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Zwei Kölner bauen E-Bike-Flotten für Flink und Co. – trotz kriselnder Lieferbranche

Der Akku macht den Unterschied: Die Kölner Henry Horn (l.) und Konrad Essers haben robuste E-Bikes entwickelt, die der intensiven Nutzung durch Lieferdienste standhalten.  - Copyright: Maurice Schmittem - IMAGE YOU
Der Akku macht den Unterschied: Die Kölner Henry Horn (l.) und Konrad Essers haben robuste E-Bikes entwickelt, die der intensiven Nutzung durch Lieferdienste standhalten. - Copyright: Maurice Schmittem - IMAGE YOU

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Die Fahrräder mit dem rosa Aufkleber am Rahmen stehen zur Abholung feinsäuberlich aufgereiht. Sie kommen eben aus der Reparatur zurück – bereit für die nächsten 10.000 Kilometer, die ein Flink-Kurier zum Ausliefern von Lebensmitteln jährlich zurücklegt. Auf dem Werkstattgelände in Köln-Ehrenfeld halten Henry Horn und Konrad Essers, Gründer von Smartvélo, die Räder der Lieferdienste buchstäblich am Laufen: Ihr Startup managt von der Produktion hochwertiger E-Bikes, über den Verkauf bis zur Reparatur und Wartung die gesamte Zweirad-Flotte für Unternehmenskunden wie Flink, Lieferando und die Luxus-Hotelkette 25 Hours.

Was die E-Bikes des Startups von gewöhnlichen E-Bikes im Markt abhebt, ist der robuste Akku. „Normalerweise hält ein Akku, der in einem handelsüblichen Fahrrad verbaut ist, etwa 800 Ladezyklen. Nach zwei Jahren ist der hinüber“, sagt Henry Horn. „Unser Akku kann über 2.500-mal aufgeladen werden.“ Dem Gründer zufolge baue Smartvélo damit das nachhaltigste Last-Mile-Delivery-Bike. Die Akkus beziehen sie von einem Startup nahe Hamburg, das auch die Deutsche Post beliefert.

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In ihrer Halle riecht es nach Gummi, Schraubenschlüssel klirren. Gegenüber der Flink-Räder stapeln sich Kisten mit Reifen. „Die bekommen wir von einem Gefängnis aus Bautzen, die Insassen speichen dort Laufräder ein“, sagt Konrad Essers. Aus der Werkstatt dringen Männer-Stimmen herüber, es dröhnt alte Musik von Justin Bieber. „Hier ist immer Party“, erklärt der Gründer.

Startup will Handwerker mit Startup-Spirit gewinnen

Ihre Firma beschäftigt heute 30 Mitarbeiter, davon sind rund die Hälfte Fahrradmechaniker. Wie andere Handwerksbetriebe auch, ist das Startup vom Fachkräftemangel betroffen. „Gelernte Zweirad-Mechatroniker sind superschwer zu finden,“ sagt Essers nach dem Rundgang. Dem Gründer zufolge würden viele ihrer Beschäftigten ursprünglich aus dem Automobil-Bereich kommen und umsatteln. Laut dem Verbund Service und Fahrrad sind in der Branche tausende Stellen unbesetzt. Die Job-Plattform Stepstone meldet für Zweiradmechaniker in Deutschland rund 5.500 offene Stellen.

Zeitweise hat Smartvélo Nachwuchs-Mechatroniker selbst ausgebildet, tut es heute aber nicht mehr. Dazu Henry Horn: „Die Abbruchquote im Handwerk ist sehr hoch. Man verdient oft unter 500 Euro brutto im Monat – das ist schwer damit klarzukommen.“ Der Gründer weiß, wovon er spricht. Er selbst absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien.

Die Jungs nehmen sich vor, in den „alteingesessenen Handwerksbetrieb mehr Startup-Leben“ zu bekommen. Sie wollen mit lockerer Arbeitskultur, Feierabend-Events, faire Löhnen und freien Wochenenden Fachkräfte für sich gewinnen. Einiges liefe über Social Media, oft bringe jemand frühere Arbeitskollegen mit zum Startup.

