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Warum die Zahl der Intensivbetten der falsche Indikator für die Überlastung der Kliniken ist

Fanny Jimenez
·Lesedauer: 5 Min.

In der Politik wird geredet, lang und beharrlich: über Ladenöffnungen, Notbremse und Lockdown-Maßnahmen. Passiert ist seit den Tagen vor Ostern nicht viel. Genauso lang und beharrlich warnen Intensivmedizinerinnen und Intensivmediziner, und ihre Warnungen werden häufiger und lauter: Die Überlastung der Intensivstationen drohe, es sei fünf nach zwölf, es müsse jetzt etwas geschehen, sofort. Nein, sagen sie, es lägen nicht die Nerven blank. Intensivmediziner seien schließlich Menschen, die in Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, ruhig bleiben. Aber bei ihnen rege sich "absolutes Unverständnis".

Wenn von den Kapazitäten der Intensivstationen die Rede ist, dreht sich die Diskussion oft um Intensivbetten, aufgeschobene Operationen, Beatmungsgeräte. Klar, die braucht es auch. Aber sie sind nicht das zentrale Problem – und damit nicht der wichtigste Indikator, wenn es um die Überlastung der Kliniken geht. Tatsächlich geht es um jene, die die Patienten in den Betten betreuen, die Operationen durchführen und die Beatmungsgeräte überwachen: das medizinische Personal. Um Menschen, die seit über einem Jahr bis ans Ende ihrer Kräfte arbeiten, unter dem ständigen Risiko, selbst an Covid-19 zu erkranken.

Ein neues Dokument der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), das Business Insider vorliegt, gibt Auskunft über die derzeitige Lage auf den Intensivstationen in Deutschland. Die Auswertung zeigt: Stand 13.4. waren 20.503 Betten auf intensivmedizinischen Stationen belegt – und 3.175 Betten noch frei. Nach derzeitigem Stand gibt es hier also noch knapp 16 Prozent Luft nach oben. Das klingt nicht nach viel, ist es auch nicht. Aber: Die Intensivmediziner können innerhalb kurzer Zeit noch eine Notfallreserve von 10.363 Betten mobilisieren.

Gleichzeitig jedoch steigen und steigen die Zahlen – und auf den Intensivstationen bildet sich Infektionsgeschehen erst nach drei bis vier Wochen ab. Schon im März warnte DIVI-Präsident Professor Gernot Marx: „Wir rennen sehenden Auges ins Verderben.“ Er forderte zwei bis drei Wochen harten Lockdown, zum Beispiel nach den Osterferien. Nur weil die Bevölkerung des Lockdowns müde sei, könne man nicht bei so hohen Inzidenzen bleiben und über Lockerungen nachdenken. "Wir müssen von den hohen Zahlen runter! Jetzt. Augenblicklich."

Ohne Lockdown werden fast 7.000 Menschen intensivmedizinisch behandelt werden

So wie andere Forscher die Zahl der Neuinfektionen versuchen vorherzusagen, sind Intensivmedizinern Prognosen zur Belegung der Intensivstationen wichtig. Professor Christian Karagiannidis und Professor Steffen Weber-Carstens entwickelten gemeinsam mit dem Mathematiker Professor Andreas Schuppert vom Instituts für Computational Biomedicine an der RWTH Aachen ein Prognosemodell dafür, das im Dokument zu sehen ist. Es zeigt deutlich: Ein Lockdown wie im Dezember hätte sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Belegung der Intensivstationen – abhängig vom Inzidenzwert. Im Moment liegt die 7-Tages-Inzidenz bundesweit bei etwa 160.

Professor Christian Karagiannidis erklärte dazu: „Unser Modell zeigt mögliche Verläufe. Bis auf mehr als 4.500 Patienten werden wir auf jeden Fall wieder hochgehen. Das ist unvermeidbar. Wird dann ein harter Lockdown beschlossen, schaffen wir es knapp über 5.000 die Kurve wieder zu senken. Warten wir noch länger, und stoppen erst bei einer Inzidenz von 300 Ende April oder Anfang Mai, werden wir mehr als 6.000 Menschen mit Covid-19 auf Intensiv sehen. Ob wir das packen, wage ich zu bezweifeln.“

Vor allem Personal fehlt

Die Auswertung des DIVI zeigt auch, dass sich die Betriebssituation auf den Intensivstationen seit November stark verschlechtert hat. Intensivmedizinerinnen und -mediziner gaben vor allem im Januar und Februar an, dass der Betrieb eingeschränkt war – und wieder seit Ende März/Anfang April. Der Grund dafür liegt vor allem im fehlendem Personal, wie diese Übersicht zeigt:

Hier ist deutlich zu sehen, dass der Personalmangel das mit Abstand größte Problem für die Intensivstationen darstellt. Zwar sind auch die Meldungen über fehlenden Behandlungsraum, also Intensivbetten, gestiegen – jedoch gab es doppelt so viele Meldungen, dass vor allem im Januar Personal fehlte. Und: Auch seit Ende März/Anfang April steigen die Meldungen wieder drastisch an.

Die Verteilung der Ressourcen in Deutschland

Was bedeutet das nun für die Versorgung von Corona-Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland? Prinzipiell sind erst einmal noch genügend intensivmedizinische Betten und Behandlungen in Deutschland möglich und verfügbar. Allerdings nicht überall gleichermaßen, auch das zeigt der Bericht der DIVI. Denn wo Kliniken Kapazitäten haben ist abhängig von Bundesländern und Landkreisen.

Wie die Deutschlandkarte zeigt, gibt es zum Beispiel in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen noch genügend Kapazitäten, in Baden-Württemberg oder Bayern allerdings ist nicht mehr allzu viel verfügbar.

Regional gebe es bereits Engpässe in Kliniken, etwa in Köln, Bremen, Berlin, in Thüringen und in Sachsen, so Divi-Generalsekretär Florian Hoffmann. Patientinnen und Patienten würden von dort ausgeflogen und konkurrierten in anderen Regionen mit Patienten etwa mit Herzinfarkten, nach Notfall-Operationen und Unfällen. Stand Freitag, den 16.4., liegen 4.740 Covid-19-Patienten auf Deutschlands Intensivstationen. Das liegt bereits über der Marke, die Christian Karagiannidis mit seinem Modell mindestens vorhergesagt hatte.

Das heißt zum einen, dass sich beim derzeitigen Stand zwar noch niemand davor fürchten muss, nicht behandelt zu werden. Es heißt aber zum anderen, dass Patientinnen und Patienten unter Umständen in andere Städte oder Bundesländer verlegt werden müssen. Letzteres wird umso wahrscheinlicher, je höher die Inzidenz steigt, und damit vorhersehbar auch die Auslastung der Betten, der Beatmungsgeräte – und der Menschen, die Corona-Kranke behandeln und pflegen.