Werbung
Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    18.748,18
    +213,58 (+1,15%)
     
  • Euro Stoxx 50

    5.043,02
    +66,89 (+1,34%)
     
  • Dow Jones 30

    40.000,90
    +247,10 (+0,62%)
     
  • Gold

    2.416,00
    -5,90 (-0,24%)
     
  • EUR/USD

    1,0910
    +0,0040 (+0,37%)
     
  • Bitcoin EUR

    55.042,11
    +1.173,20 (+2,18%)
     
  • CMC Crypto 200

    1.249,74
    +51,17 (+4,27%)
     
  • Öl (Brent)

    82,18
    -0,44 (-0,53%)
     
  • MDAX

    25.904,22
    +156,02 (+0,61%)
     
  • TecDAX

    3.408,93
    +14,12 (+0,42%)
     
  • SDAX

    14.684,96
    +17,16 (+0,12%)
     
  • Nikkei 225

    41.190,68
    -1.033,32 (-2,45%)
     
  • FTSE 100

    8.252,91
    +29,57 (+0,36%)
     
  • CAC 40

    7.724,32
    +97,19 (+1,27%)
     
  • Nasdaq Compositive

    18.398,45
    +115,04 (+0,63%)
     

Vor neuer Zinsrunde von EZB und Fed : Weil die Wirtschaft in die Rezession rutscht, mehren sich die Rufe nach einer Zinspause

Einerseits die Inflation. Andererseits die Konjunktur. Die Europäische Zentralbank und ihre Präsidentin Christine Lagarde stehen vor ihrer schwersten Zinsentscheidung. - Copyright: Picture Alliance
Einerseits die Inflation. Andererseits die Konjunktur. Die Europäische Zentralbank und ihre Präsidentin Christine Lagarde stehen vor ihrer schwersten Zinsentscheidung. - Copyright: Picture Alliance

Lange war eine Entscheidung der Zentralbanken über ihre Leitzinsen nicht mehr so knifflig. Lange war es nicht mehr so spannend, wie die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed am 14. und 20. September entscheiden. Erhöhen sie noch einmal die Zinsen? Verzichten sie darauf? Wäre dies dann nur eine Zinspause oder schon der Zinsgipfel. Und mehr noch: Wann könnten die Zinsen wieder sinken.

Wir stellen die Ausgangslage, die wichtigsten Argumente, Stimmen und Prognosen für euch zusammen.

So schnell und stark sind die Zinsen gestiegen

Die EZB und die Federal Reserve haben die Leitzinsen seit 2022 so schnell und kräftig erhöht wie noch nie. Sie reagierten damit auf einen ebenso beispiellosen Anstieg der Inflationsraten.

WERBUNG

Die EZB erhöhte die Leitzinsen für die Euro-Zone seit Juli 2022 neunmal. Ohne Unterbrechung hob sie die Zinssätze um insgesamt 4,25 Prozentpunkte an. Der letzte Zinsschritt erfolgte Ende Juli um 0,25 Punkte.

Der Refinanzierungssatz, zu dem Banken Geld bei der Notenbank leihen können, beträgt aktuell 4,25 Prozent. Er ist damit so hoch wie seit 2008 nicht mehr. Der Einlagensatz, zu dem Banken Geld bei der Notenbank parken können, beträgt 3,75 Prozent. Dies ist der höchste Einlagensatz seit dem Start des Euros im Jahr 1999. Ebenso hoch war er bisher nur einmal, nämlich im Jahr 2001.

In den USA hat die Fed die Zinsen nicht nur früher, sondern auch stärker angehoben. Seit dem Frühjahr 2022 schraubte die US-Notenbank ihren Leitzins in zehn Schritten um 5,0 Prozentpunkte bis auf eine Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent in die Höhe.

Die Daten zu Inflation und Konjunktur

Ziel der Zinserhöhungen ist es, die Inflation zu bremsen. Die Wirkung geht aber über Bande. Höhere Zinsen dämpfen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit die Preise. Zinserhöhungen wirken daher sowohl auf die Inflation als auch auf die Konjunktur.

Die Inflation geht weltweit zurück, aber unterschiedlich schnell. In Deutschland fiel die Inflationsrate im Juli von 6,4 auf 6,2 Prozent. Sie liegt damit noch nahe dem Höchststand von 8,8 Prozent im Oktober.