Von mobiler Waschanlage zu Rund-um-Sevice für Fahrräder

Horn und Essers sind seit ihrer Jugend miteinander befreundet. Das Gründen steckt beiden, wenn auch auf unterschiedliche Weise, in den Genen. Essers wusste bereits als Schüler, dass er ein eigenes Unternehmen führen wollte. Bei Horn begann es künstlerisch: Mit neun Jahren gründete er die Kinderband „Apollo 3“ mit und übernahm mehrere Rollen in deutschen Fernsehproduktionen wie Alarm für Cobra 11 und SOKO. Nach seiner Ausbildung bei der früheren Musikproduktionsfirma seiner Band, ging der damals Zwanzigjährige nach Berlin, wo er 2019 ein Studium an der Universität der Künste begann. Die Pandemie brachte ihn zurück nach Köln, wo er sich dem ersten Startup von Essers anschloss: „Smart Racoon“, eine mobile Waschanlage für Fahrräder.

Essers hatte das Startup 2018 nach seiner Ausbildung im Eventmangement aufgebaut. „Wir haben damals zum Beispiel für Swapfiets die Fahrrad-Lager in mehreren Städten gewaschen“, erzählt Essers. Bis heute seien Teammitglieder von damals mit an Bord. Im Juni 2020 gründeten sie zusammen Smartvélo – ein ähnlicher Name mit neuem Konzept.

Die Freunde verfolgten zunächst die Idee, Privatkunden einen mobilen Rund-um-Service fürs Rad zu bieten. Mit einem Transporter holten die Gründer kaputte Fahrräder an der Haustür ab, reparierten sie und stellten in der Zwischenzeit Ersatzräder zur Verfügung. Im Winter ließ die Nachfrage allerdings deutlich nach – die Gründer sahen fortan im Aufkommen der Schnelllieferdienste Lieferando, Flink und Gorillas eine Chance.

„Wir haben angefangen, die früheren Fahrradflotten von Lieferdiensten, sozusagen die unserer Konkurrenz, zu warten“, sagt Horn. Für die intensive Nutzung durch zahlreichen Kurierfahrten waren die Bikes oft nicht gut ausgestattet. Die Gründer gaben Tipps, welche Bremsanlagen etwa verbaut werden müssen, damit weniger Reparaturen anfielen. „Irgendwann haben uns die Lieferdienste direkt angesprochen, ob wir ihnen ein eigenes Fahrrad bauen können.“

Ihr erster Kunde war der Münchener Fast-Food-Lieferant Burgerme. Für ihn sollten die Kölner in einem Pilotprojekt damals sieben Räder herstellen. Die riesige Produktionshalle besaß Smartvélo zu dem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen hatten Horn und Essers ihre Werkstatt auf dem Gelände eines alten Kölner Nachtclubs eröffnet – mit Werkbänken aus gestapelten Kölschkisten. Ihr Büro – eine umfunktionierte Autolackierkabine – „war arschkalt und stank bestialisch“, erinnern sich die zwei. Dagegen halfen auch die Pina Colada-Duftbäume nicht, denn in die Lüftungsschächte flogen Tauben „und kehrten nie zurück“, erzählt Horn.

Beirren ließ sich das Duo davon nicht. Essers baute zusammen mit dem Monteur-Meister eine Produktionsstraße auf. „Wir haben alle Komponenten in eine Reihenfolge neben den Rahmen gelegt und vom Lenker über den Sattel alle Teile schrittweise zusammengesteckt.“ Mit Erfolg: Im Jahr 2021 erreichte die Kölner der erste Großauftrag. Die Bestellung: 180 E-Bikes für das Startup Flink.

Startup produzierte Tag und Nacht für ersten Flink-Auftrag

Um das zu schaffen, brauchte Smartvélo nicht nur ein größeres Handwerker-Team, sondern vor allem mehr Platz – sie zogen nach Ehrenfeld um. Dort teilten sie über Monate hinweg Tag- und Nachtschichten ein, bauten eine große Produktionsstraße auf und übernachteten in der Werkstatt. „Das war total geil“, freut sich Essers. „Im Dezember hatten wir weitere 180 Fahrräder in Köln auf den Markt gebracht.“

Inzwischen hat das Startup mehr als 1000 Fahrräder ausgeliefert. Dabei stellen die Kölner ihre E-Bikes mittlerweile nicht mehr selbst vor Ort her, sondern haben die Produktion nach Porto ausgelagert. In Portugal hat sich das größte europäische Kompetenzzentrum für die Fahrradproduktion entwickelt: Mehr als 60 Zulieferern und Hersteller von Komponenten arbeiten im sogenannten „Bike Value“ zusammen und produzieren jährlich knapp drei Millionen Fahrräder.

