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Weltkrise Coronavirus: Was ist das Worstcase-Szenario?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Die Welt im Ausnahmezustand der Coronakrise: Hamsterkäufe in den Supermärkten, Ausverkauf an den Weltbörsen (AP Photo/Nati Harnik)

Es sind die bewegtesten Tage des 21. Jahrhunderts. Das Coronavirus verbreitet sich explosiv rund um den Globus und hat längst die Weltbörsen infiziert, an denen immer dramatischere Ausschläge zu verzeichnen sind. Wo endet die Talfahrt?   

Der Point of no Return ist erreicht. Das Coronavirus ist nicht mehr zu stoppen – es explodiert förmlich in Europa. „Es geht nicht mehr darum, zu verhindern, dass Menschen mit dem Virus zusammenkommen.  Das ist eine Pandemie. Sie ist nicht mehr zu stoppen. Es geht um die Verlangsamung“, brachte ZDF-Anchorman Claus Kleber auch dem letzten Zuschauer das Ausmaß von Covid-19 in die Wohnzimmer.   

In der vergangenen Woche überschlugen sich die Nachrichten: Es passierten Dinge, die seit der Finanzkrise 2008 nicht passierten. Die amerikanische Notenbank Fed flutete die Wall Street in historischen Dimensionen. 1,5 Billionen Dollar stellen die amerikanischen Währungshüter den Banken bereit, um wie vor elf Jahren einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Sonntagabend legte die Fed abermals nach und senkte den Leitzins außerplanmäßig sogar auf null bis 0,25 Prozent.    

Notenbanken und Regierungen mit „Whatever it takes“-Zusagen

Die EZB kündigte eine Ausweitung des Anleihekaufprogramms um 120 Milliarden Euro an und stellte notleidenden Banken Kredite in Aussicht.  Die Bundesregierung wartete am Freitag mit ihrem „Whatever it takes“-Moment auf und versprach, Unternehmen und Unternehmern – vom Global Player bis zum Taxifahrer unbegrenzte Kredite. "Wir legen alle Waffen auf den Tisch“, gab sich Finanzminister Olaf Scholz noch pathetischer als seinem Amtsvorgänger Peer Steinbrück während der Finanzkrise.   

Doch selbst die Verwerfungen des Finanzsystems nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers erscheinen dieser Tage klein gegen das, was sich vor unseren Augen in einer Geschwindigkeit entfaltet, die jede Science-Fiction-Pandemie-Serie wie einen schwachen Abklatsch erscheinen lassen. Eine Abschaltfunktion ist bislang nicht in Sicht: Corona ist unsere tägliche Horrorserie, die 24 Stunden läuft – mit einem immer beschleunigteren Spin.

Historische Ausschläge: Märkte außer Rand und Band

Entsprechend befanden sich die Aktienmärkte in der vergangenen Woche im absoluten Ausnahmezustand. Die Woche begann mit einem „Schwarzen Montag“, gipfelte mit einem noch schwärzeren Donnerstag im größten Crash seit 1987 bzw. aller Zeiten im Dax, um dann wieder im späten Freitagshandel an der Wall Street die größte Rally seit der Lehman-Krise hinzulegen.  „Volatilität bedeutet große Bewegungen in beide Richtungen“, kommentierte Randy Frederick vom Broker Charles Schwab die historischen Ausschläge.

Doch im großen Corona-Crash sind die Märkte längst nicht alle gleich geschaffen. Zwar sind die Leitindizes dies- und jenseits des Atlantiks in der vergangenen Woche allesamt im Bärenmarkt angekommen, doch die erdrutschartigen Verluste waren in Europa, das die Weltgesundheitsbehörde inzwischen als „Epizentrum der Coronavirus-Pandemie“ bezeichnete, noch deutlich größer als in den USA. 

Dax weitaus stärker unter Druck als Dow Jones     

Während die Technologiebörse Nasdaq und der marktbreite S&P nach der Monsterrally am Freitag um 20 Prozent hinten liegen, hat der Leitindex Dow Jones gegenüber seinen Höchstkursen um 22 Prozent an Wert eingebüßt. Der Dax hat dagegen nach hemmungslosen Verkäufen bereits 33 Prozent gegenüber seinem erst im Februar aufgestellten Allzeithoch verloren. (Berücksichtigt man den Kursschub der Wall Street im späten Handel beträgt das Minus des L-Dax 30 Prozent.)          

