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Bau, Autobranche, Big Tech: Was US-Unternehmen von einem Präsident Biden erwarten

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Die Unternehmen versprechen sich von Joe Biden im Weißen Haus mehr Planungssicherheit. Allerdings müssen sie auch mit höheren Steuern und schärferen Auflagen rechnen.

Auch General Motors könnte mit einer Biden-Regierung in den zweifelhaften Genuss einer weiteren Steuererhöhung kommen. Foto: dpa
Auch General Motors könnte mit einer Biden-Regierung in den zweifelhaften Genuss einer weiteren Steuererhöhung kommen. Foto: dpa

Es soll einer seiner ersten Akte als US-Präsident werden. Das hat Joe Biden mit einem Blick in den Kalender bereits am 5. November angekündigt, zu einem Zeitpunkt also, als die Stimmen noch ausgezählt wurden: „In genau 77 Tagen“, also einen Tag nach seiner geplanten Amtseinführung am 20. Januar, werde „eine Biden-Regierung“ dem Pariser Klimaabkommen wieder beitreten, schrieb er auf Twitter. Die USA hatten auf Anweisung von Donald Trump das Abkommen Anfang des Monats verlassen.

Im Wahlkampf hatten die Demokraten für ein umfangreiches Programm geworben. Sie wollen die Arbeitnehmerrechte stärken, ein gewaltiges Investitionsprogramm schnüren und vor allem: einen Green New Deal zur ökologischen Transformation des Landes.

Die Wirtschaft hat sich schon auf eine Biden-Regierung eingestellt. Das ließ sich in den vergangenen Tagen etwa an den Aktienkursen der Schusswaffenhersteller ablesen, die deutliche Verluste verbuchten, als sich ein Biden-Sieg abzeichnete: Ihnen drohen schärfere Waffengesetze.

Doch es scheint nicht so, als erhielten Bidens Demokraten die nötige Mehrheit für einen fundamentalen Wandel. Derzeit sieht es so aus, als hätten die Republikaner ihre Mehrheit im Senat knapp verteidigt.

Das würde die Demokraten zu Kompromissen zwingen. Die endgültige Entscheidung über die Mehrheitsverhältnisse im Senat könnte sogar erst im Januar fallen: Dann kommt es im Bundesstaat Georgia zur Stichwahl um die Senatsposten.

Energiebranche: Harte Zeiten für Öl, gute für Wind und Sonne

Beim Klimaschutz und in der Energiepolitik wird sich Biden am deutlichsten von seinem Vorgänger unterscheiden. Biden will im Zuge seines Green New Deal in den kommenden zehn Jahren insgesamt 1,7 Billionen US-Dollar in erneuerbare und saubere Energien investieren. Bis 2050 sollen die USA damit 100 Prozent saubere Energien und null Emissionen erreichen.

Die Ölindustrie muss sich daher auf harte Zeiten einstellen. Das hat Biden auch in einer TV-Debatte vor der Wahl klargemacht: „Die Ölindustrie verschmutzt die Umwelt erheblich. Sie muss über die Jahre ersetzt werden“, sagte er. Die staatlichen Suventionen für die Ölbranche kritisierte Biden scharf.

Ein solches politisches Umsteuern würde die großen US-Ölkonzerne in den USA besonders hart treffen, weil sie sich anders als ihre europäischen Konkurrenten bisher kaum auf alternative Energien umgestellt haben. Viel wird auch davon abhängen, wen Biden als Chef der mächtigen Umweltbehörde EPA einsetzt.

Nicht zuletzt dank des umweltzerstörenden Frackings konnten die Vereinigten Staaten zuletzt ihren gesamten Bedarf an Energie aus eigener Kraft decken. Beim Fracking hat sich Biden im Wahlkampf nicht besonders streng positioniert. Er will lediglich das Fracking auf öffentlichem Land wieder verbieten, das Trump zugelassen hatte.

Allerdings kriselt die Technologie derzeit in den USA auch ganz ohne politisches Zutun: Weil die Öl- und Gaspreise so stark gefallen sind, lohnt sich das teure Fracking schon jetzt nicht mehr. Hunderte der hoch verschuldeten Unternehmen haben Insolvenz angemeldet.

Grund zum Jubeln haben dagegen Solar- und Windenergie-Unternehmen. Sie werden von Bidens Klimapolitik profitieren. Das Gleiche gilt aber auch für den Bau energieeffizienter Gebäude, für die Landwirtschaft und die Hersteller elektrifizierter Autos.

Autobranche: Starke Förderung der E-Mobilität

Bidens Plan für den Autosektor besteht aus zwei Komponenten. Zum einen will Biden das landesweite E-Tankstellennetz ausbauen. Zum anderen plant er mehr Steueranreize für Autokäufer. So werden der E-Auto-Pionier Tesla und auch General Motors wohl in den Genuss weiterer Steueranreize kommen. Die beiden hatten das Maximum an steuerlichen Anreizen für E-Autos bereits erreicht. Doch Biden wird dieses Limit wohl kappen.

