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Abgestürzte Einhörner: Wie WeWork, Slack & Co. die Luft ausging

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Aus der Traum: WeWorks Börsenpläne sind fürs Erste geplatzt (AP Photo/Mark Lennihan, File )

Es tut sich was an den Kapitalmärkten. Während die Weltbörsen immer stärker durch die politischen Impulse aus Washington und Peking beeinflusst werden, deutet sich bei unter der Oberfläche ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel in der Risikobereitschaft der Investoren an. Vor allem die jüngsten Börsendebütanten werden von Anlegern immer strenger gemieden.

Es sollte die Krönung der IPO-Saison 2019 sein: der hochgehypte Börsengang von WeWork. Mit enormen 47 Milliarden Dollar wurde der Büroflächenanbieter zu Jahresbeginn nach einer weiteren Finanzierungsrunde des Großinvestors SoftBank bewertet.

Nach Einschätzung der japanischen Beteiligungsgesellschaft, aber auch der konsortialführenden Banken sollte das nicht das Ende der Fahnenstange sein: Die beiden Wall Street-Großbanken JP Morgan und Goldman Sachs sahen ein Bewertungspotential von 63 bzw. 96 Milliarden Dollar – Softbank hielt gar eine Bewertung jenseits der 100-Milliarden-Dollar-Schwelle nach dem IPO für angemessen.

Vorzeige-Unternehmen der Shared Economy

Der Himmel schien die Grenze zu sein. Das 2010 vom Adam Neumann und Miguel McKelvey gegründete US-Unternehmen mit Hauptsitz in New York galt schließlich lange als Vorreiter der Shared Economy, in der Selbstständige und Unternehmen projektbezogen und flexibel Arbeitsflächen mit Rund-um-Service anmieten – vom Arbeitsplatz für wenige Stunden, Konferenzräumen bis zu mehreren Stockwerken für Unternehmen. "WeWork ist die Plattform für Unternehmer. Bei uns findest du alles, was du brauchst, um dein Lebenswerk zu schaffen. Make a life, not just a living“, heißt es im Mission-Statement großspurig.

Nebenbei wirbt WeWork, das inzwischen in 650 Standorten rund um die Welt vertreten ist, mit seinem Netzwerk aus Dienstleistungen und Zusatzdiensten – von Buchhaltung bis zur Eventgestaltung. „Es hat ein großes Umdenken hin zu einer neuen Auffassung von Arbeit stattgefunden – eine Bewegung hin zu mehr Sinnhaftigkeit. WeWork beschleunigt und fördert diese Bewegung“, geben sich die New Yorker missionarisch.

Von 47 auf unter 10 Milliarden Dollar in nicht einmal einem Jahr

Allein: In der vorvergangenen Woche konnte das zehn Jahre alte Unternehmen Investoren nicht einmal mehr von einer Bewertung zwischen 10 und 12 Milliarden Dollar überzeugen – der für Ende September geplante Börsengang wurde nach einer wahren Flut an schlechten Nachrichten abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. “Wir haben uns entschieden, den Börsengang zu verschieben, um uns auf unser Kerngeschäft zu konzentrieren, dessen Fundamentaldaten stark bleiben”, teilte das US-Unternehmen kleinlaut am Montagabend mit.

Das Geschäftsmodell bleibt bei aller Verklärung des neuen Arbeitszeitgeistes jedoch eng an die Gesetzmäßigkeiten der Immobilienmärkte gebunden. Neue Räumlichkeiten in den Trendzentren der großen Metropolen sind nach einem jahrzehntelangen Boom an den Immobilienmärkten nicht nur rar, sondern auch inzwischen immer unbezahlbarer – während die Refinanzierungen der sprunghaften Kunden nicht zuletzt von der Wirtschaftsentwicklung abhängt.

