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Zweiter Ausverkauf durch Viruspanik

Die Angst vor Coronaviren steckt immer weitere Bereiche von Wirtschaft, Märkten und Gesellschaft an. Angst aber ist ein schlechter Ratgeber – vor allem an den Börsen.

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Eine einzige Meldung würde genügen, und der ganze Spuk wäre vorbei: Die von Coronaviren ausgelösten Krankheiten sind heilbar – so könnte eine solche frohe Botschaft lauten. Und unrealistisch ist das keineswegs. Bisher gibt es schon eine Reihe von Präparaten, die gegen andere schwere Infektionskrankheiten wie Ebola oder Malaria entwickelt beziehungsweise eingesetzt werden und die auch Wirkung gegen Coronaviren zeigen; entsprechende Feldversuche laufen auf Hochtouren.

Gerade weil Coronaviren derzeit so einschneidend wirken auf alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft (von der Gefahr einer neuen Rezession über Panik an den Aktienmärkten bis hin zu Kontaktvermeidung unter Menschen und Hamsterkäufen von Raviolidosen), sind die Anstrengungen, dagegen vorzugehen, sehr umfassend; wie etwa die jüngste Initiative der US-Regierung, die acht Milliarden Dollar für den Kampf gegen die Viren locker macht.

Auch am Markt gibt es Resistenz. Aktien des amerikanischen Pharma- und Biotechkonzerns Gilead Sciences sind überdurchschnittlich stabil, weil das Gilead-Medikament Remdesivir zu den Hoffnungsträgern im Kampf gegen die Viren zählt. Drägerwerk, eine der führenden Adressen weltweit bei persönlichen Schutzausrüstungen und Atemschutzgeräten, spürt eine lebhafte Nachfrage nach entsprechenden Produkten, die Aktie sieht vielversprechend aus. Sanofi, einer der größten Impfstoffhersteller weltweit, notiert nur wenige Prozent unter dem jüngsten mittelfristigen Hoch. Die Aktie ist nach wie vor moderat bewertet und aussichtsreich. Nach allen bisherigen Erfahrungen wird es früher oder später Medikamente geben, durch die sich die Folgen von Coronaviren eindämmen lassen, so dass die Krankheit letztlich nur einer von vielen behandelbaren Infekten sein wird.

Notenbank Hilfe verpufft erstmal – ein typisches Zeichen von Panik

Dass die Märkte trotz der jüngsten, deutlichen Zinssenkung der Fed nicht auf die Beine kommen, mag zunächst überraschen. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe: Zum ersten fehlt bisher die Flankierung durch die EZB. Deshalb sind auch die Anleihe- und Währungsmärkte in Schieflage gekommen. Sichtbar ist dies am dramatischen Verfall der US-Renditen, die sich zuletzt wesentlich stärker verringert haben als die Rendite von Bundesanleihen. Der Euro hat deshalb zuletzt wieder massiv an Wert gewonnen.

Außerdem interpretieren die Anlagemärkte im aktuellen Panik-Modus derzeit Nachrichten generell negativ: Sie sehen in der massiven Zinssenkung nicht ein substanzielles Hilfesignal der Notenbank, sondern ein Zeichen einer umso schwereren Krise.

Indes, auf beiden Problemfeldern könnte es schon in den nächsten Wochen eine Entspannung geben. Die EZB wird sich der neuen Richtung der Fed anschließen, auch wenn ihre Möglichkeiten begrenzter sind. Zumindest aber dürfte dies dazu führen, den zuletzt auffällig starken Euro wieder einzudämmen.

Mindestens genauso wichtig sind die Selbstheilungskräfte der Märkte. Und die bestehen darin, dass eine extreme Sichtweise naturgemäß nicht von Dauer ist. So, wie Aktienmärkte nach einer Euphorie korrigieren oder sogar kräftig abrutschen, ziehen sie nach Panik-Phasen immer wieder deutlich an.

Im Dax kam es von 13.600 bis 11.600 Punkte zu einem Ausverkauf. Das war die erste, schwere Abwärtswelle. Danach schloss sich eine kurze Erholungsphase an, in der die Notierungen bis auf 12.250 Punkte vordrangen. Das Idealziel von 12.500 bis 12.600 Punkte wurde weit verfehlt. Das zeigt, wie groß die aktuelle Verunsicherung nach wie vor ist. Nun hat die schon ins Auge gefasste zweite Abwärtswelle begonnen.

Runter bis auf 10.000 Punkte? Einstiegsgelegenheit?

Wenn diese zweite Welle – was theoretisch durchaus möglich ist – ein ähnliches Ausmaß annimmt wie die erste, ergäbe das einen weiteren Verlust von 2000 Punkten. Gerechnet von der Zwischenspitze bei 12.250 ergäbe dies ein theoretisches Rückschlagpotenzial in den Bereich 10.500 bis 10.000 Punkte im Dax. Hier etwa lag das Tief vom Januar 2019.

Ob der Dax wirklich noch einmal so schwer abstürzt, ist keineswegs ausgemachte Sache. Die Grundtendenz der Märkte wird nicht in Europa gemacht, sondern in den USA. Und hier halten sich vor allem die vielgescholtenen Hochtechnologieaktien weiterhin vergleichsweise gut. Der Nasdaq-100-Index hat schon in seiner ersten Abwärtsphase weniger als der Dax verloren und sich danach ausgeprägter erholt. Und selbst jetzt hat er immer noch Luft zu seinem großen Trend, den man aktuell um 8000 Punkte verorten kann.

Mit anderen Worten: Auch wenn es am Nasdaq-Markt zu einem zweiten Ausverkauf bis in den Bereich um 8000 Punkte käme, wäre der große Trend immer noch intakt. Spätestens dann aber, nach einem zweiten Ausverkauf, dürfte es zahlreiche Einstiegsgelegenheiten für mutige Investoren geben.

Sogar die schwer angeschlagenen Chemie- und Fahrzeugwerte sollten sich dann wieder stabilisieren. Etwa Reifenhersteller Continental, der den Anlegern gerade desaströse Zahlen vorgelegt hat und mittelfristig keine Hoffnung auf Erholung geben kann. Nachdem die Aktie von 2018 bis 2019 ihre erste Abwärtsphase absolviert hat, kommt es nun zum zweiten Abwärtsschock. Er könnte bis in den Bereich um 70 Euro gehen.

Neue Abwärtsdynamik entsteht auch bei Henkel. Bis die Umbaustrategie des neuen Chefs greift – etwa weniger interessante Marken zu verkaufen – wird es Monate dauern. Die bisherigen Gewinnschätzungen für 2020 dürfte in Kürze revidiert werden. Zwischen 70 und 80 Euro hat die Aktie eine breite Unterstützungszone, in der sich mittelfristig Tiefspitzen bilden könnten.