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Was Anleger von Großinvestoren lernen können

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Sie zählen zu den größten Kapitalanlegern: Wie sortieren Versicherer in der Coronakrise ihr Portfolio um? Eine exklusive Blackrock-Studie gibt Antworten.

Viele institutionelle Investoren wie die großen Versicherer schichten ihr Portfolio um, um besser durch die Coronakrise zu kommen. Foto: dpa
Viele institutionelle Investoren wie die großen Versicherer schichten ihr Portfolio um, um besser durch die Coronakrise zu kommen. Foto: dpa

Sie investieren Milliarden Euro, ihr Einfluss auf die Märkte ist immens: Versicherer zählen zu den größten Kapitalanlegern in Europa. Allein die deutschen Assekuranzen haben insgesamt mehr als 1700 Milliarden Euro Kundengelder angelegt. Neben den großen Pensionsfonds gehören sie zu den wichtigsten Akteuren am Kapitalmarkt und zu den größten gewerblichen Kapitalanlegern überhaupt.

Für Privatanleger kann es sich deshalb lohnen, einen Blick darauf zu werfen, wie sich diese Profis angesichts der schwankungsanfälligen Märkte positionieren und in welche Anlageklassen sie investieren. Schließlich trifft das Problem der Niedrigzinsen nicht nur viele Kleinanleger, sondern auch die milliardenschweren Portfolios der Institutionellen.

Was können Anleger also von den Großanlegern lernen? Eine Studie des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, die dem Handelsblatt in Deutschland exklusiv vorliegt, gibt Einblicke, wohin die Riesen am Kapitalmarkt ihre Gelder umschichten – und welche Anlageklassen derzeit weniger gefragt sind.

Gut 360 Spitzenmanager in rund 25 Ländern, die insgesamt rund 24 Billionen Dollar verwalten, hat Blackrock mithilfe der Economist Intelligence Unit des britischen Wirtschaftsmagazins „Economist“ befragt. Das Ergebnis zeichnet nach, wie sich die Versicherer bei der Geldanlage gegen die Coronakrise wappnen – und kommt zu überraschenden Resultaten.

Denn während viele Anleger zuletzt sehr vorsichtig agierten, ist der Risikoappetit der Großversicherer trotz der Krise sogar angestiegen. „Weltweit wollen 47 Prozent der Top-Anlagemanager bei den Versicherungen höhere Risiken eingehen, 41 Prozent wollen das Risikoprofil beibehalten, und nur zwölf Prozent wollen die Risikopositionen reduzieren“, sagt Marcus Severin, Leiter des Versicherungs- und Bankengeschäfts von Blackrock in Deutschland. Im Gegenzug erwarteten die Versicherer attraktivere Renditen, etwa bei Anlagen in Schwellenländern oder abseits der traditionellen Börsen in den sogenannten Private Markets, zu denen Immobilien, Private Debt, Private Equity und Infrastruktur zählen.

Das ist ein überraschender Kontrast zum Vorjahr: Damals ging es den meisten großen Versicherern vor allem darum, ihr Portfolio vor einem möglichen Abschwung abzusichern. So wollte vor einem Jahr die Mehrheit der Versicherer beim Risiko nicht mehr zulegen.

Innerhalb der Private Markets beabsichtigen die Versicherer laut Severin in den kommenden zwölf bis 24 Monaten überwiegend höhere Investments in Gewerbeimmobilien, Unternehmensbeteiligungen (Private Equity) und in den Bereich Infrastruktur. Auch Kredite an Mittelständler rücken zunehmend in den Blickpunkt.

Die institutionellen Anleger werden damit bei der Auswahl ihrer Investments deutlich selektiver. So sind laut der Blackrock-Studie vier herausragende Themen zu erkennen, die bei Versicherern infolge der Pandemie Priorität genießen: Nachhaltigkeit, die Widerstandsfähigkeit des Portfolios, das Überdenken der Geschäftsmodelle und die technologische Transformation. Diese Trends wirken sich auch auf den Risikoappetit und die Vermögensanlage der Giganten aus. „Im Kern der Investmentansätze der Versicherer stehen Widerstandsfähigkeit und Risikostreuung“, sagt Severin.

Was aber sind nun die wichtigsten Strategien, die bei den Versicherern derzeit im Vordergrund stehen – und an denen sich auch Privatleute grob orientieren können:

Höhere Qualität, bessere Diversifizierung

Angesichts anhaltender Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und weiterhin niedriger Zinsen wollen laut der Studie fast 60 Prozent der Teilnehmer ihre Portfolios neu ausrichten. Dabei wollen sie qualitativ höherwertige Anlagen mit einer noch breiteren Risikostreuung kombinieren. „Wir sehen den anhaltenden Wunsch nach Diversifizierung, speziell in Richtung Privatmarktanlagen“, sagt Severin. „Rund 60 Prozent der Firmen will die Qualität des Portfolios in den nächsten zwölf bis 24 Monaten anheben“, sagt der Vermögensexperte. So wollen 44 Prozent ihren Anteil von Unternehmensbonds mit Investmentgrade ausbauen. Etwa 57 Prozent planen zudem, das Depot noch breiter aufzustellen.

herer Bargeldbestand

Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass Versicherer ihre Cash-Quoten hochfahren wollen, da viele auf geeignete Anlagechancen warten. „Versicherer wollen sukzessive in alternative Anlageklassen wie Private Equity oder auch in Aktien umschichten.“ Die Unternehmen bräuchten „diese Liquidität, um neue Asset-Klassen bedienen zu können, wo der Vermögensaufbau mehrere Jahre dauern kann“, erklärt Patrick Liedtke, Leiter des Versicherungsgeschäfts von Blackrock in Europa.