Maßgeblich für die EZB ist aber nicht Deutschland, sondern die Euro-Zone. Dort ist die Inflationsrate im Juli auf 5,3 Prozent gefallen. Allerdings mit einer starken Spreizung von 1,9 Prozent in Belgien bis zu acht Prozent im jüngsten Euro-Mitglied Kroatien. Die EZB strebt eine Inflationsrate von zwei Prozent an.

Die deutsche Wirtschaft gerät immer mehr in eine Schieflage. Vor allem die Industrie zieht die Konjunktur nach unten.
Die deutsche Wirtschaft gerät immer mehr in eine Schieflage. Vor allem die Industrie zieht die Konjunktur nach unten.

Die USA sind schon etwas weiter. Dort beträgt die Inflationsrate im Juli nur noch 3,2 Prozent. Allerdings nahm die Teuerung zum Juni wieder leicht zu. Auch die Fed strebt zwei Prozent Inflationsrate an.

Die Konjunktur wackelt. Deutschland, aber auch die Euro-Zone, stehen am Rande einer Rezession. Im Sommerquartal stagniert die Wirtschaftsleistung. Für Deutschland erwarten viele Ökonomen aber im Laufe des Jahres einen Rückfall in die Rezession. Die deutsche Wirtschaft ist im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2022 geschrumpft.

Die Argumente für und gegen eine Zinserhöhung

Das wichtigste Argument für eine weitere Zinserhöhung der EZB ist die hartnäckige Inflation über dem EZB-Ziel von zwei Prozent. EZB und Bundesbank erwarten zwar, dass die Preise bald langsamer steigen. Doch in ihren Prognosen liegt die Teuerungsrate bis weit ins kommende Jahr bei über zwei Prozent.

In Deutschland sinken die Preise auf den vorgelagerten Wirtschaftsstufen, wie den Importen, bei Herstellern und im Großhandel bereits. Als Gegenkraft wirken die starken Lohn- und Gehaltserhöhungen, die nun die Kosten erhöhen. Vor allem bei Dienstleistern nehme der Preisdruck wieder zu, ergab eine S&P-Umfrage bei 800 deutschen Managern.

Gegen eine Zinserhöhung spricht die wackelige Konjunktur. Die EZB ist zwar allein der Preisstabilität verpflichtet. Sie hat die Folgen der Zinserhöhungen auf die Konjunktur aber im Blick.

Umfragen, Studien und Analysen von Ökonomen ergeben, dass die höheren Zinsen die Wirtschaft jetzt spürbar bremsen. Am deutlichsten am Bau, wo höhere Finanzierungskosten zu einer tiefen Delle führen.

Eines der größten Probleme ist, dass Zinsänderungen erst mit großer Verzögerung auf die Realwirtschaft durchschlagen. Aktuell kommen sie mit Wucht an, und der Schmerz nimmt zu. Dies ist ein Argument, dass die EZB eine Zinspause einlegen und abwarten sollte, wie stark ihre bisherigen Zinsschritte die Konjunktur dämpfen.

So hat es auch die Fed in den USA gemacht. Dort ist die Wirtschaft bisher noch sehr robust. Doch viele Ökonomen erwarten, dass die höheren Zinsen auch in den USA in der zweiten Jahreshälfte zu einem Abschwung führen werden.

China wird derzeit vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind der Weltwirtschaft.
China wird derzeit vom Hoffnungsträger zum Sorgenkind der Weltwirtschaft.

Diese Zinsentscheidungen erwarten die Experten

Selten waren Analysten und Volkswirte so gespalten. Für die EZB zeichnen sich aber zwei Szenarien ab. Entweder erhöht sie die Leitzinsen im September noch einmal um 0,25 Prozentpunkte und deutet eine folgende Zinspause an. Oder die EZB verzichtet jetzt auf einen Zinsschritt, behält sich weitere aber vor. Mit einer Zinssenkung in der Euro-Zone rechnen die meisten Experten nicht vor Mitte 2024.

Anders in den USA. Dort erwarten die meisten Beobachter keine weitere Zinserhöhung mehr, die Fed könne schon ab Anfang 2024 die Zinsen in den USA wieder senken.

