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„Aufholen lässt sich alles“: Foodpanda-Gründer Ralf Wenzel über seinen neuen Blitzlieferdienst

Lisa Ksienrzyk
·Lesedauer: 6 Min.
Ralf Wenzel hat jahrelange Erfahrung im Geschäft mit Essenslieferungen.
Ralf Wenzel hat jahrelange Erfahrung im Geschäft mit Essenslieferungen.

Vor wenigen Wochen kamen Berichte auf, der Foodpanda-Gründer und Softbank-Manager Ralf Wenzel arbeite an einem Startup, das ähnlich wie Gorillas Lebensmittel in Windeseile ausliefern soll. Der 41-Jährige machte ein großes Geheimnis um sein neues Venture, nicht einmal alte Bekannte wussten um sein Projekt. Die Szene erwartete einen Paukenschlag von dem Foodtech-Experten.

Acht Jahre ist es her, dass er mit Foodpanda sein letztes Startup gegründet hat. Den Lieferdienst verkaufte er an Delivery Hero, übernahm bei dem Unternehmen den Posten als Chief Strategy Officer (CSO) und begleitete es beim Börsengang. Ende 2019 versuchte er den angeschlagenen Coworking-Anbieter Wework als Interims-CPO zu retten, als Softbank die Firma übernahm und wurde gleichzeitig Managing Partner bei dem renommierten Tech-VC.

Mit einem Team aus ehemaligen Foodpanda- und Softbank-Kollegen baut er nun einen weiteren Lieferdienst namens Jokr auf. Auf den ersten Blick sieht das Modell von Wenzel, Benjamin Bauer, Sven Grajetzki, Konstantin Sorger und Aspa Lekka aus wie jenes von Gorillas. Wenzel wird im Interview mit Gründerszene aber nicht müde, die Unterschiede zwischen seinem Startup und dem Blitz-Unicorn von Kagan Sümer zu betonen. Während er in Mexiko-Stadt den Tag beginnt, spricht er mit Gründerszene über das Geschäftsmodell von Jokr, seine Zukunftspläne und die prominente Konkurrenz.

Ralf, in Deutschland war Gorillas das erste Startup, das im Juni mit einem Blitzlieferdienst startete. Jokr kommt fast ein Jahr später.

Wir haben Jokr viele Monate vorbereitet und arbeiten nicht erst seit gestern daran. Ich habe Ende 2019 einen Tech Hub bei Softbank initiiert – ein Inkubator, der neue Geschäftsmodell nach Lateinamerika bringen sollte. Die Idee zu Jokr haben wir im Team schon damals mit Softbank analysiert und vorbereitet. Ich bin Anfang dieses Jahres ausgestiegen und kümmere mich seitdem zusammen mit meinen Mitgründern Vollzeit um Jokr.

Das heißt, die Idee kam von Softbank?

Nein. Die kam von uns. Wir haben aber Unterstützung von Softbank bekommen, um das Projekt weiterzuentwickeln.

Gorillas liefert Lebensmittel innerhalb von zehn Minuten aus, Jokr erledigt das in 15 Minuten. Auf den ersten Blick eine Kopie.

Wir sind kein Gorillas-Klon, wir bauen eher eine neue Generation eines Einzelhändlers auf. Wir sehen Jokr als Technologie- und Plattformgeschäft. Egal, ob es die Bestellungen vom Kunden sind oder die Art, wie das Inventar-Management und die Lieferketten aufgebaut sind – es steckt immer eine Technologie dahinter. Und das sehen wir von Anfang an als globales Geschäft, als eine Plattform, die man weltweit launchen könnte.

Und abgesehen davon?

Jokr ist kein Marktplatz, der Geschäfte mit dem Kunden verbindet. Sondern ein Einzelhändler, der Produkte und Kunden zusammenbringt. Wir stellen sicher, dass es sowohl von der kleinen Bäckerei um die Ecke als auch der neuen, hippen Food-Marke Artikel gibt, aber auch von Konzernen wie beispielsweise Unilever. Über die Zeit lernt die KI der Plattform, was der Kunde kauft. Und dadurch können wir das Inventar anpassen.

Gorillas lässt seine Standorte in Deutschland beispielsweise von der Rewe-Tochter Für Sie beliefern. Arbeitet ihr auch mit Einkaufsgesellschaften?

Nein, wir beziehen die Waren direkt und haben bisher keine solche Partnerschaft.

In der Gorillas-App können Kunden zwischen 2.000 Produkten wählen. Der Berliner Wettbewerber Flink hat ein ähnlich großes Portfolio. Jokr will neben Lebensmitteln auch Kategorien wie Elektrogeräte anbieten, das erhöht das Sortiment und die benötigte Lagerfläche stark.

