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Hersteller Bürger macht 200 Millionen Euro mit Maultaschen und Spätzle

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Die Coronakrise befeuert im Handel die Nachfrage nach Maultaschen (Bild: Getty)
Die Coronakrise befeuert im Handel die Nachfrage nach Maultaschen (Bild: Getty)

Die Coronakrise befeuert im Handel die Nachfrage nach Maultaschen. Hersteller Bürger profitiert durch die Hamsterkäufe und will den Norden erobern.

Die Produktion von Maultaschen läuft in Crailsheim in drei Schichten auf Hochtouren. Die Fastenzeit vor Ostern ist Hochzeit für die schwäbischen Teigtaschen, die einst von findigen Mönchen erfunden wurden, um Fleisch vor Gottes strengen Augen zu verbergen. Deshalb heißen sie auch im schwäbischen Volksmund „Herrgottsb‘scheißerle“.

„Unsere Produkte zählen in der Coronakrise zu den Hamsterwaren”

„Aber diesmal fing die Hochsaison wegen Corona drei Wochen früher an“, sagt Martin Bihlmaier, Chef des Marktführers Bürger. „Unsere Produkte zählen in der Coronakrise zu den Hamsterwaren. Der Lebensmittelhandel hat deutlich mehr bestellt.“ Beleg für die Aussage sind Regallücken beim nahe gelegenen Edeka in den ersten Wochen der Coronakrise.

Hersteller wie Bürger profitieren von der Neigung zu Hamsterkäufen. Foto: dpa
Hersteller wie Bürger profitieren von der Neigung zu Hamsterkäufen. Foto: dpa

Dass Maultaschen derzeit gerne gehamstert werden, hat einen einfachen Grund: Das Selbermachen ist zwar der Stolz einer jeden schwäbischen Hausfrau – und um politisch korrekt zu bleiben auch der Hausmänner –, aber eben sehr aufwendig und nur etwas für fingerfertige Könner. Bürger nimmt das seit Anfang der 60er-Jahre seinen Kunden ab und macht die aufwendige Spezialität industriell gefertigt zum modernen Fastfood aus dem Kühlschrank – und mit der obligatorischen Spinatfüllung auch zur Alternative zu Ofen-Pommes oder Tiefkühlpizza.

Die frische Ware ist eingeschweißt vier Wochen im Kühlschrank haltbar. Ein Traum für moderne Doppelverdiener-Paare, die derzeit wegen Corona im Homeoffice sitzen und, statt bequem in die Kantine gehen zu dürfen, nebenbei die Mäuler der schulfreien Kinder stopfen müssen. Im vergangenen Jahr verarbeitete Bürger insgesamt 81.900 Tonnen Fleisch, Mehl, Spinat, Eier, Grieß und Zwiebeln zu Maultaschen – und auch zu Spätzle und Schupfnudeln.

Das Gesamtgewicht der Lebensmittel entspricht etwa dem Gewicht von 122 ICE-4-Zügen. Die gigantischen Mengen führten 2019 zu einem Umsatzrekord von 223,7 Millionen Euro. Das sind zwar nur sechs Prozent mehr als im Vorjahr. „Aber wir wachsen als Familienunternehmen seit Jahren kontinuierlich und sind damit zufrieden“, bilanziert Geschäftsführer Martin Bihlmaier.

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Der 46-jährige Diplom-Betriebswirt führt den Betrieb nun seit zwölf Jahren in dritter Generation. Vater Richard kümmert sich zwar mit 82 Jahren noch um den Fleischeinkauf, hält sich aber sonst aus dem operativen Geschäft heraus. Im Gegensatz zum letzten Ortsbesuch in der Produktion in Crailsheim sitzt Martin Bihlmaier diesmal in der Verwaltungszentrale und beantwortet die Fragen wegen Corona-Vorsichtsmaßnahmen am Telefon.

Geschäft mit Großkantinen fällt aus

Den größten Umsatzschub gibt es allerdings nicht von den Maultaschen, sondern von einer weiteren landestypischen Spezialität. Die Spätzle legten zweistellig zu. Auch für das laufende Jahr rechnet Bihlmaier „mit weiterem Wachstum“. Der Boom aus dem Einzelhandel hat allerdings eine Kehrseite. „Durch Corona fällt derzeit das Geschäft mit Großkantinen und Festen nahezu komplett aus. Die Einbußen fressen die Zugewinne aus dem Lebensmittelhandel auf“, berichtet Bihlmaier.

