großkunden wie Amazon, Airbus oder der Landmaschinenhersteller Claas hätten keine Absichten, sich aus Großbritannien zurückzuziehen, sagt Eurotunnel.