Wir starten mit einem Inventar von 5.000 Produkten und wollen das über die Monate hinaus deutlich vervielfachen. Aber der Umfang hängt sehr stark von den verschiedenen Städten und Nachbarschaften ab.

Jokr ist bereits in Lima, Mexiko-Stadt und São Paolo gestartet. Warum ausgerechnet Südamerika?

Aus einem ähnlichen Grund, weshalb ich Foodpanda damals in Südostasien gestartet habe: Lieferdienste sind außerhalb Zentraleuropas viel attraktiver, weil es dort eine andere demographische Zusammensetzung gibt. Die Infrastruktur ist nicht so weit entwickelt, dafür gibt es eine enorme Nachfrage und Bevölkerungsdichte. Wir haben zu Beginn die ganze Welt in 300 mal 300 Meter große Hexagons unterteilt, wie Google Earth. Für diese Orte haben wir alle möglichen Datenquellen angezapft, wie das Kaufverhalten, die Verfügbarkeit von Supermärkten, Altersgruppen, Schulen und so weiter. Wir können also sehr gute Rückschlüsse darauf treffen, wer dort wohnt und wie der Bedarf nach einem solchen Service ist. Darauf basierend haben wir die Städte priorisiert. Durch Softbank hatten wir Zugang zu guten Teams und haben deren Standorte ebenfalls in unsere Entscheidung eingebracht. Asien ist zwar auch attraktiv, aber den Kontinent haben wir zunächst ausgeblendet.

Kunden können nur über die App ihre Einkäufe bestellen. Geliefert wird in 15 Minuten.
Kunden können nur über die App ihre Einkäufe bestellen. Geliefert wird in 15 Minuten.

Und nach Deutschland will Jokr nicht kommen?

Komplett vom Tisch ist es nicht. Wie gesagt, es ist eine datenbasierte Entscheidung, wo wir die attraktivsten Märkte sehen. Die Welt ist groß und es gibt auch sehr viele spannende Märkte außerhalb Deutschlands, die von der Rendite deutlich attraktiver sind. Wir werden Jokr daher zunächst vor allem in Nord- und Südamerika sowie in einigen ausgewählten europäischen Ländern aufbauen.

Wie ist euer Zwischenfazit nach den ersten ausgelieferten Bestellungen?

Das Wachstum ist wahnsinnig gut. Die Wiederkehrrate ist überproportional höher als bei anderen Modellen, die ich bisher kennengelernt habe. Das Geschäft wächst organisch und macht sich unabhängiger vom Marketing. Dadurch und weil wir die Zwischenhändler ausblenden, haben wir größere Margen als bei einem klassischen Marktplatzgeschäft, wo Produkte einfach nur von existierenden Läden eingesammelt werden. Allumfassend ist das ein Modell, das trotz des Kapitalbedarfs deutlich schneller profitabel werden kann als ein Marktplatz.

Jokr verlangt im Vergleich zur Konkurrenz keine Liefergebühren. Wie wollt ihr Geld verdienen?

Abgesehen von dem Investment finanzieren wir uns aktuell nur über die Marge beim Produktverkauf. Wir haben keine Werbeeinnahmen oder andere sekundären Einnahmequellen.

Gründerszene-Informationen zufolge haben Softbank, HV Capital und Target Global bis zu 100 Millionen Dollar zum Start gegeben.

Die Summe kommentieren wir nicht. Es werden nicht die Firmen einen Wettbewerbsvorteil haben, die einen besseren Zugang zu Funding haben. Es handelt sich hier um ein Modell, das erfahrene Führungsteams benötigt. Bei Jokr arbeiten einige Leute seit 20 Jahren zusammen. Vor zehn Jahren hätte ich das Modell nicht gestartet, aber jetzt haben wir die Reife und die Erfahrung. Und mit unseren Investoren sind wir super aufgestellt, um nicht nur die nächsten sechs Monate zu agieren, sondern auch die nächsten Jahre.

In den USA ist Gopuff seit acht Jahren aktiv. Auch Gorillas geht jetzt dorthin. Findet ihr jetzt noch einen Platz auf diesem Markt?

Die meisten Anbieter sind Marktplätze, sie basieren auf einem existierenden Netzwerk an Zulieferern. Dadurch sind sie limitiert in der Marge, der Auswahl und der Personalisierung. Gopuff und Gorillas sind solche „Convenience On Demand Retailer“. Wir sind ein „Instant Delivery Online Retailer“. Der Großteil des Einzelhandels findet noch offline statt, es ist also noch viel Platz für andere Spieler. Und aufholen lässt sich alles. Wir glauben fest daran, dass wir ebenfalls eine sehr große Firma aufbauen können.