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„Alle Augen auf Cash“: Geldgeber warnen Start-ups vor Finanzklemme

Das Coronavirus durchkreuzt auch die Pläne von Gründern. Allerdings sind die Voraussetzungen für die Start-ups deutlich besser als zu früheren Krisen.

Die deutschen Start-up-Investoren schauen mit Sorge auf das Coronavirus, sehen sich aber besser gerüstet als bei früheren Krisen. „Anders als in der Finanzkrise sind die Fonds gut mit Geld gefüllt“, sagte Eventures-Partner Christian Miele dem Handelsblatt am Donnerstag. „Wir empfehlen unseren Start-ups vor allem, nun keine wilden Aktionen zu starten, sondern maßvoll zu handeln.“

So wie der Berliner Investor geben eine ganze Reihe von Geldgebern ihren Gründern konkrete Hinweise mit auf den Weg. So rät Miele Gründern, ihre Finanzierung über die kommenden ein bis zwei Jahre zu prüfen und gegebenenfalls weniger Geld auszugeben.

Miele, der auch Chef des Start-up-Verbands ist, sieht bei den jungen Unternehmen sogar Vorteile gegenüber börsennotierten Konzernen. So sind Start-ups meist über Eigenkapital, nicht aber über Kredite finanziert und somit weniger anfällig für kurze Schocks. Start-ups seien daher selten auf Kreditlinien von Banken angewiesen. Zudem sind sie von den aktuellen Börsenschwankungen nicht direkt betroffen.

„Anders als in der Dotcom-Blase sehen wir funktionierende Geschäftsmodelle. Es wird eine Konsolidierung geben, aber es wird nicht so schlimm, wie mancher gerade denkt“, meint Miele.

In den vergangenen Monaten haben wichtige deutsche Investoren wie Eventures, Project A oder Target größere Fonds mit dreistelligen Millionenbeträgen geschlossen. Sie können daher Geld bei ihren Investoren abrufen, um betroffenen Gründern gegebenenfalls Geld nachzuschießen. Mit Ausfällen von Investoren rechnet Miele derzeit nicht.

Der Berliner Risikokapitalgeber Cherry Ventures hat seine Unternehmen in einem Rundschreiben informiert. „In den vergangenen Tagen haben wir unser Portfolio aus 50 Unternehmen analysiert und alle Geschäftsmodelle einem Stresstest unterzogen“, heißt es darin. Dabei seien kurz- und mittelfristige Risiken benannt worden, um passende Maßnahmen ableiten zu können.

Cherry fordert die Gründer auch auf, über mögliche Gehaltssenkungen für die Gründerteams nachzudenken. Die Unternehmen könnten Mitarbeitern auch anbieten, freiwillig Stunden zu reduzieren. Zudem sollten sie „alle Augen auf Cash“ richten, also die Liquidität gezielt managen.

Cherry fordert die Gründer zudem auf, nicht nur das Geschäftsmodell auf Schwächen abzuklopfen, sondern auch Auswirkungen auf mögliche weitere Finanzierungsrunden zu berücksichtigen. Die Gründer sollten einen „Plan B“ entwickeln, falls sich der Markt für private Finanzierungsrunden langfristig abschwächt. „Schon allein die Beschränkungen bei der Reisetätigkeit wird die Zahl der Deals, die die Investoren tätigen, senken“, warnen die Kapitalgeber.

GetYourGuide schickt Belegschaft nach Hause

Auch der Risikokapitalgeber BtoV warnt seine Gründer: „Das Risikokapitalklima könnte ähnlich werden wir 2009/10: Die Leute werden mit euch reden, aber werden viel selektiver und langsamer investieren, mit einer Präferenz auch Fälle, die die neue Normalität abbilden.“ Investoren würden dann Reisebeschränkungen, Wachstumsschwäche und gefährdete Lieferketten stärker beachten.

Die Gründer sollten sich darauf auch in der Kommunikation mit Geldgebern vorbereiten: „Könnt ihr euren Pitch so verändern, dass er attraktiver klingt unter der Annahme eines längeren Krisenszenarios?“ Insgesamt rät BtoV den Teams zu einem angemessen Risikobewusstsein, ohne in Panik zu verfallen.

Auch einzelne Start-up-Gründer informieren ihre Belegschaft aktiv. So mussten die Manager des Event-Vermittlers GetYourGuide ihrer Belegschaft mitteilen, dass nach einem positiven Coronavirus-Test bei einem Mitarbeiter das gesamte Büro für eine Grundreinigung geschlossen bleibt. Das Team macht seitdem komplett Home-Office.

Eventures-Partner Miele sieht in solchen Entwicklungen trotz der Krise sogar Chancen. So könne etwa der verstärkte Einsatz von Remote-Arbeitsplätzen neuen Arbeitsformen zum Durchbruch verhelfen. Andere Geschäftsmodelle von Gründern sieht er unter Druck – vor allem bei Reise und Logistik.

Online-Speditionen wie Sennder hatten im vergangenen Jahr mehrere erfolgreiche Finanzierungsrunden, GetYourGuide überschritt sogar die Grenze zum Einhorn mit einer Bewertung über einer Milliarde Dollar.

Miele appelliert an die Start-up-Szene, in der Krise vorbildlich zu handeln: Wichtig sei zunächst der Schutz der öffentlichen Gesundheit, etwa durch den Verzicht auf Reisen und Veranstaltungen. Der Start-up-Verband will dazu auch die Mitglieder informieren – in einer Videokonferenz.