Gegenüber den historischen Crashs, die die Weltbörsen in den vergangenen Jahrzehnten zu erleiden hatten, scheint damit im Corona-Crash immer noch viel Luft nach unten. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 büßte der Dax von seinen Höchstständen in der Spitze mehr als 40 Prozent an Wert ein, in der Finanzkrise 2008/09 waren es in der Spitze fast 60 Prozent. Nach dem Platzen der Internetblase kollabierte der deutsche Bluechip-Index gar von über 8000 auf unter 2200 Punkte und löschte damit fast 75 Prozent der Aktienvermögen aus. Die Wall Street halbierte sich in der Finanzkrise ebenfalls, während die Techbörse Nasdaq im großen Dot.com-Crash gar mehr als 80 Prozent ihres Wertes pulverisierte.      

Rezession längst Konsens 

Berücksichtigt man diese historischen Gegebenheiten, kann Anlegern in der Corona-Pandemie angst und bange werden – von den medizinischen Implikationen, die im schlimmsten Fall Millionen Menschenleben kosten könnte, ganz abgesehen. Anleger tun gut daran, die Coronakrise zu Ende zu denken – sie müssen sich vergegenwärtigen, was auf dem Spiel steht und wie ein Worstcase aussehen könnte. 

Gesellschaftlich betrachtet, droht in den kommenden Wochen ein wahres Horrorszenario, das eine ganze Generation prägen dürfte – und in der Folge die Verkettung der Weltwirtschaft. Die drakonischen Maßnahmen, die in diesen Stunden in den wichtigsten Volkswirtschaften Europas und möglicherweise bald der Welt getroffen werden, dürften fraglos zur tiefsten Rezession seit der großen Finanzkrise führen. Doch anders als 2008 haben die Notenbanken ihr Pulver weitgehend verschossen. Das globale Finanzsystem ließ sich nur mit einer konzertierten Aktion mehrerer Staaten retten – und zwar verhältnismäßig schnell.    

Steht die Welt vor einer Jahrhundertpandemie?

Der Ausgang der Coronakrise erscheint dagegen vollkommen ungewiss. Selbst höchst angesehene Mediziner wie Prof. Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, wechseln ihre Einschätzungen teilweise im Wochentakt. Hieß es noch zuerst, der Frühling würde eine Verbreitung des Virus stoppen, wurde die Aussage vergangene Woche wieder einkassiert.  Ein Impfstoff erscheint dagegen erst in zwölf bis 18 Monaten in Sicht. Und der große medizinische Hoffnungsträger Remdesivir? Die Zulassung erscheint so weit weg wie die tatsächliche Wirksamkeit.

Entsprechend befindet sich die Menschheit in diesen Wochen im uncharted territory, im wörtlichen Sinne Neuland. Bekommt der Rest der Welt – anders als China – die Ausbreitung des Virus nicht in den kommenden Wochen unter Kontrolle, drohen im Frühjahr apokalyptische Verhältnisse in den Krankenhäusern, aber auch in der Wirtschaft, schließlich kann ein Lockdown kaum monatelang aufrechterhalten werden, dafür sind westliche Gesellschaften nicht gemacht. Die Folge wäre eine Jahrhundertepandemie, vor der Bill Gates gewarnt hat – ein millionenfaches Massensterben, eine neue spanische Grippe, deren Folgen die Dekade prägen dürften. 

Charlie Munger: Anleger müssen Reifeprüfung mit Kursverlusten von 50 Prozent bestehen

Ein solches Worstcase-Szenario erscheint in den gegenwärtigen Kursniveaus kaum eingepreist. Zum Vergleich: Im letzten Jahrhundert-Crash 1929, der in der Großen Depression der 30er gipfelte, verlor der Dow Jones 90 Prozent seines Wertes. Warren Buffetts Investment-Partner Charlie Munger erklärte auf der Höhe der Finanzkrise einst, dass sich Anleger jederzeit auf eine Kurshalbierung einstellen müssten.

„Wer einem Marktrückgang von 50 Prozent nicht mit Gleichmut begegnet, der sich zwei oder dreimal im Jahrhundert ereignet, ist nicht reif, Aktionär zu sein“, Die kommenden Wochen und Monate könnten für Anleger in der Coronakrise genau diese Art der Reifeprüfung bringen.