Unter dem Strich zeigt sich das Unternehmen aber vergleichsweise immun gegen negative Auswirkungen der Coronakrise. Erstmals in seiner Firmengeschichte beschäftigt der Nahrungsmittelfabrikant mehr als 1000 Mitarbeiter, zwei Drittel sind Frauen. Die hochautomatisierte Produktion wegen Ansteckungsgefahr der Mitarbeiter zu drosseln, kommt Bihlmaier nicht in den Sinn. Als Unternehmen in der Lebensmittelindustrie hat Bürger schon seit jeher hohe Auflagen in der Hygiene zu erfüllen.

Die strenge Einhaltung zählt für den Mittelständler zur „Kernkompetenz“. Denn auch nur der Hauch eines Lebensmittelskandals kann ein Unternehmen in ernste Bedrängnis bringen oder gar in die Insolvenz. Bürger hat eine große, aber sehr zersplitterte Konkurrenz in den heimischen Metzgereien: Hauseigene Maultaschen – meist eher fleischlastiger – sind ein Muss in allen Läden.

Direkte industrielle Konkurrenten, aber deutlich kleiner sind Settele aus Neu-Ulm und Rehm aus Esslingen. Und dann gibt es noch große Konzerne wie die Liechtensteiner Hilcona AG. Wegen ihrer breiteren Angebotspalette bei gekühlten Nudelwaren ist Hilcona im Einzelhandel wesentlich präsenter.

Dass Bürger selbst in schwierigen Zeiten wie Corona wachsen wird, liegt auch an der anpackenden Strategie von Bihlmaier. Er versucht, was lange schwierig war, die schwäbischen Spezialitäten mit dem etwas martialischen Slogan „Attacke Deutschland“ auch nördlich der Mainlinie zu verkaufen. Im Sortiment von Lidl und auch neuerdings Aldi werden Regionen erobert, wo weniger Nudelgerichte, sondern eher Kartoffeln die klassische Beilage stellen.

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Zudem nähert sich Bürger mit drei Sorten von kleinen Maultaschen mit Ziegenfrischkäse-Mango, Rote Beete-Süßkartoffel und Linsen-Karotte als Zutaten an neue Essgewohnheiten der Generation „Superfood“, die vegetarische oder vegane Ernährung bevorzugt.

Hähnchenfleisch aus langsamer Aufzucht

Bihlmaier will auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten: Die Maultasche mit Hähnchenfleisch aus der „Huhn & Hahn Initiative Baden-Württemberg“ steht für mehr Tierwohl durch die Aufzucht männlicher Küken und artgerechte Freilandhaltung. Das Hähnchenfleisch stammt aus langsamer und antibiotikafreier Aufzucht.

An den Trend im Lebensmittelhandel zu italienischen Nudelprodukten will sich Bihlmaier aber nicht mehr wagen. „Italienische Pasta-Produkte unter deutscher Marke funktionieren im deutschen Einzelhandel nicht. Das haben wir zweimal versucht und sind zweimal auf die Nase gefallen“, sagt Bihlmaier. Dabei wären Rezepte und Produktion kein Problem. In Großkantinen liefert Bürger Lasagne und alles, was Liebhaber italienischer Teigwaren begehren.

In Crailsheim wurde die Linie für italienische Pastaprodukte für Großkunden gerade erneuert. Auch eine neue Produktionslinie für Schupfnudeln, Knödel und Gnocchi wurde in Betrieb genommen. Auch die Planungen für den Bau eines neuen Logistikzentrums sind abgeschlossen.

Das Investitionsvolumen mit neuer Kälteanlage beläuft sich auf rund 30 Millionen Euro. „Stand heute halten wir an den Investitionen fest“, versichert Bihlmaier. Der schwäbische Unternehmer bleibt trotz angeborener Vorsicht optimistisch. Bislang hat die heimische Landwirtschaft wegen Corona noch keine Lieferprobleme. „Ich hoffe, das bleibt so.“

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