Zukunft von WeWork unklar: Gründer Neumann tritt zurück, IPO ungewiss

Für Marketing-Professor Scott Galloway hat sich das WeWork-Drama lange angekündigt. Mitte August rechnete der notorisch eloquente Marketing-Professor der New York University mit dem potenziellen Überflieger ab. „Man kann sich den Sch… nicht ausdenken!“, watschte Galloway den Coworking-Space-Anbieter ab, der im vergangenen Jahr bei Umsätzen von 1,8 Milliarden Dollar haarsträubende 1,9 Milliarden Dollar Verluste einfuhr, und benannte WeWork in einem Blogeintrag ironisch in „WeWTF“ um.

Einen guten Monat später kann sich Galloway mit seiner Prognose wieder einmal bestätigt fühlen. Investoren haben angesichts der ungewissen Ertragslage, aber auch wegen der immer eingetrübteren Gemengelage an den Weltbörsen die Bremse gezogen.

Die beim Börsengang anvisierten Mittelzuflüsse von drei Milliarden Dollar wären trotz der mehrfach dezimierten Bewertung offenbar nicht zustande gekommen, während CEO Neumann nach vernichtenden Presseberichten über seine Unternehmensführung vergangene Woche seinen Hut nehmen musste. Zukunftsperspektiven des vor Wochen noch schillerndsten Einhorns: nun ungewiss. Das britische Renommee-Wirtschaftsmagazin The Economist bringt bereits offen eine mögliche Pleite ins Spiel.

Uber und Lyft Alarmzeichen für veränderte IPO-Landschaft

Der Fall aus dem Einhorn-Himmel kommt nicht ohne Vorgeschichte (Als Einhorn wird ein Startup-Unternehmen mit einer Marktbewertung vor einem Börsengang von über einer Milliarde US-Dollar bezeichnet). Für den Großteil des Börsenjahres herrscht bei Investoren gegenüber hochgewetteten Börsenkandidaten eine gesteigerte Skepsis. Nachdem Fahrdienstvermittler Lyft Ende März enttäuschend an der Wall Street gestartet war, folgte wenig später der vollkommen unerwartete Crash des Hoffnungsträgers Uber, der wie WeWork als Glamour-Unternehmen der jüngeren Internet-Generationen im Mai mit großen Vorschusslorbeeren an der Traditionsbörse NYSE gestartet war.

Doch statt die sicher geglaubte Bewertungsmarke jenseits der 100-Milliarden-Marke zu knacken, wurde der weltgrößte Fahrdienstvermittler Ende vergangener Woche gerade noch mit 50 Milliarden Dollar bewertet. Bei Kursen von 30 Dollar hat Uber bereits ein Drittel seines Wertes dem IPO eingebüßt.

Slack und Peloton unter Ausgabekurs

Und die neuen Mobilitätspioniere stehen mit ihrem Börsenblues nicht alleine da. Auch Börsenneulinge Slack, der im Juni furios gestartet war, wurde inzwischen von der neuen Skepsis gegenüber IPO-Debütanten eingeholt. Der Instant-Messaging-Dienst war zunächst bei Kursen von über 38 Dollar gestartet, notierte am vergangenen Freitag jedoch bei gerade noch 22 Dollar bereits fast 50 Prozent unter dem Allzeithoch, aber auch bereits 15 unter dem Ausgabekurs.

Das Schicksal hat den US-Fitnessgerätehersteller Peloton sofort am ersten Handelstag ereilt. Das sieben Jahre Unternehmen, das in erster Linie teure Indoor-Workout-Fahrräder mit Bildschirm anbietet, die sich in Fitnessstudios großer Beliebtheit erfreuen, notiert nach gerade zwei Handelstagen bereits um 14 Prozent im Minus. Für Scott Galloway ist das harsche Erwachen der Einhörner allerdings kein Grund zur Beunruhigung. „Die Märkte kehren nach einer psychotischen Pause zur Realität zurück“, twitterte der Marketing-Professor am Wochenende.