Für die anderen Hersteller wie Ford und FCA ist es ein Anreiz, ihre eigene E-Auto-Produktion zu beschleunigen. Das Gleiche gilt auch für die deutschen Hersteller wie VW, BMW und Mercedes, die in den USA mit eigenen Fabriken vor Ort sind und ihre Produktpalette gerade auf Elektroautos umstellen.

Die Vorschriften für Emissionen wird Biden wohl eher verschärfen, nachdem Trump eine laxere Regulierung präferierte. Das kann aber durchaus auch im Interesse einiger Autokonzerne sein. In Kalifornien etwa haben sich BMW und VW zusammen mit Honda und Ford freiwillig verpflichtet, ihre Emissionen herunterzufahren, obwohl Washington im Zuge der Deregulierung auf lockerere Vorschriften dringt.

Gut für Europa: Die Drohung mit Autozöllen wäre bei einem Machtwechsel in Washington vom Tisch.

Baubranche: Boom für Unternehmen und die Mittelklasse

Biden plant eine Offensive zur Modernisierung der maroden US-Infrastruktur. Sein Plan sieht Investitionen in Höhe von zwei Billionen Dollar über vier Jahre vor. Das Geld soll in Straßen, Brücken, Grünflächen, Wasserversorgung, Strom und den Ausbau von Breitband-Internet fließen.

Die Analysten der Rating-Agentur Moody’s haben vorgerechnet, dass Bidens Wirtschaftsplan insgesamt 18,6 Millionen Jobs schaffen und das Einkommen der US-Haushalte der Mittelklasse um 5000 Dollar steigern wird.

Eine realistische Chance darauf, seinen Plan umzusetzen, hat Biden aber nur, wenn die Demokraten doch noch den Senat erobern. Die Republikaner haben bereits signalisiert, dass sie in der Opposition wieder auf die Staatsfinanzen achten würden. Während sie selbst regierten und Steuersenkungen beschlossen, war ihnen die Verschuldung dagegen gleichgültig.

Finanzbranche: Pro Biden trotz Aussicht auf Steuererhöhungen

Die Hoffnung auf ein großes Konjunkturpaket hat schon in den Tagen vor der Wahl auch die Bank-Aktien beflügelt. Die Wall-Street-Häuser würden von einer stärkeren Wirtschaft und weniger Kreditausfällen profitieren. Morgan-Stanley-CEO James Gorman hatte die Politiker in Washington Ende Oktober noch darauf gedrängt, bald ein neues Paket zu verabschieden.

Insgesamt hatten Banker in den vergangenen Wochen immer wieder signalisiert, dass sie Bidens ruhigeren und staatsmännischeren Führungsstil bevorzugen würden. Auch wenn er die Steuern anheben könnte.

Am Mittwoch verlor der KBW-Bankenindex fünf Prozent in einem anderweitig starken Marktumfeld. Am Donnerstag im frühen New Yorker Handel lagen Bankentitel gut ein Prozent im Plus. Dabei können die Banken auch einer zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump einiges abgewinnen.

So müssten sie zum Beispiel keine neue Regulierungswelle fürchten. Trump hatte in den vergangenen vier Jahren Aufseher ernannt, die Vorschriften, etwa bei den Bankenstresstests, gelockert haben, und in der Wirtschaft insgesamt eine umfangreiche Deregulierungsinitiative gestartet.

Big Tech: Schärfere Wettbewerbskontrolle

Im extrem polarisierten politischen Klima in den USA sind Schnittmengen zwischen den Parteien rar geworden. Doch bei dem Versuch, die großen Tech-Konzerne zu zügeln, bildet sich ein parteiübergreifender Konsens heraus. Sowohl den Demokraten als auch den Republikanern ist die Macht der großen IT-Konzerne unheimlich geworden. Eine schärfere Wettbewerbskontrolle deutet sich an.

Unter Biden muss das Silicon Valley zudem mit Steuererhöhungen rechnen. Im Gegenzug dürfte Biden die von Trump verhängten Visa-Restriktionen für Fachkräfte lockern. Auch den Handelskrieg mit China könnte Biden entschärfen.

Die US-Sanktionen gegen chinesische Firmen wie etwa das Chip-Embargo gegen Huawei kosten US-Firmen viel Geld. Über die China-Politik wird innerhalb des Biden-Lagers allerdings noch kontrovers diskutiert. Grundsätzlich teilen die Demokraten die Analyse der Trump-Regierung, dass China ein gefährlicher Systemrivale ist.

Insgesamt versprechen sich die US-Unternehmen von einer Biden-Präsidentschaft vor allem eins: Planungssicherheit. Ständige Drohungen von neuen Zöllen oder Sanktionen schaden dem Geschäft. Die Wirtschaft wolle „Berechenbarkeit“, wie der CEO des Haushaltsgeräteherstellers Whirlpool, Marc Bitzer, jüngst dem Handelsblatt sagte.

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