Den Gründern von Smartvélo geht es neben Qualität vor allem um Nachhaltigkeit – Räder sollen möglichst lange halten. Mit dem Kauf der E-Bikes gehen Kunden daher einen Servicevertrag ein. „Wir produzieren nicht einfach Fahrräder, werfen sie in den Markt und was danach mit ihnen passiert, interessiert uns nicht. Um alles, was wir entwickeln und bauen, kümmern wir uns“, sagt Horn. Je nach Kilometerzahl, die Fahrer zurücklegen, der Anzahl der Räder pro Standort, spezifischen Anpassungen für Räder und Service-Paket, zahlen Kunden unterschiedliche Preise im Monat. Details zur genauen Höhe wollen die Gründer aus Wettbewerbsgründen nicht preisgeben.

Zudem können Kunden bei dem Startup bestehende Fahrradflotten warten lassen. So macht es beispielsweise das 25 Hours-Hotel. Auch für den Entsorgungskonzern Remondis sorgt Smartvélo für die Instandhaltung der Werksfahrräder. Die Stadt Köln engagiert das Startup etwa für besondere Fahrrad-Events wie das Radrennen „Rund um Köln“, um Bikes von Anwohnern auf Sicherheit zu checken.

Keine Angst vor der Lieferdienst-Krise

Verschiedene Kundengruppen bringen dabei nicht nur den „Jungs in der Werkstatt“ Abwechslung, sondern sichern das Geschäft. Denn Schnelllieferdienste wie das von Getir übernommene Startup Gorillas oder Flink, das im Mai 2023 eine Notfinanzierung über 150 Millionen Euro bekam, stecken in der Krise. Andere Anbieter wie der orientalische Lebensmittelkurier Yababa mussten Insolvenz anmelden. Horn und Essers glauben, mit ihrem Startup dennoch einen Zukunftsmarkt zu bespielen: „Wir sind erstmal im Markt drin, so schnell wird uns keine Krise runterziehen“, betont Essers.

Ihr Fokus sei zudem nicht nur die letzte Meile, sondern eine Palette an Fahrrädern aufzubauen. Dass im Liefer-Segment nach dem Corona-Boom Anbieter verschwinden, findet der 24-Jährige plausibel und sogar wünschenswert. „Das bringt wieder mehr Struktur.“ Künftig will sich das Unternehmer-Duo auch andere Geschäftsfelder ansehen, wie etwa Lastenfahrräder für den Transport von Kindern. Ein sogenanntes „Longtail“-Lastenrad hat Smartvélo schon entwickelt.

Eine sowohl finanzielle als auch strategische Stütze sind den Kölnern ihre Investoren. So beteiligen sich etwa der Sparhandy-Gründer Wilke Strohman, Sven Oliver Pink, der 2010 das Schulrucksack-Startup Ergobag mitaufbaute sowie der Investor Adrian Hotz an Smartvélo. Gründer Essers zufolge mache ihr Startup in diesem Jahr „mehrere Millionen“ und könnte laut Horn profitabel sein, wenn sie wollten. Derzeit planen die Gründer nächste Finanzierungsschritte, um ihr Wachstum voranzutreiben.

Den Markt teilen sich die Mittzwanziger mit Anbietern wie dem Berliner Startup Cycle, vormals Gethenry, das der frühere Uber-Manager Luis Orsini-Rosenberg 2019 gegründet hat. Der Unterschied: Cycle vermietet seine Fahrrad-Flotten für ein bis drei Jahre an Lieferdienste wie Gorillas, Flink und den Medikamenten-Versand Mayd, statt sie zu verkaufen. Im Mai 2022 sammelten die Berliner rund 17 Millionen, unter anderem beim Londoner VC Local Globe, ein. Smartveló stehe mit dem Gründer im Austausch, so Horn.