Die Stimmen im Einzelnen:

EZB-Ratsmitglied Martin Kazaks

Das lettische Ratsmitglied Martin Kazaks gehört eher zu Anhängern einer harten Zinspolitik. Auch er sagte nun: „Wenn wir uns die kommenden Monate ansehen, dann werden die Zinssätze, wenn überhaupt, nur sehr geringfügig steigen.“

Volker Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

„Der Zinsgipfel ist sehr nahe gerückt. Dafür gibt es drei Gründe: Die Zinsen sind bereits so hoch, dass sie die Konjunktur spürbar dämpfen. Die volle Bremswirkung kommt erst noch. Und drittens ist die Inflation sichtbar rückläufig. Das spricht dafür, dass die Notenbanken in Kürze aufhören sollten und aufhören werden.

In den USA ist es knapp, aber vermutlich gibt es dort keinen weiteren Schritt. Bei der EZB ist es ein klein bisschen wahrscheinlicher, dass sie im September noch einmal einen Viertelprozentpunkt nachlegt.

Der größere Unterschied betrifft 2024. Da denken wir, dass die US-Notenbank ab Frühjahr ihre hohen Leitzinsen wieder senken wird. Die EZB wird ihren Leitzins im Laufe des nächsten Jahres kaum senken.“

Daniel Hartmann, Chefvolkswirt Bantleon

Zur Euro-Zone: „Wir gehen davon aus, dass die Währungshüter auf eine nochmalige Zinsanhebung verzichten. Stattdessen dürfte eine Diskussion entbrennen, wie lange man das aktuelle, restriktive Zinsniveau beibehalten sollte. Diese Debatte dürfte gegen Ende des Jahres an Fahrt aufnehmen, wenn klar wird, dass die Annahmen zu BIP-Wachstum und Inflation für das kommende Jahr zu hoch angesetzt sind. Wir gehen davon aus, dass die Diskussion in einer ersten Zinssenkung im März 2024 mündet. Zwei weitere Zinssenkungen bis Mitte des Jahres dürften folgen.“

Zu den USA: „In den USA kommt die Fed von zwei Seiten unter Druck, die Leitzinsen zu senken. Zum einen, weil der Inflationsrückgang die Realzinsen steigen lässt und so eine weitere, ungewollte Straffung der Finanzierungskonditionen hervorruft. Zum anderen führt der mit einer Rezession einhergehende Anstieg der Arbeitslosenquote dazu, dass die Fed ihr Vollbeschäftigungsziel verfehlt und deswegen mit geldpolitischen Lockerungen gegensteuern muss. Wir rechnen daher im Lauf des ersten Halbjahrs 2024 mit Zinssenkungen im Umfang von rund 1,5 Prozentpunkten.“

Mark Wall, Europa-Chefvolkswirt Deutsche Bank

„Die anhaltende Schwäche des verarbeitenden Gewerbes könnte mehr als nur zyklisch sein. Sie könnte auf einen hartnäckigeren und strukturellen Wettbewerbsschock hindeuten. Die Abschwächung im Dienstleistungssektor könnte zeigen, dass die monetäre Transmission stärker ist als von den Falken erwartet. Wir gehen davon aus, dass die EZB im September eine Pause einlegen wird, aber es ist noch nicht klar, ob die Inflation dort ist, wo die EZB sie haben will. Eine Pause sollte nicht als Zinsgipfel missverstanden werden.“

Jari Stehn, Europa-Chefvolkswirt Goldman Sachs

„Wir halten an unserer Prognose fest, dass der Zinssatz im September um 0,25 Prozentpunkte steigen wird“, sagte Jari Stehn laut "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ).

Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin

„Ich denke, es macht für die EZB und die Fed Sinn, im September mit der Kombination von einer Zinspause und einer restriktiven Kommunikation etwas Zeit zu gewinnen“, zitiert die "FAZ" Karsten Junius.

Umfrage des ZEW bei Finanzexperten

In der regelmäßigen Umfrage des Zentrum für Wirtschaftsforschung erwartete eine Mehrheit der Finanzexperten in deutschen Großunternehmen keine weitere Zinserhöhung im Euro-Raum.

Jugendliche machen umso eher einen Nebenjob, je höher das Einkommen ihrer Eltern ist.
Jugendliche machen umso eher einen Nebenjob, je höher das Einkommen ihrer Eltern ist.