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Allianz bleibt bei Zukäufen skeptisch

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Zuletzt mehrten sich Gerüchte, wonach der Versicherer in Frankreich zukaufen will. Viele Gründe sprechen nun allerdings dagegen.

Die Aussagen von Allianz-Chef Oliver Bäte zum Thema Übernahmen glichen sich in der Vergangenheit: „Der nächste Mega-Deal kommt nicht heute und auch nicht übermorgen“, sagte er beispielsweise im Februar. Gut ein halbes Jahr später mehrten sich zuletzt allerdings Gerüchte, es könne zu einem möglichen Strategiewechsel bei Europas größtem Versicherer kommen.

Das Frankreich-Geschäft des britischen Versicherers Aviva sollte dabei im Mittelpunkt des Allianz-Interesses stehen, hieß es in verschiedenen Medien. Auch eine Größenordnung von zwei bis drei Milliarden Euro für den Deal wurde bereits genannt, für Allianz-Verhältnisse der vergangenen Jahre eine außergewöhnlich hohe Summe.

Schon seit Längerem ist bekannt, dass sich Aviva von Teilen seines Europa- und Asien-Geschäfts trennen will. Die neue Vorstandschefin Amanda Blanc will den Fokus auf die Märkte in Großbritannien, Irland und Kanada legen, hieß es. Bereits für das Asien-Geschäft wurde die Allianz als potenzieller Interessent gehandelt, was sich anschließend aber zerschlagen hat. So könnte es nun auch mit dem Frankreich-Geschäft von Aviva passieren.

Aufseiten der Allianz sieht man einen möglichen Deal in dieser Größenordnung skeptisch. Mehrere Quellen innerhalb des Hauses bestätigten dem Handelsblatt eine weiterhin eher vorsichtige Haltung bei dieser Frage. Das hängt zum einem mit der anhaltend großen Unsicherheit in der Coronakrise zusammen, die die Versicherer in Zukunft noch belasten könnte. Zum anderen gilt speziell der französische Versicherungsmarkt als sehr umkämpft und margenschwach.

Umkämpfter französischer Markt

„In Frankreich hatten wir im vergangenen Jahr eine Schaden-Kosten-Rate von 98 Prozent, da müssen wir etwas besser werden“, sagte Finanzvorstand Giulio Terzariol bereits vor Monaten. Mit einer möglichen Übernahme des Aviva-Portfolios dort bestünde die Gefahr, ein bestehendes Problem noch zu vergrößern, heißt es innerhalb des Hauses. Auch von der Qualität des Aviva-Portfolios in Frankreich sei man nicht überzeugt. Den Gerüchten zufolge, die bislang kursierten, sei die Allianz ohnehin nur an der Schaden- und Unfallversicherung in Frankreich interessiert, die Lebensversicherungs-Sparte von Aviva soll anderweitig verkauft werden.

Derzeit steht die Allianz in Frankreich auf Position vier am Versicherungsmarkt. In den vergangenen Jahren lautete das erklärte Ziel des Konzerns allerdings, in den wichtigen Märkten weltweit unter den Top 3 zu stehen. Dafür verbündete sich der Versicherer erst im Frühjahr in Spanien mit der Großbank BBVA. In Brasilien übernahm der Konzern das Kfz-Geschäft und einige andere Bereiche aus der Sachversicherung von Sul America. Und in Großbritannien kaufte der Konzern die Sachversicherer Liverpool Victoria und Legal & General.

Mittlerweile zeichnet sich durch die Coronakrise allerdings ab, dass die Regulatoren und auch die Analysten künftig sehr viel stärker auf die Solvenzquote der Versicherer blicken werden. Im ersten Halbjahr stand die bei der Allianz noch bei guten 187 Prozent. Jedoch zeichnet sich ab, dass ein Anhalten der Krise die finanziellen Belastungen verstärken könnte. Das wiederum könnte zu Druck auf die Solvenzquote führen.

In der Vergangenheit hatte der Dax-Konzern stets betont, dass er in einem Bereich von 180 Prozent die eigene „Komfortzone“ ansiedelt. Allerdings hatte Finanzvorstand Giulio Terzariol bereits bei der Präsentation der Halbjahreszahlen Anfang August angedeutet, dass dieser Bereich im aktuellen Umfeld „nicht mehr in Stein gemeißelt“ sei. Zumal auch auf der Zinsseite weiterhin keine großen Erträge zu erwarten seien.

Dividende in Gefahr

Ein potenzieller Zukauf in der Größenordnung des französischen Aviva-Geschäftes würde die Solvenzquote der Allianz nun mit rund fünf Prozent belasten, schätzt man im Haus. Die Folge wäre womöglich eine Kettenreaktion. Denn ab einer Solvenzquote von 160 Prozent muss im Haus vieles neu gedacht werden. Dazu zählt beispielsweise auch die Dividendenpolitik. Hier hatte die Allianz für das vergangene Jahr gegen den Widerstand der europäischen Regulatoren noch 9,60 Euro je Aktie gezahlt.

Diese Politik der hohen Ausschüttungen an Investoren will man bislang trotz der Belastungen durch die Coronakrise auch für dieses Jahr durchhalten. Andernfalls fürchtet man im Management, dass sich so mancher Investor von der Aktie verabschieden könnte. Deren Kurs stand zuletzt bereits deutlich unter Druck. Innerhalb eines Jahres hat die Allianz-Aktie gut 20 Prozent an Wert verloren. Und das, obwohl der Dax beinahe auf dem gleichen Niveau notiert wie im September 2019.