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Willkommen in der Volksrepublik der verschwundenen Milliardäre

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Allein, dass man es im Ausland für möglich hält, dass der verschwundene Jack Ma festgenommen wurde, sollte Peking zu denken geben. Schon die reine Spekulation wirft kein gutes Licht auf den Wirtschaftsstandort China.

Die Frage, wo Jack Ma steckt, können selbst die nicht beantworten, die es eigentlich wissen sollten. Wer Mitarbeiter von Alibaba fragt, wo der Gründer ihres Unternehmens geblieben ist, blickt in ratlose Gesichter. Es ist nicht so, dass sie es nicht sagen wollen. Die über einhunderttausend Mitarbeiter des chinesischen Online-Giganten sind in diesen Tagen offenbar einfach nicht schlauer als der Rest der Welt.

„Keiner spricht offen im Unternehmen darüber“, sagt etwa ein Alibaba-Mitarbeiter in Shenzhen: „Im Intranet bei uns gibt es jedenfalls keinen Hinweis, der alles aufklärt. Es traut sich auch niemand, das Thema dort zu diskutieren.“

Dabei wäre es wohl angebracht, dass die Kommunikatoren von Alibaba, wenn schon nicht nach außen, zumindest intern Fakten schaffen würden. Doch das Thema, das vor Tagen erstmals von der „Financial Times“ und seitdem rauf und runter in internationalen Medien diskutiert wird, scheint zu heikel, um es zu kommentieren.

Die britische Wirtschaftszeitung hatte festgestellt, dass Milliardär Ma bereits seit Ende Oktober nicht mehr öffentlich in China aufgetreten war. Zuletzt vor einem größeren Publikum zu sehen war Ma demnach bei jener berühmten Rede, mit der er die chinesische Führung zur Weißglut getrieben haben soll.

In seinem Rundumschlag hatte Ma den Banken des Landes unter anderem eine „Pfandhausmentalität“ vorgeworfen. „Gute Innovation hat keine Angst vor Regulierung, aber sie hat Angst vor veralteten Vorschriften“, wurde Ma zitiert. Die Zukunft dürfe nicht „mit Methoden von gestern“ reguliert werden. Der Ausgang ist bekannt: Kurze Zeit später stoppten die Regulatoren den nur Tage später geplanten Börsengang der Alibaba-Finanztochter Ant Group. Es hätte der größte Börsengang aller Zeiten werden sollen. Auch an anderer Front geriet Alibaba ins Kreuzfeuer, das nun auch noch wegen unterstellter Monopolvergehen von der chinesischen Kartellbehörde untersucht wird.

Und Ma? Wurde er tatsächlich festgenommen, wie nun teilweise im Westen spekuliert wird? Mit hundertprozentiger Sicherheit lässt sich diese Vermutung nicht verneinen, da selbst Alibaba nicht in der Lage scheint, den Sachverhalt aufzuklären. Beobachter, die Ma und Alibaba kennen, halten eine Festnahme für so gut wie ausgeschlossen. „Ma wurde sehr wahrscheinlich geraten, dass er erstmal die Füße still halten und keine weitere Aufmerksamkeit auf sich und Alibaba lenken soll“, sagt ein langjähriger Alibaba-Kenner.

„Willkommen in der Volksrepublik der verschwundenen Milliardäre“

Auch, wenn dieses Szenario stimmt, wirft es kein gutes Licht auf den Wirtschaftsstandort China. Denn mal wieder heißt es nun: „Willkommen in der Volksrepublik der verschwundenen Milliardäre“. So verschwand im vergangenen März der Immobilienmagnat Ren Zhiqiang (69) von der Bildfläche, nachdem er die Kommunistische Partei beschuldigt hatte, den Coronavirus-Ausbruch nicht gut gemanagt zu haben. Auch hatte er Chinas Präsidenten Xi Jinping einen Clown genannt. Das Ende vom Lied: Ren wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Bereits im Winter 2017 verschwand auf spektakuläre Art der Investmentmanager Xiao Jianhua. Er wurde aus dem Hongkonger Four Season Hotel entführt und von dort aufs chinesische Festland gebracht. Wegen Veruntreuungsvorwürfen gingen Teile von Xiaos Tomorrow Group in staatliche Hand über.

2015 hatte das Verschwinden des Milliardärs Guo Guangchang für große Aufregung versorgt. Nutzer von sozialen Netzwerken hatten damals beobachtet, wie er am Flughafen von Shanghai von Polizisten abgeführt wurde. Ein chinesisches Wirtschaftsmagazin schrieb von möglichen Korruptionsermittlungen gegen den Gründer der chinesischen Fosun-Gruppe.

Erst Tage später klärte sein Unternehmen die Lage auf. Das mysteriöse Verschwinden von Guo sei demnach damit zu erklären gewesen, dass er der Polizei in Shanghai bei Ermittlungen geholfen habe. Es habe sich in erster Linie um eine „private Angelegenheit“ des Firmengründers gehalten.

Für Guo ging es danach wieder normal weiter. Fosun erhielt sogar grünes Licht, in China den Corona-Impfstoff der Mainzer Firma Biontech zu produzieren, das in der Volksrepublik nicht auf Pfizer als Partner setzt. Ähnlich wie Guo könnte auch Ma trotz aller derzeitigen Probleme vor einer Rehabilitierung stehen.

Peking weiß schließlich um die große Beliebtheit des chinesischen Internet-Stars in der Bevölkerung. Und auch, dass Alibaba ins Visier der Regulatoren geraten ist und derzeit kräftig unter Druck steht, könnte am Ende nur eine Momentaufnahme sein, glauben Alibaba-Kenner.

Erinnert wird so etwa an ähnliche Probleme, die vor drei Jahren mit Tencent der zweitgrößte Internet-Konzern des Landes hatte. Tencent ist nicht nur für sein soziales Netzwerk Wechat bekannt, sondern macht einen großen Anteil seiner Umsätze mit Online-Spielen. Die gerieten im März 2018 ins Fadenkreuz der Regulatoren. Über Monate weigerten sich die Behörden, neue Spiele zuzulassen, was bei Tencent einen dramatischen Kurseinbruch an der Börse von 40 Prozent zur Folge hatte.

Doch nachdem neue Regeln für die Branche gefunden waren, und Tencent sein Geschäft anpasste, ging es wieder steil bergauf. Heute markiert Tencent neue Höchststände und ist doppelt so viel wert wie zum Tiefpunkt der Krise 2018.

Mehr zum Thema: Alle suchen Jack Ma. Er gilt als verschwunden, seit er nicht zur Aufzeichnung einer TV-Show erschien. Aber warum sitzt Chinas reichster Mann überhaupt in der Jury der afrikanischen Version von „Höhle der Löwen“?