Weniger Staatsanleihen

Aus Sicht der Versicherer verlieren die lange als besonders sicher bevorzugten klassischen Staatsanleihen dagegen deutlich an Glanz. Rund 30 Prozent der Unternehmen wollen zwar in diesem Segment noch aufstocken, aber 39 Prozent planen, diese Anlageklasse in den nächsten zwölf bis 24 Monaten im Portfolio zu reduzieren.

„Bei den Staatsanleihen empfinden es die Anlagemanager zunehmend als frustrierend, wenn sie über längere Laufzeiten Geld verlieren.“ Zwar schätze man nach wie vor deren Sicherheit, und auch um aufsichtsrechtliche Vorgaben zu erfüllen, seien sie weiterhin von Vorteil. Die Nullzinspolitik der Notenbanken erhöhe aber die Renditenot. „Das Problem verschärft sich noch, wenn zunehmend Altbestände von Staatsanleihen mit hohen Zinskupons auslaufen, die wieder angelegt werden müssen“, skizziert Blackrock-Manager Severin das Dilemma.

Im Bereich Fixed Income suche man deshalb verstärkt nach Investments in Unternehmensanleihen, Papieren aus Schwellenländern sowie Kommunalanleihen.

Weniger Aktien

Bereits in den letzten Jahren haben die meisten Assekuranzen ihren Aktienanteil im Depot deutlich ausgebaut. Nun ist der Bedarf nach einer weiteren Aufstockung im Portfolio vorerst weitgehend erschöpft. Rund 29 Prozent möchten zwar ihren Anteil an Aktien herauffahren, der etwas größere Anteil mit 31 Prozent fasst jedoch eine Reduzierung des Aktienanteils ins Auge. Die meisten Versicherer warten lieber auf günstige Gelegenheiten. Die Hannover Rück kaufte beispielsweise Ende März – mitten in der Coronakrise – für rund 300 Millionen Euro Aktien – die jetzt ordentlich im Plus liegen.

Mehr alternative Anlagen

Nach wie vor bauen die großen Versicherer ihre Positionen bei den sogenannten alternativen Anlagen wie Private Equity oder Infrastrukturinvestments aus. Während rund 26 Prozent den Anteil dieser Anlageform reduzieren möchten, planen 28 Prozent, noch mehr in diese seit Jahren boomende Anlageform zu stecken. Trotz hoher Bewertungen bei Firmenkäufen sehen viele Assekuranzen offensichtlich nach wie vor in sogenannten alternativen Investments und bei Private Equity die größten Aussichten, die mageren Renditen aufzubessern, die sich mit Staatspapieren nur noch erzielen lassen.

Weniger Hedgefonds-Investments

Eher verhalten beurteilen die großen Versicherer dagegen ein größeres Investment in Hedgefonds. Während 22 Prozent der befragten Unternehmen mehr Geld in diese Anlageklasse stecken wollen, sehen sich 31 Prozent in den nächsten zwölf bis 24 Monaten auf dem Rückzug aus diesem Segment. „Hedgefonds stehen nicht mehr so hoch in der Gunst der Anlagemanager“ betont Blackrock-Manager Liedtke. „Die Produkte sind auf der Gebührenseite vergleichsweise teuer, teilweise hat die Performance enttäuscht, oder die Schwankungen waren zu stark mit den traditionellen Anlagen korreliert.“

Auch wenn die großen Versicherer im Schatten der Coronakrise ihr Portfolio neu ausrichten: Sie legen das bei ihren Kunden eingesammelte Kapital – auch wegen restriktiver Auflagen – nach wie vor vergleichsweise konservativ an. Noch immer steckt der Großteil des Geldes in Staatspapieren und Anleihen. Bond-Investments seien „das Brot-und-Butter-Geschäft“ der Branche, betont Liedtke. Doch angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase und der Coronakrise beschleunigen die Konzerne die Neuordnung ihrer Anlagen.

So taten sich vor zwei Jahren viele Konzerne noch schwer, den Trend zur Nachhaltigkeit auch praktisch umzusetzen. Heute sei die globale Versicherungsbranche dabei, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen – findet Blackrock-Finanzexperte Liedtke. ESG-Kriterien würden zum Standard in der Anlagepolitik.

78 Prozent der befragten Unternehmen glaubten, dass die Coronakrise die Nachhaltigkeit noch stärker in den Fokus rückt. „Bei dem Thema gibt es eine neue Dynamik. Erstmals sagen 32 Prozent der Versicherungsmanager, dass sie Chancen beim Anlegen ausgelassen haben, um nicht gegen soziale oder ökologische Kriterien beziehungsweise Grundsätze einer guten Unternehmensführung zu verstoßen“, betont Liedtke.

Die größte Sorge, die die institutionellen Investoren jedoch umtreibt, sind die starken Schwankungen der Asset-Preise. 64 Prozent sehen dies als größtes Risiko an den Märkten, gefolgt von der Gefahr, im Abschwung nicht genug Liquidität vorzuhalten. Insgesamt 60 Prozent sehen die Gefahr einer negativen Wertentwicklung ihrer Portfolios, auch wegen der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie.

Fazit: Private Anleger können die Strategien der Profis nicht eins zu eins nachbilden, aber einige Lehren daraus ziehen. Erstens: Niemals nur auf eine Anlageklasse setzen, sondern diversifizieren. Zweitens: Genügend Cash vorhalten, damit man Geld für Umschichtungen besitzt. Drittens: Anleihen als Sicherheitspolster im Depot halten, aber generell stärker auf Aktien und alternative Anlageklassen wie Private Equity setzen, was aber auch höhere Risiken bedeutet.